Auf der „Pasteur“

...Hendrix Hannes und Kieling Erwin wollten unbedingt mit Arthur

nach Indochina und so standen sie stramm vor dem Capitaine Caillaud.

Dieser lief in seinem Zimmer auf und ab. „Mensch, Hendrix, was willst

du denn in Indochina, wenn wir dich doch hier dringend gebrauchen

können. Wer soll denn das Clarion blasen, um die Legionäre bei Laune

zu halten? Abgelehnt! Nun zu euch, Legionäre 2. Klasse. Bayer Erwin

Kieling und Arthur Engel. Fertigmachen nach Indochina. Abtreten. Einfachbillet,

ohne Garantie einer Rückfahrt. Dafür inklusive Verpflegung,

Unterkunft, saubere Weiber und mehr Sold. Na viel Glück.“

Alles Gemecker und Gebettel half nichts, Hendrix trippelte hinter dem

Capitaine Caillaud her: „Mon Capitaine, Sie können mich nicht daran

hindern, dass ich mich nochmals schriftlich bei der Kommandantur wegen

Indochina melden werde. Sagten nicht Sie, dass ich mich nach der

Desertierung freiwillig nach Indochina melden soll?“ Dabei salutierte

er kurz und trat wieder einen Schritt aus lauter Ehrfurcht zurück. Capitaine

Caillaud schaute ihn mitleidig an, winkte mit der Hand nur ab

und ließ Hendrix stehen. Dabei seufzte er vor sich hin: „Oh Hendrix,

oh Hendrix, du großes Kind, wirst mir irgendwann nochmals dankbar

dafür sein ...“

Einer musste Kasernenkommandos mit dem Clarion blasen und er war

hier immer noch der Einzige, welcher für die Kompanie zur Verfügung

stand. Eine Kaserne ohne zackig geblasenes Kommando, undenkbar.

Basta, war das letzte, schroffe Wort, das er von Capitaine Caillaud zu

hören bekam. Ein Gejammer veranstaltete der treue Hendrix da. Es

nutzte alles nichts. Arthur und Erwin versuchten ihn zwar zu trösten,

dass er es doch ganz gut mit den Arbeiten der erlauchten Gesellschaft

könne und so einen lauen Lenz schieben kann. Auch die lüsternen Damen

der Herren Offiziere seien doch ganz reizvoll, seien stets willig,

rochen gut und kosteten nichts, im Gegensatz zu `Madame Babette´.

Nein, er wollte nach Indochina mit Arthur. Böse, schlitzäugige, kommunistische

Vietminh töten. Gelben, kleinen Affen den Garaus machen.

Das wolle er.

Freilich, gerade der Hendrix, welcher keiner Fliege was zu Leide tun

kann. Doch töten könne man ja lernen.

Innerhalb von 14 Tagen mussten sich Erwin und Arthur bei der Abteilung

melden, welche die Überfahrt nach Indochina organisierte. Mit

der „Pasteur“, eigentlich ein stolzes Passagierschiff, stachen sie am 22.

Juni 1953 in See.

Es war nicht ungewöhnlich, dass man Passagierschiffe akquirierte. Die

holländische „Johan de Witt“ stach schon 1946 mit Legionären in See

nach Indochina. Diesmal der wohl berühmteste Truppentransporter:

die „Pasteur“. Alles Freiwillige oder manche als gezwungene Freiwillige.

Doch den Legionären brannte die Abenteuerlust in den Augen. Mit

dabei auch viele hakennasige Araber und rabenschwarze Senegalesen.

Allerdings war deren Grund, in die Ferne zu schweifen, alles andere als

Abenteuerlust, andere Kulturen oder gar Frauen. Auch sie, natürlich,

alle „freiwillig“ angeworben, doch der überzeugendere Grund war eher

der: Der Sold überstieg um ein Vielfaches den der Heimat und es gab

im Gegensatz zum Mutterland immer einen gefüllten Teller Essen und

einen Napf voll zu trinken. Wenn man wollte, sogar einen ordentlichen

Schlag obendrauf.

 

Bild 47

Postkarte

„Liebe Mama!

Deinen Brief vor langer Zeit erhalten und wurde bis jetzt noch nicht beantwortet.

Seit gestern befinde ich mich in Oran. Von hier aus geht es mit der „Pasteur“

nach Indochina. Seit einer Stunde sind wir schon auf dem Schiff. Sonst

geht es mir gut. Wenn es geht, werde ich von unterwegs noch mal schreiben.

Es grüsst Dich Dein Arthur.

Oran 23. Juni 1953”

 

 

Die Legionäre setzten sich wie folgt zusammen: ca. 60% Deutsche,

dann Spanier, Italiener, Franzosen (mussten aber eine andere Natio104

nalität annehmen). Viele Schweizer, wobei dabei die wenigsten wirkliche

Schweizer waren. Dann Holländer, Österreicher, Belgier, einige

Briten, wenige US-Amerikaner, Tschechoslowaken, Polen, Ungarn,

Bulgaren, Rumänen und aus der Sowjetunion. Männer, oder die es mal

werden wollten, aus allen Teilen der Welt. Mit diesen Menschenmassen

durchschnitt die „Pasteur“ elegant die Fluten. Vorbei an Port Said

ging es durch den Suezkanal in das Rote Meer. Besonders beliebt bei

Deserteuren, die da über Bord sprangen, um zu ertrinken oder sonst

irgendwie zu sterben. Auf Höhe von Mekka mussten alle Europäer eine

statische Erfahrung der ungewöhnlichen Art kennenlernen. Auf der gegenüberliegenden

Seite des Schiffes, nämlich links, backbord, lag das

Heilige Mekka. Und was machte der ordentliche Moslem brav, damals

wie auch heute? Beten. Alle Muslime stürmten auf die nach Mekka gewandte

Seite des Schiffes und warfen sich auf ihren Teppich oder auf

einen Stofffetzen, um unter Korangemurmel ihrem heiligen Allah zu

huldigen. Allen Nichtmuslimen wurde sofort befohlen, sich auf die

Steuerbordseite zu begeben, damit das Schiff einigermaßen austariert

werden konnte. Nun sah man massenweise wippende Hintern, die sich

Erst Anwerbung im senegalesischen Dakar und schon Kolonialsoldat in Indochina

den „Ungläubigen“ auf der andern Seite des Schiffes entgegenstreckten.

Eine Geräuschkulisse hunderter gläubiger Muslime. Dann war Schluss

mit Allah und es ging weiter an Dschibuti vorbei, in den Golf von Aden,

um in die Weiten des Indischen Ozeans einzulaufen. Das Essen und die

Unterkunft waren etwas beengt, aber ansonsten ausgezeichnet.

Damit keine Langeweile aufkam, organisierten die Kommandierenden

ein Volleyballturnier, welches die Überfahrtzeit in Anspruch nehmen

sollte. Somit konnten die Kolonialsoldaten sich sportiv die Zeit vertreiben

und eine allgemeine Begeisterung konnte festgestellt werden.

Wie überall auf der Welt verbindet Sport die Menschen, trotz aller unterschiedlicher

Hautfarbe, Kultur- und Religionsgrenzen. Es bildeten

sich schnell aus den verschiedenen Einheiten des Expeditionskorps

Mannschaften. So gruppierten sich die Legionäre, auch die Paras, die

arabischen Tirailleure (Schützen), Senegalesen, französische Kolonialsoldaten

und die Schiffsbesatzung zu eigenen Teams. Arthur, welcher ja

noch offiziell Arrest genoss und sein Dasein tief im Inneren des Schiffes

fristete, wurde in das Team der Paras integriert. Kamerad Erwin setzte

sich beim Kommandanten durch und konnte diesen überzeugen, dass

Arthur durchaus in dieser Disziplin zu gebrauchen wäre. Erwin hatte

sein Quartier in einem Schlafraum bei den Paras und seither sahen sich

die beiden nicht mehr.

Ein arabischer Tirailleur mit listigem Blick und sauber gestutztem Bärtchen

über seinen Lippen wurde vor Spielbeginn beauftragt, Arthur aus

dem düsteren Schlund des schnaufenden Schiffes zu holen. Arthur war

versunken im tiefen Schlaf. Da unten findet man einen feinen Cocktail,

bestehend aus quirlenden Schraubengeräuschen, großer Hitze,

stickiger Luft, kein Tageslicht, dafür Ölgeruch und immer ein dumpfes,

tiefes Gebrumme von Dieselaggregaten vor. Dafür ließen diese

monotonen Geräusche einen einschlummern, als hätte man in Massen

Schlaftabletten eingeworfen. Nun kam dieser Störenfried von Araber

und plapperte Arthur sogleich wie auf dem Bazar voll: „Ich muss dich

zum großen Spiel an Deck holen. Aber hör: Willst du billig Zigaretten

oder Schnaps kaufen? Hassan hat hier alles laufen. Preise günstiger

wie auf großen Markt von Oran. Bei meiner Mutter, schwöre ich dir.“

Dabei legte er, ganz der große Kumpel, freundschaftlich seinen Arm

um Arthurs Schulter und blickte kurz hinter dessen Hals, ob vielleicht

ein goldenes Kettchen oder sonstiges Verwertbares dort hinge. Mit der

anderen Hand versuchte er bei Arthur wie aus Versehen, seine Hosentaschen

anzutesten, ob sich dort eine Geldbörse verberge, die sich flugs

herausziehen lasse. Natürlich blieb Arthur das nicht verborgen und es

knallte ganz fürchterlich an die Backe des erschrocken Arabers. „Du

Zemmel (Schwuchtel), fass mich bloß nie wieder an, sonst verfüttere ich

dich den Haien. Hoffentlich fressen sie deinen Kadaver dann. Ach was,

auskotzen werden sie dich. Du Lump lebst in meiner Nähe verdammt

gefährlich. Lauf vor mir her und schau ja nicht zurück.“ Über die scheppernden

Metalltreppen ging es stockwerkweise nach oben. Über den

Aufzug hatte man keine Chance, denn der war dauerbesetzt.

An Deck kämpften die Teams wacker über die Tage und tatsächlich

schafften es die Paras, sich bis ins Finale zu schießen. Erwin und Arthur

waren mit ihrem Team wie im Siegesrausch. Endgegner war das Team

der Schiffscrew „Pasteur“. Die einen sauber in Weiß gekleidet, die anderen

in Olivgrün. Das Finale wurde von allen sehnsüchtig erwartet

und ein jeder versuchte, sich einen geeigneten Platz zu ergattern. Dann

das grelle Hornsignal der „Pasteur“. Alarm!

Zum Leid aller machte ein aufkommender, unangenehmer Sturm den

Teams so zu schaffen, dass ein Ball nach dem anderen im wahrsten

Sinne des Wortes von Bord geblasen wurde. Leider konnte das Finale

nicht mehr durchgeführt werden, da es keine Bälle mehr gab, und bedingt

durch die mächtige Sturmfront, die da auf einen zuraste, mussten

alle sicherheitshalber unter Bord. Erst kurz vor Ceylon beruhigte sich

die Lage ein wenig und in Colombo bunkerte die „Pasteur“ Diesel für

die letzte Etappe. Von Bord durfte keiner und weiter ging es dem Ziel

entgegen. Das Schiff flankierte Indonesien und Malaysia durch die enge

Malakkastraße. Man konnte Land erkennen, welches zum Greifen nahe

schien. Sollte jemand auf den Gedanken kommen, sich die Sache mit

Indochina zu überlegen und womöglich über Bord zu gehen, um an

Land zu schwimmen, so wurde dieser Gedanke bei dem haiverseuchten

Gewässer gleich wieder verworfen. Zu einer anschaulichen Demonstration

ließ ein Kommandeur der Kolonialsoldaten von einigen Küchenhelfern

blutgetränkte Essensreste über Bord werfen. Bei diesem Spektakel

waren stets genügend Schaulustige versammelt, darunter auch

Erwin und Arthur. Es folgte ein Brodeln, ein Aufpeitschen des Wassers

und unzählige Makkohaie der wilderen Art schlangen gierig hinunter,

was sie erwischen konnten. Erwin und Arthur schauten sich nur kurz

an und verstanden.

Mittlerweile stiegen die Temperaturen an Bord ins Unermessliche. Das

Volleyballfinale wurde erneut verschoben.

Das Thermometer kletterte auf unerträgliche 45 Grad und man konnte

sich nur noch im Schatten aufhalten. Die Offiziere befahlen ihren Soldaten,

so viel Wasser wie möglich ihren Körpern zuzuführen. Liegen

und nicht bewegen, so das allgemeine Motto. Die Kolonialsoldaten und

Legionäre sollten als funktionierende Kampfeinheit, nicht als Wracks in

Indochina ankommen.

Arthur machte das recht wenig aus, denn in seiner Gruft tief unten im

Schiff war es immer gleich heiß und gleich stickig.

Die „Pasteur“ passierte das britische Singapur, um weiter nach Saigon

zu schippern, um dort einzulaufen.

Von einem der Schiffscrew bekam Arthur den Tipp, amerikanische Zigaretten

im Bordshop zu erwerben, da man die Glimmstängel hier billiger

kaufen könne. In Indochina seien diese Mangelware und deshalb

teuer. Ein ganz großer Schiffssack wechselte nach einer kurzen Preisverhandlung

so den Besitzer. Arthur kaufte ein, was er tragen konnte.

Später stellte es sich als eine vernünftige Investition heraus.

In Saigon angekommen, verließen Teile der senegalesischen und arabischen

Einheiten die „Pasteur“ und es ging zur letzten Etappe in den

Golf von Tonkin, nach Hai Phong, wo sie am 10. Juli 1953 in die Bucht

einliefen...

Ausschnitt aus dem Buch `Dien Bien Phu´ von Terry Kajuko – Verlag: EPEE-Edition

 

 

Arthur Engel erlebte als Fallschirmjäger der französischen Fremdenlegion im 1er BEP den Krieg in Indochina und 1954 die Schlacht von Dien Bien Phu. Der Autor Terry Kajuko hat in dieser romanhaften Biografie die Erlebnisse seines Vaters verarbeitet.

Neben interessanten persönlichen Erlebnissen werden in diesem Buch, das über 250 Fotos und Karten beinhaltet, zahlreiche Fakten und Hintergründe des Indochina-Krieges, zur Schlacht in Dien Bien Phu und zur französischen Fremdenlegion erläutert.

„In Algerien zu Fallschirmjägern ausgebildet und nach Indochina verschifft, befanden sie sich in keinem gewöhnlichen Krieg, sondern in einem Dschungelkrieg des Mikrokosmos. Ein Krieg ohne zusammenhängende Front. Das Einsatzgebiet eines Elitesoldaten, des Fallschirmjägers.
Im Norden, an der Grenze zu Laos und nicht weit bis China, schwebten die besten Kolonialtruppen in kürzester Zeit vom Himmel oder wurden auf der zusammengebauten Landepiste abgesetzt. Es war die größte Luftlandeoperation im Indochina- und späteren Vietnamkrieg.
In der darauffolgenden Schlacht in einem Tal namens Điện Biên Phủ wurden bewegliche Kampfeinheiten in zusammengebastelten Erdbefestigungen untergebracht, welche in keinster Weise ausreichend gegen Granatenbeschuss gesichert waren. Umzingelt von einer in Laufgräben geschützten und ausgezeichnet bewaffneten Übermacht, den Vietminh. General Giaps Artillerie feuerte völlig überraschend aus gut getarnten Stellungen heraus, hoch oben in den Bergen, wo jede abgefeuerte Granate ein Treffer war.“


http://www.epee-edition.com/index.php/de/onlineshop/biografien-1/dien-bien-phu-detail

E-Book: http://www.epee-edition.com/index.php/de/onlineshop/ebooks/dien-bien-phu-ebook-detail