13. März 1954

Ein Morgen der Routine erweckte die Garnison des Tales in gewohnter

Betriebsamkeit. Das Wetter war gut, die Sonne schien, ein schöner Tag

zum Sterben.

An der Flugpiste reparierten die Servicemechaniker einige „Bearcat“

Jagdbomber, welche gestern durch Granatsplitter beschädigt wurden.

Im provisorischen Flughafentower inspizierte Capitaine Charnot die

Aufräumungsarbeiten des Granatenangriffs auf sein Heiligtum mit

dem offiziell kreierten Namen Nr. 195. Er schaute sich die Sache an und

dachte: „Immer wieder dieser Mist. Tagelang nichts, dann ein, zwei

Granaten und rums, diese Sauerei. Davon knallten Granatteile ausgerechnet

bei mir in meine Bude rein“. Er schüttelte seinen Kopf, drehte

sich um, wischte dabei den Schweiß mit dem Ärmel von seiner Stirn.

Unter grimmigem Murmeln wackelte er von dannen: „Ich hol mir erstmal

einen Kaffee mit reichlich Milch. Ich muss den Dampf der gestrigen

Geburtstagsfeier aus meinem Schädel bekommen.“

Doch gegen 8:30 Uhr gab es Hektik in der Garnison, als eine Maschine

vom Typ „C-46 Curtiss Commando“ landete. Sie hatte einige Kampfnarben

von Viet-Flakgeschossen abbekommen. Danach landeten noch

zwei „Dakotas“. Diese zierten ebenfalls Blessuren mit Einschusslöchern

an den Tragflächen. Unangenehm bezeichnend.

Zur Pastiszeit, kurz nach 15:00 Uhr, landete eine weitere „Dakota“ mit

zwei Bekannten. Die Reporter André Lebon und Jean Martinoff hatten

nach Đien Biên PhuSehnsucht und machten sich nach `Huguette´

zu den Legionären des 1. Bataillons vom 2. REI auf. Sie wollten einen

kleinen Smalltalk mit dem Kommandierenden Clémençon führen.

Sie wurden wie zwei alte Kumpels freudig empfangen und konnten

tatsächlich bei Tisch einige Informationen niederschreiben.

Die Symphonie des Todes leitete eine Ouvertüre mit einem gewaltigen

Paukenschlag ein, durch das brachiale Inferno von insgesamt 9000

Granaten aus den Geschützen der umliegenden Anhöhen auf die völlig

geschockten Einheiten der Trikolore. Abgesehen hatten es die Vietminh-

Artilleristen der schweren 351. Division vor allem auf die Stellungen

von Madame `Béatrice´ (Him Lam) und `Gabrielle´ (Ban Kéo). Das

Granatfeuer kam aus Richtung der Hügel 633, 674 und 701. Doch auch

`Isabelle´, `Dominique´und `Eliane´ wurden nicht geschont und getroffen.

Kurzfristig hielt man es für eigenes, versehentliches Feuer, bis man

eines Besseren belehrt wurde.

Das gnadenlose, präzise Granatfeuer dauerte die ganze Nacht über und

hinterließ bei den Besatzern einen beklommenen, zermürbenden Eindruck.

Angaben des Legionärs Arthur:

Wir hatten einen ruhigen Tag, Chuk war so nett und betätigte sich bei mir

als Barbier. Gerade als er das Rasiermesser wegsteckte, krachte es los. Wir

spähten aus unseren Stellungen in Richtung `Gabrielle´ und `Béatrice´. Immer

wieder konnte man die Granaten anfliegen sehen und kurz darauf detonierten

sie im Sekundentakt in den Stellungen. So ging es für meine Begriffe

eine Ewigkeit. Auch in der Nähe unserer Unterstände schepperte es hin und

wieder. Nach dem Artilleriebombardement, welches nur Treffer kannte, setzte

spannende Stille ein und kurz nach Einbruch der Dunkelheit ertönte von überall

her dumpfes, böse klingendes Horngebläse. Unter dem ohrenbetäubenden

Angriffsgeschrei „Tien Len, Anh Hai Doc Lap di di Maulen“ (Vorwärts, ältere

Brüder, auf schnell, schnell) stürmten sie voran, die Vorhut der 312. Division,

bewaffnet mit Macheten, Handgranaten und Bambusmatten, um die Minenfelder

und Stacheldrahthindernisse zu überwinden. Sprengkommandos mit

langen Bambusstangen, an denen Sprengsätze montiert waren, schmissen ihre

Bambusrohre in die Stacheldrahtverhaue und Minenfelder und zündeten die

Sprengladungen mit einer Sprengschnur, um Quadratmeter für Quadratmeter

Breschen in die Verteidigungsringe zu schlagen. Diese Aktionen führten zu

so schweren Verlusten beim Feind, dass reguläre Vietminh-Pioniere als Verstärkung

herangeführt werden mussten.

 

Angaben der Franzosen:

Das von den Granaten vorab schwer gebeutelte `Béatrice´ wurde

praktisch im Sturm überrannt. Gaucher, Kommandant von `Béatrice´,

hörte über Funk nur noch Wortfetzen, ein Gefluche und „alle tot“. Er

brüllte in die Sprechmuschel: „Menschenskind, Pégot, was ist denn los,

ich verstehe ja gar nichts, verwenden Sie die militärischen Begriffe, beherrschen

Sie sich und antworten. Antworten Sie doch“. Durch einen

verstörten Melder, der Minuten später angehetzt kam, wurde mitgeteilt,

was vermutet wurde, Maj. Pégot, Chef der Fremdenlegionäre vom

3. Bataillon der 13. Halbbrigade, ist samt seinem Adjutanten Capitaine

Pardi durch einen Granattreffer gefallen.

Kaum hatte er sich nach dieser Mitteilung wieder gefasst, knallte eine

105mm-Granate in Gauchers Befehlszentrum. Panik, kein Licht mehr.

Durch Taschenlampen sah man im Dunst des Rauches schemenhafte

Gestalten mit zerrissenen Klamotten wie Geister aus der Unterwelt

umher wanken. Stabschef Maj. Vadot hustete und schrie: „Gaucher hat

keine Arme mehr, er verliert viel Blut. Bringt Wasser, schnell, er will

trinken!“

Das Hauptquartier von Lieutenant-Colonel Gaucher war vernichtet.

(Oftmals liest man die Erzählung, dass durch die Sichtluke, aus der

Gaucher hinauslugte, die Granate kam und ihm den Kopf abriss. Diese

Ausführung gehört in das Reich der Fabeln.)

Von dem sympathischen 48-jährigen Gaucher samt seinem Führungsstab

blieb da nimmer viel übrig. Er, welcher sich seit 1940 schon in

Indochina mit den Japanern, dann umherstreunenden Nationalchinesen,

Piraten und nun Vietminh herumschlug, ausgerechnet hier musste

diese heranschwirrende Granate ihn ins Jenseits befördern.

Der Feldgeistliche Heinrich blieb bei ihm, bis er seine Augen für immer

verschloss.

Koordinierte Kampfabläufe waren unmöglich, denn viele Feldtelefone

waren zerstört. Jeder Verteidigungsposten kämpfte seinen eigenen

Kampf. Die Kommandeure waren alle tot oder verwundet. Lediglich

die Unteroffiziere versuchten die Lage zu stabilisieren. Die paar überlebenden

Legionäre der III/13. DBLE des Artillerieangriffs wehrten sich

tapfer ihrer Haut und jagten aus Verzweiflung ihr Munitionsdepot mit

Dutzenden Angreifern in die Luft. Unter den 400 Mann gab es nur we268

nige kampffähige Soldaten, welche sich in die Stellungen beim Fluss

Nam Youm flüchten konnten.

Die Landebahn im Verteidigungszentrum wurde fürs Erste durch die

Artilleriegeschosse umgepflügt und somit unbrauchbar geschossen.

Zwei Dakotas wurden durch Granaten am Boden zerstört. Eine, die abheben

wollte, hatte Pech und kriegte einen Artillerietreffer ab, woraufhin

sie wie eine zerdrückte Blechbüchse brennend abstürzte. Ein Jagdbomber

vom Typ `Bearcat´ wurde nahe `Béatrice´ abgeschossen.

Aus den Artilleriestellungen der Franzosen wurden bei dem Angriff

25% der eigenen Granaten auf die vermuteten Kanonen und heranstürmenden

Viets verschossen.

Langlais wurde in seiner amerikanischen Duschzelle auf dem falschen

Fuß erwischt. Gerade als er beim Einseifen war und ein munteres Liedchen

schmetterte, flog ihm tonnenweise Stahl um die Ohren. In ein paar

Minuten war er bereits halb nackt kurz nach 17:00 Uhr bei de Castries,

der wie ein Wilder mit überschlagender, piepsender Stimme um sich

schrie: „Die feigen Kommunisten kommen nicht. Ich dachte, die blasen

zur Attacke. Langlais, glauben Sie mir. Sie haben den Angriff abgeblasen.

Ich lasse von Piroth alles kurz und klein schießen. Diese feigen

Hunde. Das ist nur ein Scheinangriff. Verstehen Sie, Scheinangriff mit

Granaten.“

Minuten später rief ihm sein marokkanischer Bursche zu: „Mon Général,

hören Sie doch den Funk. Ich glaube, das ist kein Scheinangriff.“

Stimmen, Geschrei, das dumpfe Einschlagen von Granaten, das

Knattern von Maschinenwaffen ließen Schlimmstes aus `Béatrice´ befürchten.

Schließlich Funkstille.

Die Bataillonskommandanten Tourret vom 8. BPC und Guiraud vom 1.

BEP waren zur Stelle.

„Langlais, Gaucher ist tot! Du übernimmst ab sofort seinen Abschnitt“;

de Castries versuchte eine Koordination, blieb auf seinen vier Buchstaben

sitzen und starrte die Übersichtskarte von Đien Biên Phu an. Langlais

hatte kurzen Blickkontakt zu Guiraud, zu Tourret, schüttelte nur

den Kopf, reagierte sofort und rief in das Funkgerät: „Sofort das unkon269

trollierte Feuer der Geschütze einstellen, um Munition zu sparen.“ De

Castries äußerte sich entrüstet: „Was fällt Ihnen ein, ich befahl Feuer,

bis die Rohre glühen!“ – „Genau deshalb, das bringt überhaupt nichts.“

Dann gab Langlais an, dass sich eine Dakota mit einem freiwilligen

Flugzeugführer bereithalten solle.

Ein Anruf aus dem Haupt artier Đien Biên Phu nach Hanoi:

„Cogny, Cogny, es geht los, wir liegen flächendeckend unter schwerem

Artilleriebeschuss, ich erwarte jeden Moment einen Sturmangriff der

Kommunisten!“, de Castries war außer sich. Seine Stimme zitterte förmlich

vor Aufregung. „Alter Junge, das ist der Beginn, du wirst es schon

schaukeln. Setz dir einen Helm auf und zieh den Kopf ein.“

Cogny blieb ruhig, schenkte den Cognacschwenker voll, nahm davon

einen Schluck und grübelte in seinem abgedunkelten Büro bei einer kubanischen

Zigarre vor sich hin. In seinen vier Wänden saß er da, nur die

Schreibtischlampe brannte. Er wartete auf neue Hiobsbotschaften.

Um 2:25 Uhr erreichte Cogny ein weiterer Anruf aus DBP: „`Béatrice´

gefallen. Gaucher, Pègot, fast der ganze Stab, ausgelöscht, tot. Sgt. Kubiak

setzte sich mit einigen Legionären der 13. Halbbrigade frühmorgens

in den Dschungel ab. Vorher gab er an Piroth durch, alle Stellungen

in `Béatrice´ mit Artilleriegranaten unter Feuer zu nehmen.“

 

Kurioses:

In dieser Schlacht gab es noch einen Polen namens Kubiak. Dieser

kämpfte aber auf der anderen Seite und bildete Vietminh im Rang eines

Majors aus. Zuerst war auch er bei der Fremdenlegion, 1947 wechselte

er dann die Seite zu Ho Chi Minh. Dort nahm er den Namen Ho Chi

Thuan an. Mit der 312. Division, der er unterstand, war er bei allen

wichtigen Kämpfen dabei.

Angaben der Vietminh:

„9:00 Uhr Zerstörung einer `Dakota´ durch Granaten.

12:00 Uhr Zerstörung einer `Hellcat´ und einer `Dakota´ auf dem Rollfeld.

13:00 Uhr Konterangriff feindlicher Einheiten mit zwei Panzern auf unsere

Stellungen bei Ban Him Lam (`Béatrice´). Die aggressiven Angriffe

wurden abgewehrt.

14:30 Uhr wurde eine `Dakota´ auf dem Rollfeld zerstört.

15:00 Uhr bewegten sich zwei Regimenter unserer 312. Division in eine

Angriffsposition.

17:00 Uhr startete unser Artillerieangriff auf die Flugpiste und die

umgebenden Befestigungen sowie auf Ban Him Lam. Fünf Flugzeuge

wurden zerstört. Einige Versorgungsgebäude brennen. Zwölf Kanonen

und einige Mörser wurden zerstört oder beschädigt. Die erste Sturmattacke

unserer Bo Doi wurde bei Dunkelheit gestartet.

22:30 Uhr wurde die Befestigungsanlage Ban Him Lam ausgeschaltet.

Bataillonskommandant Le Hong Duc meldete, dass er sich über die

Franzosen nur wundern könne. Bis auf 200 Meter konnten sich seine Bo

Doi an die Verteidigungshügel herangraben, Stacheldrahthindernisse

beseitigen, Minen räumen. Es gab keine nennenswerten Störungen

durch die Franzosen."

 

14. März 1954

Angaben der Legionäre:

Dem 8. Fallschirmjäger Sturm-Bataillon, zwei Panzern und dem 1. BEP

mit Arthurs 2. Kompanie wurde der Gegenangriff frühmorgens gegen

7:00 Uhr auf das erhöhte `Béatrice´ befohlen.

„Wir marschierten gegen 7:30 Uhr bei schwerem Regen in Richtung `Béatrice

´ und der restliche Haufen von Fremdenlegionären der 13. Halbbrigade, voran Kubiak, kam uns entgegen. Erwin konnte seine Klappe

nicht halten: „Kopf hoch, Buam, wann mir mit’m Viet fertig und eure

Baracken geputzt sind, dann geb i a Runde Bier aus.“ Einziger Kommentar

von Sgt. Kubiak: „Arschloch!“ Die Verteidiger, voran Kubiak,

griffen sich Munition und Bündel von Handgranaten und es ging mit

einem Batzen Wut im Bauch zurück in Richtung `Béatrice´.

Arthur nach seinem Einsatz:

Schon auf dem Weg dorthin, an der Route 41, kam es zu schweren Gefechten

mit den Viets. Die Laufgräben waren voller erschossener Viets und Legionäre

der 13. Halbbrigade oder anderer Kolonialsoldaten. Wir mussten uns über

blutige, zerfetzte Körper vorankämpfen. Ein MG-Schütze unserer Kompanie

stürzte getroffen zu Boden, ich nahm sofort die am Boden liegende Schnellfeuerwaffe

und feuerte in Richtung der heranstürmenden Viets. Die Viets waren

ausgezeichnet getarnt und rannten gebückt in und über die Laufgräben wie

die Ameisen. Mit viel Blattwerk zur Tarnung am Körper. Als Kopfbedeckung

hatten sie ihren olivfarbenen Tropenhelm oder ihre leicht nach oben spitz zulaufenden,

typischen Strohhüte auf. Die sah ich zu Massen. Immerhin konnten

meine Kollegen der schießenden Zunft und ich uns mit dem MG etwas Luft

verschaffen. Denn zu zielen brauchte man bei dieser Masse an Menschmaterial

wahrlich nicht. Unsere Maschinengewehre versahen ihren Job ausgezeichnet

und es zersägte die heranstürmenden Körper zu unansehnlichen Torsos. Die

Schädel zerplatzten wie Wassermelonen beim Sturz aus einem mehrgeschossigen

Gebäude. Mein MG-Gurt war bedauerlicherweise zu schnell verbraucht

und wir Paras konnten, bedingt durch die Übermacht, dazu die Munition verschossen,

nicht mehr lange `Béatrice’ weiter bestürmen. Aber dennoch stifteten

wir eine Menge Unruhe bei den Viets. Allerdings war `Béatrice´ total zerstört.

Wie mit einer Riesenfräse hatten die Granaten hier alles umgepflügt. Dann kam

ja kurze Zeit später die Waffenpause, die wir über Funk mitgeteilt bekamen.

Wir fingen an, die Verwundeten zu evakuieren. Es war schon seltsam. Auf

einmal diese Ruhe. Grausamer als der Kampfeslärm. Hier lagen Menschen oder

was von ihnen übriggeblieben war, eher menschliche Teile, über- und umeinander.

Von einem furchtbaren Gemorde auf einmal zu einem Nichts von Ruhe,

wie auf einem Friedhof. Pause, durchschnaufen. Auch tauchten Sanitäter der

Viets auf. Zumindest sahen sie so aus. Die Viets sehen ja alle gleich aus. Aber

die zwei, denen ich erst keine Sekunde traute, hatten eine Trage dabei. Zwei

Bambusstangen mit einem Tuchlaken dazwischen. Das konnten nur Sanitäter

sein. Keine drei Meter liefen die beiden an mir vorbei. Ich wollte etwas sagen,

wusste aber nicht, was. Irgendetwas Fieses konnte ich ihrem Gesichtsausdruck

nicht entnehmen.

Unfreundlich wollte ich daher nicht sein und so hob ich meine Schachtel Zigaretten

denen hin. Die beiden waren derart verdutzt, schauten sich an, und

einer kam etwas unsicher auf mich zu, verbeugte sich kurz mehrmals, fragte

„hai Cigarette“? Und er nahm sich zwei von meinen guten „Camel“. Dabei

schauten wir uns tief in die Augen. Ich konnte komischerweise keinen Hass

erkennen, eher jugendliche Neugierde, und wir lächelten uns kurz zu. Der

war bestimmt keine 16 Jahre. Das Alter der Viets kann ein „Weißer“ eh ganz

schlecht einschätzen. Komische Welt. Er wandte sich von mir ab und die beiden

kümmerten sich um ihre verletzten Kameraden. Arbeit hatten die zur Genüge,

denn von den Angreifern lagen hier Hunderte herum und jammerten leise vor

sich hin. Erwin vernahm ein Gebrumme von einem Lkw und rief zu mir: „Arthur,

schau mal, dort mit der Rot-Kreuz-Flagge, da fahrt doch a Dodge mit

unserem Schwarzkittel Trinquand mit’n Sanitätern rum. Mei, vor dem Pfarrer

hab i aan Respekt …“ Den Geistlichen erkannte man an seinem Képi mit

scharlachrotem Samtband und an seinem Rauschebart. Wir nutzten die Pause,

zogen uns nach `Junon´ zurück und verbrachten die Zeit bis zum anderen Tag

mit Ausruhen, ein wenig essen, trinken, nochmals ausruhen und aufmunitionieren.

Die Ruhe hatte ein Ende, als wir über Funk das Kampfgeschehen in

`Gabrielle´zum Teil mitverfolgen konnten: „... sie kommen angerannt wie die

Termiten, zu Hunderten sind sie vor den Stacheldrahtreihen ...“, dann hörte

man MG-Salven knattern, „... nun sind sie bereits über dem Stacheldraht,

welchen sie weggesprengt haben, ... negativ, Bigeard, wir verstehen Sie nicht

... sie rennen auf uns los von allen Seiten ...“, dann wieder Schüsse, Granatenkrachen

und nur noch ein Rauschen. So ein Scheiß, dachte ich und setzte mir

den Stahlhelm auf. Dann, nach dem zu erwartenden Funkbefehl, stießen wir

auf `Gabrielle´ vor. Die Algerier sahen uns und kamen einem schon entgegengerannt.

Erwin, Chuk und ich holten aus einem Laufgraben ein paar von

Dreck verschmierte Algerier heraus. Die bibberten am ganzen Körper und waren

ganz starr vor Angst. Wir mussten sie fortschleppen. Die konnten keinen

Meter mehr laufen, die armen Hunde. Allerdings mussten wir uns beeilen, da

die Viets uns wieder unter massiven Beschuss nahmen.

Nach dem Gegenangriff wurde Arthur bei seinem Kompaniechef „Nounours“

durch einen Kameraden lobend erwähnt. Der Legionär Arthur

Engel wurde so als „Premium classe au feu“ vorgeschlagen.

 

Angaben der Franzosen:

„`Béatrice´ beklagte nach der 8-stündigen Attacke ca. 300 tote Legionäre.

Lediglich zwei Offiziere und 192 Mann, davon viele mit Verwundung,

hatten überlebt. Die Schwerverwundeten wurden in der vereinbarten

Waffenpause herausgebracht. Viele waren verschollen oder gerieten in

die Gefangenschaft.

Eine Waffenpause zur Evakuierung der Verwundeten wurde vereinbart.

Beginn 8:00 Uhr, Ende 12:00 Uhr.

Die allgemeine Helmpflicht wurde beim Gefecht befohlen, um Kopfverletzungen

vorzubeugen.

`Béatrice´ wurde vorübergehend aufgegeben. Die überlebenden Verteidiger

von `Béatrice´ positionierten sich in `Huguette´.

Der unangenehme Crachin-Regen setzte ein.

Die Piloten konnten das Rollfeld unter ihnen kaum noch erkennen.

Trotzdem Glück, denn die Flakschützen der Vietminh sahen auch nicht

viel mehr und mussten in die Nebelsuppe blicken.

Gegen 8:00 Uhr landete Maj. Claude Devoucoux mit seiner kleinen

Schnake, einer „Beaver“, und hatte für Dr. Grauwin wichtige sechs Liter

Blutkonserven geladen.

Die attraktive Sekretärin von de Castries, Pauline Bourgeode, wurde

mit vier Schwerstverletzten nach Hanoi unter lautstarkem Protest ausgeflogen.

„Was soll das denn? Ich kann mich doch hier nützlich machen.

Kaffee kochen, Baguettes belegen, mich um Verwundete kümmern,

Viets totschießen. Hier sind nicht nur Männerhände gefragt. Wenn eine

kräftige Frau mal was in der Hand hat, dann sollen Sie mal sehen, was

dabei herauskommt, mein guter de Castries. Glauben Sie mir, die Jungs

brauchen eine Frau wie mich. Das bringt sie auf andere Gedanken.“

„Ja, ja, meine Liebste, ich glaube dir ja, aber das ist nichts für dich, sieh

doch, hier ist nur der böse Krieg. Das ist nicht schön, flieg schön brav

nach Hanoi und von dort meldest du dich wieder, mon Chérie. Auf,

auf, beweg dich, mein hübsches, trabendes Pferdchen. Wärst du doch

gleich mit dem Tratschweib Brigitte Friang mitgeflogen. Der Zeitungspetze

weine ich keine Träne nach“, und nun im Ton etwas barscher:

„Das ist ein Befehl!“ De Castries gab ihr noch einen süßen Klaps auf

ihren knackigen Popo und sie wackelte schließlich zur „Dakota“.

Bevor sie in den Jeep einstieg, welcher sie zur Flugpiste brachte, wurde

Pauline Bourgeode am Ärmel sanft festgehalten.

Der Kommandant der Chirurgie, Major Grauwin, gab der tapferen

Sekretärin noch auf dem Weg zum Flugzeug eine überlebenswichtige

Wunschliste mit: „Mademoiselle. Ich bitte Sie, dass Sie unbedingt noch

Blutkonserven organisieren müssen. Mein Feldlazarett ist schon überfüllt

und die Verwundeten können jetzt schon nicht mehr ausreichend

versorgt werden. Wir haben einen großen Bedarf an ausgebildeten Ärzten

und Chirurgen, das ist vonnöten. Ich kann gerade mal auf ein paar

österreichische Studenten zurückgreifen. Die haben rund um die Uhr

fleißig mit mir ihren Mann gestanden, aber das ist doch kein Zustand!

Und Morphium, wir brauchen das dringend. Hier eine Liste. Über Funk

ließ ich es schon verkünden, aber ich weiß ja nicht, ob der Funkspruch

angekommen ist, da er nicht bestätigt wurde. Schauen Sie: zehn Liter

Blut, fünfzig Millionen Einheiten Penizillin und fünfhundert Gramm

Streptomycin. Jetzt schon haben wir jede Menge Amputationen durchgeführt.

Das ist erst der Anfang. Mademoiselle, denken Sie bitte an uns,

wenn Sie in Hanoi gelandet sind. Ich bitte Sie eindringlich. Kommen

Sie gut von hier weg. Ich rechne fest mit Ihnen. Sie wissen, ich habe mit

Ihrem Chef, de Castries, so meine Probleme wegen der Versorgung des

Lazaretts. Doch jetzt wird’s verdammt ernst. Ich weiß, Sie haben das

Herz an der richtigen Stelle. Melden Sie es bitte Cogny. Au revoir.“

Pauline Bourgeode in ihrer trockenen, legeren Art: „Ärztchen, wenn

mich die Flak nicht zum Bleiben überredet, kann ich Ihnen versichern,

dass ich mich darum kümmern werde. Pfötchen drauf, ich sehe ja selbst,

dass hier der Teufel losgelassen wurde. Doch ich muss ja nach Hanoi.

Hier ist es viel spannender.“ Dann reckte sie die Arme samt ihrer ledernen,

schwarzen Handtasche in die Höhe und verkündete lautstark:

„Das Tor zur Hölle hat sich geöffnet. Ich hoffe, dass ich bald wieder mit

einem Besen herfliegen kann. Mit einem Rucksack voll starker Wunderkräuter,

die ich über die Vietminh werfe, die dann in einen festen,

tausendjährigen Schlaf fallen werden.“ Dabei lachte sie schrill, laut und

wackelte mit ihrem Allerwertesten. In all der Not konnte sich Grauwin

ein herzhaftes Lachen nicht verkneifen.

Pilot Claude Devoucoux konnte seine Maschine trotz giftigen Flakfeuers

starten, abheben und sie in den friedlichen, ruhigen Himmel bis

nach Hanoi sicher lenken.

Auch dabei war der schwer verwundete Reporter Leon, dem ein Fuß

vom Granatsplitter abgerissen worden war. Martinoff wurde durch

Granattreffer getötet, als er aus der „Dakota“, mit der sie gelandet waren,

noch Unterlagen bergen wollte.

Keine sechs Stunden hatten sie in Đien Biên Phu verbracht.

Eine weitere Welle des 5. vietnamesischen Kolonial Para-Bataillons, das

BAWOUAN unter Major Botella, wurde gegen 14:45 Uhr in einer Höhe

von 600 Fuß von Dakotas abgesetzt. Viele wurden von der anvisierten

Landezone in der Nähe von `Eliane´ abgetrieben. Sie landeten bei den

Viets, wurden beim Anflug erschossen oder am Boden massakriert. Erst

am Abend gegen 18:00 Uhr konnte sich das Bataillon bei `Eliane 1, 4 und

 

7´ formieren..

Mehr im Buch bei EPEE-Editon.

 

 

 

 

 

 

 

Arthur Engel erlebte als Fallschirmjäger der französischen Fremdenlegion im 1er BEP den Krieg in Indochina und 1954 die Schlacht von Dien Bien Phu. Der Autor Terry Kajuko hat in dieser romanhaften Biografie die Erlebnisse seines Vaters verarbeitet.

Neben interessanten persönlichen Erlebnissen werden in diesem Buch, das über 250 Fotos und Karten beinhaltet, zahlreiche Fakten und Hintergründe des Indochina-Krieges, zur Schlacht in Dien Bien Phu und zur französischen Fremdenlegion erläutert.

„In Algerien zu Fallschirmjägern ausgebildet und nach Indochina verschifft, befanden sie sich in keinem gewöhnlichen Krieg, sondern in einem Dschungelkrieg des Mikrokosmos. Ein Krieg ohne zusammenhängende Front. Das Einsatzgebiet eines Elitesoldaten, des Fallschirmjägers.
Im Norden, an der Grenze zu Laos und nicht weit bis China, schwebten die besten Kolonialtruppen in kürzester Zeit vom Himmel oder wurden auf der zusammengebauten Landepiste abgesetzt. Es war die größte Luftlandeoperation im Indochina- und späteren Vietnamkrieg.
In der darauffolgenden Schlacht in einem Tal namens Điện Biên Phủ wurden bewegliche Kampfeinheiten in zusammengebastelten Erdbefestigungen untergebracht, welche in keinster Weise ausreichend gegen Granatenbeschuss gesichert waren. Umzingelt von einer in Laufgräben geschützten und ausgezeichnet bewaffneten Übermacht, den Vietminh. General Giaps Artillerie feuerte völlig überraschend aus gut getarnten Stellungen heraus, hoch oben in den Bergen, wo jede abgefeuerte Granate ein Treffer war.“


http://www.epee-edition.com/index.php/de/onlineshop/biografien-1/dien-bien-phu-detail

E-Book: http://www.epee-edition.com/index.php/de/onlineshop/ebooks/dien-bien-phu-ebook-detail