Aufnahme von meinem Vater 1.BEP, 2.Compagnie

13. März 1954 

Ein Morgen der Routine erweckte die Garnison des Tales in gewohnter Betriebsamkeit. Das Wetter war gut, die Sonne schien, ein schöner Tag zum Sterben. An der Flugpiste reparierten die Servicemechaniker einige „Bearcat“ Jagdbomber, welche gestern durch Granatsplitter beschädigt wurden. Im provisorischen Flughafentower inspizierte Capitaine Charnot die Aufräumungsarbeiten des Granatenangriffs auf sein Heiligtum mit dem offiziell kreierten Namen Nr. 195. Er schaute sich die Sache an und dachte: „Immer wieder dieser Mist. Tagelang nichts, dann ein, zwei Granaten und rums, diese Sauerei. Davon knallten Granatteile ausgerechnet bei mir in meine Bude rein“. Er schüttelte seinen Kopf, drehte sich um, wischte dabei den Schweiß mit dem Ärmel von seiner Stirn. Unter grimmigem Murmeln wackelte er von dannen: „Ich hol mir erstmal einen Kaffee mit reichlich Milch. Ich muss den Dampf der gestrigen Geburtstagsfeier  aus meinem Schädel bekommen.“ Doch gegen 8:30 Uhr gab es Hektik in der Garnison, als eine Maschine vom Typ „C-46 Curtiss Commando“ landete. Sie hatte einige Kampfnarben von Viet-Flakgeschossen abbekommen. Danach landeten noch zwei „Dakotas“. Diese zierten ebenfalls Blessuren mit Einschusslöchern an den Tragflächen. Unangenehm bezeichnend. Zur Pastiszeit, kurz nach 15:00 Uhr, landete eine weitere „Dakota“ mit zwei Bekannten. Die Reporter André Lebon und Jean Martinoff hatten nach Đien Biên PhuSehnsucht und machten sich nach `Huguette´ zu den Legionären des 1. Bataillons vom 2. REI auf. Sie wollten einen kleinen Smalltalk mit dem Kommandierenden Clémençon führen. Sie wurden wie zwei alte Kumpels freudig empfangen und konnten tatsächlich bei Tisch einige Informationen niederschreiben.

Die Symphonie des Todes leitete eine Ouvertüre mit einem gewaltigen Paukenschlag ein, durch das brachiale Inferno von insgesamt 9000 Granaten aus den Geschützen der umliegenden Anhöhen auf die völlig geschockten Einheiten der Trikolore. Abgesehen hatten es die Vietminh-Artilleristen der schweren 351. Division vor allem auf die Stellungen von Madame `Béatrice´ (Him Lam) und `Gabrielle´ (Ban Kéo). Das Granatfeuer kam aus Richtung der Hügel 633, 674 und 701. Doch auch `Isabelle´, `Dominique´und `Eliane´ wurden nicht geschont und getroffen. Kurzfristig hielt man es für eigenes, versehentliches Feuer, bis man eines Besseren belehrt wurde. Das gnadenlose, präzise Granatfeuer dauerte die ganze Nacht über und hinterließ bei den Besatzern einen beklommenen, zermürbenden Eindruck. 

 

Angaben des Legionärs Arthur: Wir hatten einen ruhigen Tag, Chuk war so nett und betätigte sich bei mir als Barbier. Gerade als er das Rasiermesser wegsteckte, krachte es los. Wir spähten aus unseren Stellungen in Richtung `Gabrielle´ und `Béatrice´. Immer wieder konnte man die Granaten anfliegen sehen und kurz darauf detonierten sie im Sekundentakt in den Stellungen. So ging es für meine Begriffe eine Ewigkeit. Auch in der Nähe unserer Unterstände schepperte es hin und wieder. Nach dem Artilleriebombardement, welches nur Treffer kannte, setzte spannende Stille ein und kurz nach Einbruch der Dunkelheit ertönte von überall her dumpfes, böse klingendes Horngebläse. Unter dem ohrenbetäubenden Angriffsgeschrei „Tien Len, Anh Hai Doc Lap di di Maulen“ (Vorwärts, ältere Brüder, auf schnell, schnell) stürmten sie voran, die Vorhut der 312. Division, bewaffnet mit Macheten, Handgranaten und Bambusmatten, um die Minenfelder und Stacheldrahthindernisse zu überwinden. Sprengkommandos mit langen Bambusstangen, an denen Sprengsätze montiert waren, schmissen ihre Bambusrohre in die Stacheldrahtverhaue und Minenfelder und zündeten die Sprengladungen mit einer Sprengschnur, um Quadratmeter für Quadratmeter Breschen in die Verteidigungsringe zu schlagen. Diese Aktionen führten zu so schweren Verlusten beim Feind, dass reguläre Vietminh-Pioniere als Verstärkung herangeführt werden mussten.

 

Angaben der Franzosen: Das von den Granaten vorab schwer gebeutelte `Béatrice´ wurde praktisch im Sturm überrannt. Gaucher, Kommandant von `Béatrice´, hörte über Funk nur noch Wortfetzen, ein Gefluche und „alle tot“. Er brüllte in die Sprechmuschel: „Menschenskind, Pégot, was ist denn los, ich verstehe ja gar nichts, verwenden Sie die militärischen Begriffe, beherrschen Sie sich und antworten. Antworten Sie doch“. Durch einen verstörten Melder, der Minuten später angehetzt kam, wurde mitgeteilt, was vermutet wurde, Maj. Pégot, Chef der Fremdenlegionäre vom 3. Bataillon der 13. Halbbrigade, ist samt seinem Adjutanten Capitaine Pardi durch einen Granattreffer gefallen.

Kaum hatte er sich nach dieser Mitteilung wieder gefasst, knallte eine 105mm-Granate in Gauchers Befehlszentrum. Panik, kein Licht mehr. Durch Taschenlampen sah man im Dunst des Rauches schemenhafte Gestalten mit zerrissenen Klamotten wie Geister aus der Unterwelt umher wanken. Stabschef Maj. Vadot hustete und schrie: „Gaucher hat keine Arme mehr, er verliert viel Blut. Bringt Wasser, schnell, er will trinken!“ Das Hauptquartier von Lieutenant-Colonel Gaucher war vernichtet. (Oftmals liest man die Erzählung, dass durch die Sichtluke, aus der Gaucher hinauslugte, die Granate kam und ihm den Kopf abriss. Diese Ausführung gehört in das Reich der Fabeln.)

Von dem sympathischen 48-jährigen Gaucher samt seinem Führungsstab blieb da nimmer viel übrig. Er, welcher sich seit 1940 schon in Indochina mit den Japanern, dann umherstreunenden Nationalchinesen, Piraten und nun Vietminh herumschlug, ausgerechnet hier musste diese heranschwirrende Granate ihn ins Jenseits befördern. Der Feldgeistliche Heinrich blieb bei ihm, bis er seine Augen für immer verschloss. Koordinierte Kampfabläufe waren unmöglich, denn viele Feldtelefone waren zerstört. Jeder Verteidigungsposten kämpfte seinen eigenen Kampf. Die Kommandeure waren alle tot oder verwundet. Lediglich die Unteroffiziere versuchten die Lage zu stabilisieren. Die paar überlebenden Legionäre der III/13. DBLE des Artillerieangriffs wehrten sich tapfer ihrer Haut und jagten aus Verzweiflung ihr Munitionsdepot mit Dutzenden Angreifern in die Luft. Unter den 400 Mann gab es nur wenige kampffähige Soldaten, welche sich in die Stellungen beim Fluss Nam Youm flüchten konnten. 

Die Landebahn im Verteidigungszentrum wurde fürs Erste durch die Artilleriegeschosse umgepflügt und somit unbrauchbar geschossen. Zwei Dakotas wurden durch Granaten am Boden zerstört. Eine, die abheben wollte, hatte Pech und kriegte einen Artillerietreffer ab, woraufhin sie wie eine zerdrückte Blechbüchse brennend abstürzte. Ein Jagdbomber vom Typ `Bearcat´ wurde nahe `Béatrice´ abgeschossen.

Aus den Artilleriestellungen der Franzosen wurden bei dem Angriff 25% der eigenen Granaten auf die vermuteten Kanonen und heranstürmenden Viets verschossen.

Langlais wurde in seiner amerikanischen Duschzelle auf dem falschen Fuß erwischt. Gerade als er beim Einseifen war und ein munteres Liedchen schmetterte, flog ihm tonnenweise Stahl um die Ohren. In ein paar Minuten war er bereits halb nackt kurz nach 17:00 Uhr bei de Castries, der wie ein Wilder mit überschlagender, piepsender Stimme um sich schrie: „Die feigen Kommunisten kommen nicht. Ich dachte, die blasen zur Attacke. Langlais, glauben Sie mir. Sie haben den Angriff abgeblasen. Ich lasse von Piroth alles kurz und klein schießen. Diese feigen Hunde. Das ist nur ein Scheinangriff. Verstehen Sie, Scheinangriff mit Granaten.“ 

Minuten später rief ihm sein marokkanischer Bursche zu: „Mon Général, hören Sie doch den Funk. Ich glaube, das ist kein Scheinangriff.“ Stimmen, Geschrei, das dumpfe Einschlagen von Granaten, das Knattern von Maschinenwaffen ließen Schlimmstes aus `Béatrice´ befürchten. Schließlich Funkstille. Die Bataillonskommandanten Tourret vom 8. BPC und Guiraud vom 1. BEP waren zur Stelle.

„Langlais, Gaucher ist tot! Du übernimmst ab sofort seinen Abschnitt“; de Castries versuchte eine Koordination, blieb auf seinen vier Buchstaben sitzen und starrte die Übersichtskarte von Đien Biên Phu an. Langlais hatte kurzen Blickkontakt zu Guiraud, zu Tourret, schüttelte nur den Kopf, reagierte sofort und rief in das Funkgerät: „Sofort das unkontrollierte Feuer der Geschütze einstellen, um Munition zu sparen.“ De Castries äußerte sich entrüstet: „Was fällt Ihnen ein, ich befahl Feuer, bis die Rohre glühen!“ – „Genau deshalb, das bringt überhaupt nichts.“ 

 Dann gab Langlais an, dass sich eine Dakota mit einem freiwilligen Flugzeugführer bereithalten solle.

Ein Anruf aus dem Hauptquartier Đien Biên Phu nach  Hanoi: „Cogny, Cogny, es geht los, wir liegen flächendeckend unter schwerem Artilleriebeschuss, ich erwarte jeden Moment einen Sturmangriff der Kommunisten!“, de Castries war außer sich. Seine Stimme zitterte förmlich vor Aufregung. „Alter Junge, das ist der Beginn, du wirst es schon schaukeln. Setz dir einen Helm auf und zieh den Kopf ein.“ Cogny blieb ruhig, schenkte den Cognacschwenker voll, nahm davon einen Schluck und grübelte in seinem abgedunkelten Büro bei einer kubanischen Zigarre vor sich hin. In seinen vier Wänden saß er da, nur die Schreibtischlampe brannte. Er wartete auf neue Hiobsbotschaften. Um 2:25 Uhr erreichte Cogny ein weiterer Anruf aus DBP: „`Béatrice´ gefallen. Gaucher, Pègot, fast der ganze Stab, ausgelöscht, tot. Sgt. Kubiak setzte sich mit einigen Legionären der 13. Halbbrigade frühmorgens in den Dschungel ab. Vorher gab er an Piroth durch, alle Stellungen in `Béatrice´ mit Artilleriegranaten unter Feuer zu nehmen.“

Kurioses: In dieser Schlacht gab es noch einen Polen namens Kubiak. Dieser kämpfte aber auf der anderen Seite und bildete Vietminh im Rang eines Majors aus. Zuerst war auch er bei der Fremdenlegion, 1947 wechselte er dann die Seite zu Ho Chi Minh. Dort nahm er den Namen Ho Chi Thuan an. Mit der 312. Division, der er unterstand, war er bei allen wichtigen Kämpfen dabei.

Angaben der Vietminh: „9:00 Uhr Zerstörung einer `Dakota´ durch Granaten. 12:00 Uhr Zerstörung einer `Hellcat´ und einer `Dakota´ auf dem Rollfeld. 13:00 Uhr Konterangriff feindlicher Einheiten mit zwei Panzern auf unsere Stellungen bei Ban Him Lam (`Béatrice´). Die aggressiven Angriffe wurden abgewehrt. 14:30 Uhr wurde eine `Dakota´ auf dem Rollfeld zerstört. 

 

15:00 Uhr bewegten sich zwei Regimenter unserer 312. Division in eine Angriffsposition. 17:00 Uhr startete unser Artillerieangriff auf die Flugpiste und die umgebenden Befestigungen sowie auf Ban Him Lam. Fünf Flugzeuge wurden zerstört. Einige Versorgungsgebäude brennen. Zwölf Kanonen und einige Mörser wurden zerstört oder beschädigt. Die erste Sturmattacke unserer Bo Doi wurde bei Dunkelheit gestartet. 22:30 Uhr wurde die Befestigungsanlage Ban Him Lam ausgeschaltet.  

Bataillonskommandant Le Hong Duc meldete, dass er sich über die Franzosen nur wundern könne. Bis auf 200 Meter konnten sich seine Bo Doi an die Verteidigungshügel herangraben, Stacheldrahthindernisse beseitigen, Minen räumen. Es gab keine nennenswerten Störungen durch die Franzosen.

Artillerieangriff der Vietminh, versch. Kalibers der 351. Division. (© Militärmuseum Hanoi)

14. März 1954

Angaben der Legionäre: Dem 8. Fallschirmjäger Sturm-Bataillon, zwei Panzern und dem 1. BEP mit Arthurs 2. Kompanie wurde der Gegenangriff frühmorgens gegen 7:00 Uhr auf das erhöhte `Béatrice´ befohlen. 

„Wir marschierten gegen 7:30 Uhr bei schwerem Regen in Richtung `Béatrice´ und der restliche Haufen von Fremdenlegionären der 13. Halbbrigade, voran Kubiak, kam uns entgegen. Erwin konnte seine Klappe nicht halten: „Kopf hoch, Buam, wann mir mit’m Viet fertig und eure Baracken geputzt sind, dann geb i a Runde Bier aus.“ Einziger Kommentar von Sgt. Kubiak: „Arschloch!“ Die Verteidiger, voran Kubiak, griffen sich Munition und Bündel von Handgranaten und es ging mit einem Batzen Wut im Bauch zurück in Richtung `Béatrice´.

Arthur nach seinem Einsatz: Schon auf dem Weg dorthin, an der Route 41, kam es zu schweren Gefechten mit den Viets. Die Laufgräben waren voller erschossener Viets und Legionäre 

 der 13. Halbbrigade oder anderer Kolonialsoldaten. Wir mussten uns über blutige, zerfetzte Körper vorankämpfen. Ein MG-Schütze unserer Kompanie stürzte getroffen zu Boden, ich nahm sofort die am Boden liegende Schnellfeuerwaffe und feuerte in Richtung der heranstürmenden Viets. Die Viets waren ausgezeichnet getarnt und rannten gebückt in und über die Laufgräben wie die Ameisen. Mit viel Blattwerk zur Tarnung am Körper. Als Kopfbedeckung hatten sie ihren olivfarbenen Tropenhelm oder ihre leicht nach oben spitz zulaufenden, typischen Strohhüte auf. Die sah ich zu Massen. Immerhin konnten meine Kollegen der schießenden Zunft und ich uns mit dem MG etwas Luft verschaffen. Denn zu zielen brauchte man bei dieser Masse an Menschmaterial wahrlich nicht. Unsere Maschinengewehre versahen ihren Job ausgezeichnet und es zersägte die heranstürmenden Körper zu unansehnlichen Torsos. Die Schädel zerplatzten wie Wassermelonen beim Sturz aus einem mehrgeschossigen Gebäude. Mein MG-Gurt war bedauerlicherweise zu schnell verbraucht und wir Paras konnten, bedingt durch die Übermacht, dazu die Munition verschossen, nicht mehr lange `Béatrice’ weiter bestürmen. Aber dennoch stifteten wir eine Menge Unruhe bei den Viets. Allerdings war `Béatrice´ total zerstört. Wie mit einer Riesenfräse hatten die Granaten hier alles umgepflügt. Dann kam ja kurze Zeit später die Waffenpause, die wir über Funk mitgeteilt bekamen. Wir fingen an, die Verwundeten zu evakuieren. Es war schon seltsam. Auf einmal diese Ruhe. Grausamer als der Kampfeslärm. Hier lagen Menschen oder was von ihnen übriggeblieben war, eher menschliche Teile, über- und umeinander. Von einem furchtbaren Gemorde auf einmal zu einem Nichts von Ruhe, wie auf einem Friedhof. Pause, durchschnaufen. Auch tauchten Sanitäter der Viets auf. Zumindest sahen sie so aus. Die Viets sehen ja alle gleich aus. Aber die zwei, denen ich erst keine Sekunde traute, hatten eine Trage dabei. Zwei Bambusstangen mit einem Tuchlaken dazwischen. Das konnten nur Sanitäter sein. Keine drei Meter liefen die beiden an mir vorbei. Ich wollte etwas sagen, wusste aber nicht, was. Irgendetwas Fieses konnte ich ihrem Gesichtsausdruck nicht entnehmen. Unfreundlich wollte ich daher nicht sein und so hob ich meine Schachtel Zigaretten denen hin. Die beiden waren derart verdutzt, schauten sich an, und einer kam etwas unsicher auf mich zu, verbeugte sich kurz mehrmals, fragte „hai Cigarette“? Und er nahm sich zwei von meinen guten „Camel“. Dabei schauten wir uns tief in die Augen. Ich konnte komischerweise keinen Hass erkennen, eher jugendliche Neugierde, und wir lächelten uns kurz zu. Der war bestimmt keine 16 Jahre. Das Alter der Viets kann ein „Weißer“ eh ganz schlecht einschätzen. Komische Welt. Er wandte sich von mir ab und die beiden kümmerten sich um ihre verletzten Kameraden. Arbeit hatten die zur Genüge, denn von den Angreifern lagen hier Hunderte herum und jammerten leise vor sich hin. Erwin vernahm ein Gebrumme von einem Lkw und rief zu mir: „Arthur, schau mal, dort mit der Rot-Kreuz-Flagge, da fahrt doch a Dodge mit unserem Schwarzkittel Trinquand mit’n Sanitätern rum. Mei, vor dem Pfarrer hab i aan Respekt …“ Den Geistlichen erkannte man an seinem Képi mit scharlachrotem Samtband und an seinem Rauschebart. Wir nutzten die Pause, zogen uns nach `Junon´ zurück und verbrachten die Zeit bis zum anderen Tag mit Ausruhen, ein wenig essen, trinken, nochmals ausruhen und aufmunitionieren. Die Ruhe hatte ein Ende, als wir über Funk das Kampfgeschehen in `Gabrielle´zum Teil mitverfolgen konnten: „... sie kommen angerannt wie die Termiten, zu Hunderten sind sie vor den Stacheldrahtreihen ...“, dann hörte man MG-Salven knattern, „... nun sind sie bereits über dem Stacheldraht, welchen sie weggesprengt haben, ... negativ, Bigeard, wir verstehen Sie nicht ... sie rennen auf uns los von allen Seiten ...“, dann wieder Schüsse, Granatenkrachen und nur noch ein Rauschen. So ein Scheiß, dachte ich und setzte mir den Stahlhelm auf. Dann, nach dem zu erwartenden Funkbefehl, stießen wir auf `Gabrielle´ vor. Die Algerier sahen uns und kamen einem schon entgegengerannt. Erwin, Chuk und ich holten aus einem Laufgraben ein paar von Dreck verschmierte Algerier heraus. Die bibberten am ganzen Körper und waren ganz starr vor Angst. Wir mussten sie fortschleppen. Die konnten keinen Meter mehr laufen, die armen Hunde. Allerdings mussten wir uns beeilen, da die Viets uns wieder unter massiven Beschuss nahmen.

 Nach dem Gegenangriff wurde Arthur bei seinem Kompaniechef „Nounours“ durch einen Kameraden lobend erwähnt. Der Legionär Arthur Engel wurde so als „Premium classe au feu“ vorgeschlagen.

 

Angaben der Franzosen: „`Béatrice´ beklagte nach der 8-stündigen Attacke ca. 300 tote Legionäre. Lediglich zwei Offiziere und 192 Mann, davon viele mit Verwundung, hatten überlebt. Die Schwerverwundeten wurden in der vereinbarten Waffenpause herausgebracht. Viele waren verschollen oder gerieten in die Gefangenschaft. Eine Waffenpause zur Evakuierung der Verwundeten wurde vereinbart. Beginn 8:00 Uhr, Ende 12:00 Uhr. Die allgemeine Helmpflicht wurde beim Gefecht befohlen, um Kopfverletzungen vorzubeugen. `Béatrice´ wurde vorübergehend aufgegeben. Die überlebenden Verteidiger von `Béatrice´ positionierten sich in `Huguette´. Der unangenehme Crachin-Regen setzte ein. Die Piloten konnten das Rollfeld unter ihnen kaum noch erkennen. Trotzdem Glück, denn die Flakschützen der Vietminh sahen auch nicht viel mehr und mussten in die Nebelsuppe blicken. 

Gegen 8:00 Uhr landete Maj. Claude Devoucoux mit seiner kleinen Schnake, einer „Beaver“, und hatte für Dr. Grauwin wichtige sechs Liter Blutkonserven geladen. Die attraktive Sekretärin von de Castries, Pauline Bourgeode, wurde mit vier Schwerstverletzten nach Hanoi unter lautstarkem Protest ausgeflogen. „Was soll das denn? Ich kann mich doch hier nützlich machen. Kaffee kochen, Baguettes belegen, mich um Verwundete kümmern, Viets totschießen. Hier sind nicht nur Männerhände gefragt. Wenn eine kräftige Frau mal was in der Hand hat, dann sollen Sie mal sehen, was dabei herauskommt, mein guter de Castries. Glauben Sie mir, die Jungs brauchen eine Frau wie mich. Das bringt sie auf andere Gedanken.“ „Ja, ja, meine Liebste, ich glaube dir ja, aber das ist nichts für dich, sieh doch, hier ist nur der böse Krieg. Das ist nicht schön, flieg schön brav nach Hanoi und von dort meldest du dich wieder, mon Chérie. Auf, auf, beweg dich, mein hübsches, trabendes Pferdchen. Wärst du doch gleich mit dem Tratschweib Brigitte Friang mitgeflogen. Der Zeitungspetze weine ich keine Träne nach“, und nun im Ton etwas barscher: „Das ist ein Befehl!“ De Castries gab ihr noch einen süßen Klaps auf ihren knackigen Popo und sie wackelte schließlich zur „Dakota“. Bevor sie in den Jeep einstieg, welcher sie zur Flugpiste brachte, wurde Pauline Bourgeode am Ärmel sanft festgehalten.

Der Kommandant der Chirurgie, Major Grauwin, gab der tapferen Sekretärin noch auf dem Weg zum Flugzeug eine überlebenswichtige Wunschliste mit: „Mademoiselle. Ich bitte Sie, dass Sie unbedingt noch Blutkonserven organisieren müssen. Mein Feldlazarett ist schon überfüllt und die Verwundeten können jetzt schon nicht mehr ausreichend versorgt werden. Wir haben einen großen Bedarf an ausgebildeten Ärzten und Chirurgen, das ist vonnöten. Ich kann gerade mal auf ein paar österreichische Studenten zurückgreifen. Die haben rund um die Uhr fleißig mit mir ihren Mann gestanden, aber das ist doch kein Zustand! Und Morphium, wir brauchen das dringend. Hier eine Liste. Über Funk ließ ich es schon verkünden, aber ich weiß ja nicht, ob der Funkspruch angekommen ist, da er nicht bestätigt wurde. Schauen Sie: zehn Liter Blut, fünfzig Millionen Einheiten Penizillin und fünfhundert Gramm Streptomycin. Jetzt schon haben wir jede Menge Amputationen durchgeführt. Das ist erst der Anfang. Mademoiselle, denken Sie bitte an uns, wenn Sie in Hanoi gelandet sind. Ich bitte Sie eindringlich. Kommen Sie gut von hier weg. Ich rechne fest mit Ihnen. Sie wissen, ich habe mit Ihrem Chef, de Castries, so meine Probleme wegen der Versorgung des Lazaretts. Doch jetzt wird’s verdammt ernst. Ich weiß, Sie haben das Herz an der richtigen Stelle. Melden Sie es bitte Cogny. Au revoir.“ 

Pauline Bourgeode in ihrer trockenen, legeren Art: „Ärztchen, wenn mich die Flak nicht zum Bleiben überredet, kann ich Ihnen versichern, dass ich mich darum kümmern werde. Pfötchen drauf, ich sehe ja selbst, dass hier der Teufel losgelassen wurde. Doch ich muss ja nach Hanoi. Hier ist es viel spannender.“ Dann reckte sie die Arme samt ihrer ledernen, schwarzen Handtasche in die Höhe und verkündete lautstark: „Das Tor zur Hölle hat sich geöffnet. Ich hoffe, dass ich bald wieder mit einem Besen herfliegen kann. Mit einem Rucksack voll starker Wunderkräuter, die ich über die Vietminh werfe, die dann in einen festen, tausendjährigen Schlaf fallen werden.“ Dabei lachte sie schrill, laut und wackelte mit ihrem Allerwertesten. In all der Not konnte sich Grauwin ein herzhaftes Lachen nicht verkneifen. Pilot Claude Devoucoux konnte seine Maschine trotz giftigen Flakfeuers starten, abheben und sie in den friedlichen, ruhigen Himmel bis nach Hanoi sicher lenken.

Auch dabei war der schwer verwundete Reporter Leon, dem ein Fuß vom Granatsplitter abgerissen worden war. Martinoff wurde durch Granattreffer getötet, als er aus der „Dakota“, mit der sie gelandet waren, noch Unterlagen bergen wollte. 

Keine sechs Stunden hatten sie in Đien Biên Phu verbracht. Eine weitere Welle des 5. vietnamesischen Kolonial Para-Bataillons, das BAWOUAN unter Major Botella, wurde gegen 14:45 Uhr in einer Höhe von 600 Fuß von Dakotas abgesetzt. Viele wurden von der anvisierten Landezone in der Nähe von `Eliane´ abgetrieben. Sie landeten bei den Viets, wurden beim Anflug erschossen oder am Boden massakriert. Erst am Abend gegen 18:00 Uhr konnte sich das Bataillon bei `Eliane 1, 4 und 7´ formieren. 

 

Das Ende für Schlachtschiff `Gabrielle´ 

Ein jeder konnte sich ausrechnen, dass es nun `Gabrielle´ an den Kragen gehen wird. Vorsorglich wurden die Kriegsgefangenen gegen 15:00 Uhr evakuiert. Der tschechoslowakische Arzt namens Soldati erreichte mit einigen Sanis kurz vor 17:00 Uhr `Gabrielle´. Roland de Mecquenem, genannt „von Meckenheim“, Chefverteidiger von `Gabrielle´, ließ warmes Essen an alle Soldaten ausgeben und sein Adjutant ging zum Eisfach, um dem Champagner die gebührende Kühle zu verabreichen. Er wandte sich an seinen Stab mit einer gehörigen Portion Galgenhumor: „Den saufen wir, wenn wir den Angriff hinter uns und die Vietminh so richtig verprügelt haben.“ Alle Anwesenden lachten lautstark, obwohl sie wussten, dass bereits der Dolch an ihren Kehlen angesetzt wurde.

Gegen 17:00 Uhr kamen die ersten Angriffswellen der 308. Division gegen `Gabrielle´, konnten jedoch abgewehrt werden. Die Vietminh mussten sich in ihre Ausgangsstellungen zurückziehen und ein Granatwerferangriff aus Richtung Ban Na Ten zwang die Verteidiger, die Köpfe einzuziehen. Am Abend gegen 20:00 Uhr erfolgte ein weiterer, massiver Artillerieangriff auf `Gabrielle´. Erneuter, schwerer Granatwerferbeschuss aus Richtung Hügel 701 knallte in die Stellungen hinein und zerschlug den Kommandoposten von Lieutenant Moreau, welcher tragischerweise ums Leben kam. Tags zuvor landete seine hochschwangere Frau, Mitglied des französischen Armee-Frauenkorps, in Hanoi. Eine Freude des Wiedersehens gab es nicht. Den algerischen Schützen (5e Bataillon du 7e Regiment de Tirailleurs Algeriens) wurde die Verteidigung im ersten Ring unterstellt. Die schweren 120mm-Granatwerfer der Fremdenlegion befanden sich in der zweiten Verteidigungszone. Gegen 22:00 Uhr deckten Granaten die Mörserstellungen des 5. Legionärsregiments ein. Kommandant Lieutenant Clerget konnte zum Hauptquartier keinen Kontakt herstellen, da seine Kommunikationssysteme zerstört waren. So ließ er seine Legionäre (2. CMMLE) eigenverantwortlich feuern. Genauso ging es Capitaine Suzineam mit seinen 81mm-Mörsern, welche sich weiter nördlich befanden.  

Gegen 2:30 Uhr Einbruch der Vietregimenter 88 und 102 der 308. Division gegen die 4. Kompanie von Lieutenant Moreau und mit dem Regiment 165 gegen Stellungen von Cap. Gendre mit seiner 3. Kompanie. Ihnen stürmten zwei angeschlagene Regimenter aus der gestrigen Angriffswelle hinterher, die schon gegen `Béatrice´ eingesetzt worden waren, gegen die zerstörte Stellung von Moreau. Gegenangriffe von T’ai Gebirgsjägern mit ihrem prominenten Kommandanten konnten die Viets anfangs zurückdrängen, doch Granatfeuer zwang sie in die Stellungen der Algerier. Kommandant der T’ai war ein gewisser Rouzic. Einst der Fluchtfahrer von Frankreichs berühmtestem Postraubgangster Pierrot, le Fou (Pierre, der Verrückte). Als die Polizei ihn fast am Schlafittchen hatte, konnte er entwischen und meldete sich freiwillig nach Indochina zur Kolonialarmee, um rehabilitiert zu werden. Um 3:30 Uhr erfolgte ein schwerer Artillerieangriff der Viets auf Stellungen von `Gabrielle´ im Nordosten.

Die algerischen Verteidiger, kampferprobt im 2. Weltkrieg, kämpften zusammen mit den Legionären Seite an Seite mit dem aufgepflanzten Bajonett heldenhaft, doch die erdrückende Übermacht der sich selbst aufopfernden Vietminh besiegelte das Schicksal der Verteidiger in den frühen Morgenstunden. Kommandant Maj. Roland de Mecquenem wurde von einem Granatsplitter getroffen und musste `Gabrielle´ letztendlich der anstürmenden Masse von Vietminh überlassen. Geschätzte Verluste unter den algerischen Schützen belaufen sich auf ca. 500 Mann. Über 200 Mann gerieten in Gefangenschaft.

Versprach nicht der einarmige Artilleriechef Pieroth den Kommandanten Mecquenem und Kah, dass er Sorge dafür trage, dass `Gabrielle´ keinen Kratzer abbekommen würde? Die Realität war gnadenlos und erschütterte nun schwer das Selbstwertgefühl des Artilleriechefs Pieroth.

 

Das Aus für Đien Biên Phu’s Luftstaffel

Die paar Jagdbomber vom Typ `Bearcat´ waren allesamt schon beschädigt und das zuständige Team versuchte zu retten, was noch möglich war. Die Flugpiste war bereits zu einer Kraterlandschaft zusammengeschossen worden. Pioniere der Fremdenlegion schwärmten aus, um die Landebahn wieder flugtauglich herzurichten. Drei reparierten `Bearcat´ gelang es tatsächlich, aus dieser Granatenhölle zu entkommen. Kanoniere der Vietminh konnten den drei kühnen Jagdfliegern Parisot, 

 Fouché und Bruand nur noch fluchende Sprüche hinterherschimpfen, als sie mit Höchstgeschwindigkeit in die milchige Suppe von Đien Biên Phu’s Himmel eintauchten. Trotz erheblichen Beschusses gelang ihnen die Flucht in Richtung Küste und sie landeten sicher auf dem Flughafen Cat Bi in der Nähe von Haiphong. Aus Wut darüber beschossen die Vietminh die Stellungen am Tower mit einem heftigen Granathagel. Ein Helikopter, sechs `Bearcat´, ein Aufklärer und der Tower wurden stark beschädigt. Das war es mit den eigenen Kampffliegern in Đien Biên Phu. Alle Maschinen konnte man als abgeschrieben bezeichnen. Lediglich der zweite Helikopter, der Sikorsky, konnte noch eingesetzt werden. Jeder wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, wann der Sanitätshelikopter zu einem Trümmerhaufen zusammengeschossen würde.

 

Angaben der Legionäre: „Der Gegenangriff in Richtung `Gabrielle´ wurde durch das 8. Sturmbataillon und das 1. BEP mit drei M-24 Panzern befehligt Doch der Widerstand der Vietminh war zu heftig und der Angriff blieb stecken.

 

Unser 1. BEP setzte sich vorübergehend südlich von `Claudine´ im zentralen Stützpunkt `Junon´ fest. Das 8. Sturmbataillon sicherte die Landepiste und bereitete nun den Gegenangriff von `Dominique´ aus vor. Langlais setzte zur Verstärkung die frisch gelandeten, vietnamesischen Paras, das 5. BAWOUAN, von `Eliane´ aus in Bewegung. Aller- dings kamen diese schlecht voran, denn die vietnamesischen Fallschirmjäger waren mit dem unübersichtlichen Gelände überhaupt nicht vertraut. Unter ihrem Capitain Botella überquerten sie den Nam Yum Fluss, wo sie von einigen Fallschirmjägern des 1. BEP erwartet wurden. Ein heftiger Angriff der Vietminh erfolgte, wobei der Kompaniechef Norbert Domigo (4. Kompanie und Nachfolger von Cabiro) verwundet wurde. Später gelang es dennoch, nach `Gabrielle´ vorzustoßen, um mit überlebenden Algeriern und Legionären den Rückzug einzuleiten. Die vietnamesischen Fallschirmjäger kamen allerdings verspätet an, da war der Rückzug bereits eingeleitet. So bekamen sie die ganze Macht der Vietminh-Artillerie zu spüren und hatten erhebliche Verluste. Es gab zwischen den Offizieren und Mannschaften des 5. BAWOUAN einen offenen Streit, wie gehandelt werden sollte. Einem fluchenden Capitaine Botella blieb nichts anderes übrig, als den überstürzten Rückzug anzutreten.

Alle drei Panzer wurden beschädigt, `Gabrielle´ war somit verloren. Capitaine Jean Luciani vom 1. BEP (1.Co) fügte hinzu: „Der Kampf um `Gabrielle´war schnell erledigt. Die Algerier verließen ihre Befestigungen und flüchteten. Missverständnisse, gegenläufige Kommandos und wohl die falsche Wortwahl veranlassten die algerischen Schützen, aufzugeben. Maj. Maurice Guiraud, Chef vom 1. BEP, versuchte de Castries über Funk zu kontaktieren, was zu tun sei, er forderte dringend Verstärkung an, um die Sache zu stabilisieren. Der dort kommandierende Capitaine Gendre bekam von dem Gefunke nur Phrasen mit und verstand, dass er seine Einheiten zurücknehmen soll. So stürmten die einen in Richtung `Gabrielle´ und die Verteidiger flüchteten uns entgegen. Das Chaos war perfekt und wir zogen uns allesamt zurück.“

 

Angaben der Vietminh: „Um 7:00 Uhr wurde durch unsere Flak das erste feindliche Flugzeug vom Himmel geschossen. 9:00 Uhr, fünf Panzer und feindliche Truppen griffen das zurückeroberte Him Lam (`Béatrice´) erneut massiv an. Durch unser gezieltes Granatfeuer wurde dieser Angriff gestoppt. Um 12:00 Uhr wurden Verwundete beider Seiten von Sanitätern aus der Gefechtszone Him Lam geborgen. Dem Marionettenbataillon des 5. BAWOUAN wurde der Gegenangriff befohlen. Vier Haubitzen des Kalibers 105mm sind ebenfalls als Ersatz für zerstörte (oder krepierte) Kanonen unseres gestrigen Angriffes geliefert worden. Zwei Helikopter wurden nach der Landung durch unsere Granaten zerstört.

 

17:00 Uhr. Doc Lap Hügel (`Gabrielle´) wurde von unserer Artillerie beschossen. Von den Erhebungen 604 und 702 erfolgten durch uns massive Angriffe auf die Befestigung, um diese auszuschalten.“

 

15. März 1954

Angaben des Legionärs Erwin: „A Scheiß war des. Gegen 7:30 Uhr waret die Araber umbracht worda oder schwer verwundet. Der Vietminh hat net wirklich a Respekt vorm Araber, ja die Dunklen wurden wie beim Haxen machen mit Macheten in Stücke zerhauen. Die waren denen irgendwie suspekt. Die han die ghasst wie die Pest, sag i dir. Bei unsrem Gegenangriff vom 1. BEP simmer zwa in `Gabrielle´ neikomma und han auf dem Weg hin a richtig schönes Gmetzel unter de Vietminh veranstaltet, aber durch die vielen gelben Viets mussten wir ons wild schießend mit einigen verwundeten Algeriern und dem verwundeten Chef von denen, dem Stützpunktkommandanten, unter a Haufen Verluste zurückzieha. Die kamen uns ja alle entgegengerannt. So geht des doch net. Da kämpfte doch keiner mehr wirklich. A Lust zum Kämpfen? Na, han die nemma ghabt. Den befreiten Arabern stand das blanke Entsetzen im Gesicht und die schlotterten vor Angst. Es lagen in den Gräben oder im Stacheldraht Körperteile, verdreckte Leichen, Kolonialsoldaten, Legionäre gleichermaßen wie Viets. Doch i mein, die Viets hätten so richtig bluten müssen. Na wirklich, es gibt wesentlich schönere Fleckel Erden in dem schönen Land. Oin Verrückten hama au gsehn. So oan Araber verhielt sich völlig anders. All die Araber flüchteten in Richtung sichere Stellungen und da kam der eine. Mit großen aufgerissenen Augen, zerrissener Uniform, ohne eine Waffe, lief er umeinander, wie an Roboter aus so nem Schwarzweißfilm in Richtung Viets. Des konnt net gut gehen, dacht i. Der sah aus wie der wahrhaftig ’laufende Tod’. I hab’s noch Chuk und Arthur gezeigt, wie die Viets rangrannt kamen, und i dacht, jetzt packen sen an de Eier. Dann staunten wir net schlecht, als die Viets um ihn rumrannten, als ob’s den gar net gibt, in unsere Richtung. Der lief immer weiter. Wir büchsten schleunigst 

 aus.“              

Arthur fügte hinzu: Der hatte einen kompletten Schuss. War wohl völlig unter Schock. Wie auch immer, den werden wir wohl nicht mehr sehen. Die Stellungen im Norden wie auch im Nordosten waren unter Giaps Kontrolle. Wie die Maulwürfe buddelten sich die Vietminh an die eingeigelten Verteidiger Meter für Meter heran, obwohl man versuchte, sie wie die Ratten mit Handgranaten und Flammenwerfern auszuräuchern. Unglaubliche Verluste hatten die verbissenen Angreifer. Diese schienen aber locker wieder durch die Reserven im Hinterland wettgemacht zu werden. Die Angriffe waren verlustreich, aber dafür erfolgreich. Wir werden immer weniger, die immer mehr.

 

Angaben der Franzosen: „Um 3:30 Uhr forderte Maj. Mecquenem Artilleriefeuer auf die eigenen Stellungen an, um die Viets zu eliminieren. Kurze Zeit später wird er verwundet, Maj. Kah wurde ein Bein abgerissen. Der restliche Führungsstab wurde ebenfalls bei der Lagebesprechung schwer verwundet. Eine in Eile zusammengeführte Besprechung in de Castries’ HQ ergab Folgendes:

Gegenangriff des 1 BEP, des 8. BPC und des 5. BAWOUAN mit Unterstützung von M24 Panzern in den frühen Morgenstunden. Panzerkommandant Capitaine Hervouet sollte den Vorstoß gegen `Gabrielle´ anführen. Gegen 5:50 Uhr erfolgte der Gegenangriff, voran die Panzer. Séguin-Pazzis leitete die Kampfgruppe in einem Jeep. Gegen 7:00 Uhr erreichte man unter Feuer die Ansiedlung Ban Ké Phai. Gegen 8:00 Uhr wurde mit Einheiten aus `Gabrielle´ der Rückzug eingeleitet. Ein Panzer erhielt einen heftigen Bazookatreffer und der Kommandant Sgt. Gunz wurde dabei getötet. Heftigster Beschuss bei Ban Ké Phai. Nur dem starken Gegenbeschuss der französischen Artillerie wurde verdankt, dass die Kampfgruppen rückwärts weiterkamen und die starken Befestigungen von `Anne-Marie´ und `Huguette´ erreichten.

Die große Funkantenne wurde schwer getroffen. Alle schweren und mittelschweren Mörser auf `Gabrielle´, zwei 105mmGeschütze wurden samt ihren Mannschaften getötet und eins von den vier 155mm-Geschützen bei `Claudine´ wurde zerstört. Gegenangriffe der eigenen Artillerie waren gegen die feindliche Infanterie erst dann wirksam, wenn die Vietminh sich bereits in den eigenen Stellungen herumtrieben, jedoch gegen feindliche Artillerie völlig uneffektiv agierten.

Der einarmige Artilleriechef Pieroth rannte von einer Geschützstellung zur anderen und auf die hektischen Fragen seiner Kanoniere konnte er keine vernünftige Antwort geben. Mit Tränen in den Augen stotterte Pieroth umeinander: ’Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich gab de Castries das Versprechen, dass ich die feindliche Artillerie pulverisieren werde ... und nun ... nichts gelingt mir, rein gar nichts. Ich werde gehen.’ 

Es wurden feindliche Funkgespräche aufgefangen, in denen berichtet wurde, dass sich die Vietminh zum baldigen Sieg über `Anne-Marie´ mit unserem guten Pernod unverdünnt zuprosteten. Weiter wurde berichtet, dass `Anne-Marie´ verloren sei und dass sich das 3. T’ai Bataillon in Auflösung befände. Sie liefen voll bewaffnet zum Feind über.“

Hanoi/Saigon Zeitgleich in Hanoi bei Cogny und in Saigon bei Navarre kam ein Lagebericht von de Castries, der alles andere als erfreulich war: „Die Befestigungsanlagen werden zusammengeschossen. Unsere Verbände werden möglicherweise auseinandergerissen. Falls dies geschieht, beabsichtige ich `Isabelle´ folgenden Befehl zu geben: Auszubrechen.“ Es begann ein hektischer Schriftwechsel zwischen Navarre und Cogny, bis schließlich der Letztere zu de Castries telegrafierte: „Ausbrechen tödlich. Versuchen Sie aufzuhalten, bis Verstärkung eintrifft.“ Cogny wollte keinen überstürzten Marsch in den sicheren Tod befürworten. Kurze Zeit später stellte Cognys Sekretär ein Gespräch zu seinem Chef durch. Navarre legte von Saigon arrogant und überheblich los: „Cogny, was ist denn dort los, in Đien Biên Phu? Mir ist zu Ohren gekommen, dass die Rote Flagge bereits auf `Gabrielle´ wehe. Na guten Morgen. Ich werde genervt von Paris. Fast ständig klingelt das Telefon und es rasselt unaufhörlich das Telex. Man könnte meinen, die Sesselfurzer von Politikern sind besser informiert als wir. Wissen Sie, was die Schmierfinken von Journalisten Bodard und Clos schreiben? Nein? Đien Biên Phu sei eine Mausefalle. Sie sind verantwortlich. Ich erwarte, dass Sie erfolgreiche Gegenmaßnahmen ergreifen. Also, mein Cogny, in einem sind wir uns ja bisher immer einig gewesen. Gegenüber Paris erstmal Klappe halten. Ich hatte dieses Desaster ja befürchtet. Diese Chinesen mit ihren Hilfslieferungen soll doch der Teufel holen. Diesen lächerlichen Geschichts- lehrer von Giap mit seinem kommunistischen Geschmeiß, mit dem wäre ich schon fertig geworden. Und unsere feinen Pinkel von Politiker. Ihren Wanst haben sie sich bei uns überall vollgeschlagen, mich in eine ausweglose Situation bugsiert. Aber die Mittel, die ich zusätzlich angefordert habe, da rücken sie keinen lächerlichen Piaster heraus. Voran dieser Ministerpräsident von Laniel, unter der Hand sagte er mir in 

 Paris Unterstützung zu und jetzt weiß er nichts mehr davon. Von wegen „eine Hand wäscht die andere“. Wissen Sie, Cogny, dieser Laniel ist nicht irgendeiner oder irgendjemand. Nein, er ist ein Garnichts. Die Amis lachen sich über uns halbtot. Politiker sind eben keine Soldaten. Sollen sie doch den Mist selber ausbaden.“ Cogny plärrte in den Hörer zurück: „Ich höre mir Ihre Ansichten an, kann Sie aber weder verstehen noch in irgendeiner Form unterstützen, ich weiß gar nicht, was Sie wollen.“ Eine Verbalattacke kam von der anderen Seite. Cogny, der den Höhrer von seinem Ohr weghielt, legte diesen auf die Gabel. Ihn verließ die Lust auf Widerspruch und er ließ nun in seinem Büro lautstark seinem Frust freien Lauf: „Wenn ich diesen inkompetenten Idioten zu fassen bekomme, dem haue ich den Frack voll!“ 

 

Angaben der Vietminh: „Um 2:00 Uhr begannen unsere 105er Haubitzen den Angriff auf den Doc Lap Hügel (`Gabrielle´). 3:30 Uhr Angriff mit 75mm-Geschützen und Infanterie. Zur gleichen Zeit Artillerie-Gegenangriff in die eigenen Stellungen der Franzosen. 6:30 Uhr war die Befestigungsanlage zerstört. Ab 6:00 Uhr Gegenangriff mit zwei Bataillonen und sechs Panzern nach Doc Lap Hügel (`Gabrielle´). Die Angriffe wurden abgewiesen und der Feind zog sich zurück. 12:45 Uhr Kommandant Pieroth der Artillerie verübte Suizid. Sechs feindliche 105mm-Geschütze wurden zerstört. Vom 13. bis zum 15. März verschoss der Feind rund 30.000 Granaten.“

 

 

16. März 1954 Lagebesprechung in Hanoi

Maj. Bigeard wurde von Cogny nach Hanoi in sein Büro gebeten, um seine Meinung zu hören, warum und weshalb in kürzester Zeit zwei starke Verteidigungsstellungen in Đien Biên Phu von Giaps Vietminh im Sturm überrannt worden waren. Cogny nahm auch kein Blatt vor den Mund und legte, kaum war Bigeard eingetreten, nervös und lautstark los: „Mensch, Bruno, das läuft wohl überhaupt nicht so, wie wir es uns vorgestellt haben. Die Viets haben uns ja völlig überrascht. `Béatrice´ und `Gabrielle´ sind gefallen. Zwei starke Befestigungen. Na prost Mahlzeit. Zwei gute Bataillone vernichtet. Unsere Artillerie absolut uneffektiv. Von Paris und Saigon aus betrachtet wird die Schlacht in Đien Biên Phu schlecht geführt. Nicht einen einzigen Erfolg kann der Reitweltmeister de Castries in Đien Biên Phu aufweisen. Die gesamten Gegenangriffe taugen nichts. Giap macht, was er will. Und nun? Erklären Sie mir mal, wie dieser de Castries vorzugehen gedenkt. Sie wissen es nicht, ich weiß es nicht. Jetzt mal zu dir, Bruno, was machen denn deine Paras vom 6. Bataillon?“

Bigeard verstand die Aufregung über die katastrophale Lage in Đien Biên Phu. Nur stellte er sich schützend vor seine Fallschirmjäger, das 6. Bataillon, die noch auf ihren Einsatz warteten. „Meine Jungs waren permanent 20 Monate ohne Atempause im Einsatz. Operation Castor in Đien Biên Phu, dann Laos, dann die Einsätze gegen die Terroranschläge in Cat Bi. Eine kurze Ruhephase muss ich ihnen schon zugestehen.“ 

Cogny zeigte wenig Verständnis. „Gut sind sie, Ihre Paras. Wir brauchen sie. Überlebenswichtig für Đien Biên Phu, Ihr wundervolles Bataillon. Mensch, Bigeard. Was soll der Quatsch mit Ruhepause? Jetzt, wo alles drunter und drüber geht? Nach Đien Biên Phu von mir aus. Dann können sie Ihren Arsch in Na Trang oder was weiß ich, wo es Ihnen sonst noch gefällt, breitdrücken. Wie soll ich das dem Navarre erklären? Der sitzt fett in Saigon, streichelt seine noch fettere Perserkatze und lauert doch nur, dass was schiefgeht. Den gleichen Charakter wie eine Katze hat er ja. Eiskalt lässt der uns doch abblitzen, wenn’s woanders was Besseres zu futtern gibt.“ Cogny trank sein Glas Whisky aus, um fortzufahren: „Bitteschön, die Dakotas stehen auf dem Rollfeld bereit. Nehmen Sie Ihre Jungs mit. Bigeard, Đien Biên Phu braucht sie.“ Nach einer kurzen Pause versuchte Bigeard dem Führungsstab um Cogny Optimismus einzuhauchen. „Wir geben ihm (Giap) unseren kleinen Finger, dann wird er unseren starken Arm zu spüren bekommen. Sie werden sehen.“ Die gutgemeinte Aussage verpuffte.

„Bruno, was ist los? Ich habe mich doch deutlich ausgedrückt. Nimm deine Paras, hau ab nach Đien Biên Phu und räum den Laden auf!“

Bigeard fühlte sich sichtlich unwohl; er hatte immer noch Schmerzen von der Zerrung, die er sich beim Absprung während der Operation `Castor´ zugezogen hatte, was auch einem Cogny nicht verborgen blieb. „Du hast wohl noch Schmerzen? Ausgeschlossen, dass du mit deinen Paras gemeinsam abspringst. Lass uns überlegen.“ 

 

Die düsteren Ereignisse in Đien Biên Phu reflektierten die Stimmung im Hauptquartier hier in Hanoi. Dominant war nur der Zigarettenqualm im halbdunklen Besprechungsraum.

„Was glauben Sie denn, wie die Stimmung in Đien Biên Phu ist? Die Legionäre der 13. und die Algerier vernichtet. Pieroth, der Idiot, verübte Suizid. Mit einer Granate hat er sich in die Luft gejagt. Dann die Geheimhaltung um seinen Tod, obwohl es längst die Spatzen von den Häusern oder Pagoden schreien. Wohl ein Patzer beim Funkverkehr passiert? Ja, kann er die Handgranate nicht auf die Vietminh werfen? Mein lieber Bruno, wir müssen uns da schleunigst was einfallen lassen. Du bist der Richtige. Para Nombre 1.“ Cogny flüsterte leise in die verqualmte Runde. Von den anderen Offizieren hörte man nicht ein einziges Sterbenswörtchen. Aus Bigeard platzte es heraus: „Ich habe gehört, dass die Bataillonschefs im Hauptquartier von Đien Biên Phu intern de Castries schwer kritisieren. Colonel Langlais hat schlechte Laune, da es ihm nicht gelungen ist, mit seinen Einheiten die Vietminh effektiv zu bekämpfen. Von de Castries bekam er nicht die gewünschte Unterstützung. Einigeln sein Motto. Sind wir Paras oder Soldaten für den Schützengraben? Allgemein wird bemängelt, dass die Abstimmung untereinander nicht optimal ist. De Castries fehlt das Zeug zu einer professionellen Führung. Sein Chef der Organisation Lieutenant- Colonel Keller ist übermüdet und säuft „verbleiten“ Kaffee wie Wasser. Er sitzt im Hauptquartier auf dem Boden und nimmt seinen Stahlhelm nicht mehr ab. De Castries vergräbt sich in seinem Bunker, hat keinen Mumm in seinen Knochen und lässt sich auf dem Feld nicht mehr blicken. Ich denke, dass er überhaupt keinen Überblick mehr hat. Die Landebahn wird pausenlos beschossen und die Flugabwehr der Vietminh wird immer präziser. Die Verwundeten können jetzt schon nicht mehr sicher ausgeflogen, geschweige denn in den Feldlazaretten ordentlich versorgt werden. Ich habe da meine Informationen von Langlais.“ 

Pause und langer Zigarettenzug. „Ja, mein lieber Bruno, ich sehe, Sie machen sich ernsthafte Gedanken, dann unternehmen Sie doch was, um die Befestigung in Schwung zu bekommen. Sind Sie Fallschirmjäger oder Kavallerist?“ Die Stimmung nach der Meinungsäußerung von Bigeard versprühte einen Hauch von Optimismus, doch ein jeder Offizier stocherte in dem 

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gebrachten Abendessen herum. Nicht einmal der ausgezeichnete Wein mochte einem da schmecken.

Die Journalistin Brigitte Friang bekam Wind davon, dass Bigeard in Hanoi war, und wollte mit seinem Bataillon in Đien Biên Phu ein zweites Mal abspringen. Sie erhielt von Cognys Stabschef Maj. Rouge jedoch keine Genehmigung.

Angaben des Legionärs Arthur: Oberst Pieroth, Chef der Artillerie, welche im Süden der Landebahn stationiert war, hatte die Lage nicht mehr unter Kontrolle. Seine Abwehrmaßnahmen mit seinen schweren Kanonen gegen seine Kontrahenten der 351. Artilleriedivision von Giap verpufften, sahen und trafen die feindlichen Geschütze nicht. Er war verantwortlich dafür, dass nur so wenige Geschütze zur Verfügung standen. Ohnmächtig musste er mit ansehen, wie die feindlichen Granaten alles um ihn herum zusammenschossen. Hatte er nicht erst kürzlich die dicke Lippe riskiert und sinngemäß seinen o’Daniel, Navarre, de Castries, Journalisten und ausländische Beobachtern locker an der eiligst aufgebauten Bar im Hauptquartier bei ein paar Gläschen feinem Cognac verkündet: Mit meiner Artillerie werde ich ausschlaggebend für die Vernichtung der heranstürmenden Kommunisten sein. Machen wir’s noch mal wie in Nà Sán. Von keinem feindlichen Geschütz werden mehr als drei Granaten in Richtung unserer Stellungen fliegen. Danach haben wir das Geschütz im Visier und pulverisieren es zu Staub. Darauf ein: À votre santé. Nun verfiel er in Lethargie, sah sich in seiner Offiziersehre beschmutzt, floh vor der Schlacht, indem er sich mit einer Handgranate kurzerhand in die Luft jagte. Der Junge war eigentlich kein unsympathischer Mensch, so wie wir ihn mal kennen lernten. Ein geselliger Typ, von der Figur her etwas stabiler und eigentlich immer gut gelaunt. Ein Genießer guter französischer Küche und eines edlen Tropfen Weines. Nie arrogant, trank gerne in den einschlägigen Bars mit jedermann, solange er Stil hatte oder saufen konnte. Und nun das jetzt. Etwas mehr Courage hätten wir schon erwartet. Wir alle haben doch hier unsere Probleme. Der lässt nun seine Jungs im Stich. Wenn man es streng betrachtet, ist er ein Feigling! So etwas motivierte natürlich seine verbliebenen, restlichen Artilleristen nicht gerade. 

 

Angaben der Franzosen: „Das 6. Kolonialbataillon mit 613 Paras, davon über die Hälfte Vietnamesen, sprang mit ihrem Kommandanten Major Bigeard zum zweiten Mal über Đien Biên Phu aus insgesamt 22 Dakotas ab. Mit seinen Paras humpelte er in Richtung `Isabelle´. Über Funk orderte der Chef von `Isabelle´, Colonel Lalande, einen Jeep, um Bigeard ins Hauptquartier zu de Castries zu bringen. Seiner Zerrung ging es gar nicht gut. Als der Name Bigeard in der Befestigung fiel, klatschten viele Kolonialsoldaten spontan in die Hände und jubelten. Vorsichtige Zuversicht machte die Runde. Im Hauptquartier angelangt, kam ihm jedoch eine kalte Wolke depressiver Stimmung entgegen. Der gestrige Tag, der missglückte Gegenangriff, die Missverständnisse untereinander, all das drückte die Stimmung in eine gefährliche Richtung. Langlais versuchte, einen Hauch von Stimmung in die triste Gesellschaft zu impfen. ’Bruno, du bist doch ein verdammter Lorraine und ich ein verdammter Bretonenschädel. Die sind mittlerweile so hart geworden, dass sich sogar ein Giap die Zähne daran ausbeißen wird, oder nicht?’ Unter den Kommandeuren kam so was wie gekünstelter Galgenhumor auf und es wurde sogar bei der zukünftigen Strategiefestlegung rumgeschäkert.

Landungen wurden durch das heftige Flak- und Artilleriefeuer nur noch nachts unternommen. Wichtiger Nachschub wie ein Sendemast für Telekommunikation, Munition und medizinisches Equipment konnte abgesetzt werden. In der Absprungzone `Octavie´, nicht weit von `Isabelle´, landete Ersatz für gefallene Artilleristen. Ständiger Regen, Nebel und die Luftabwehr zwangen die Piloten, die Absprunghöhe gering zu halten, um sicherzugehen, dass die ganze Aktion nicht beim Feind niederging oder zusammengeschossen wurde. Die Vietminh belegten sogleich die Absprungzone `Octavie´ mit Granaten.“

Angaben der Vietminh: „Das Oberkommando besprach die Erfolge und legte die zweite Phase des Angriffs fest. Die umzingelten Truppen eliminieren, die Artillerie ausschalten und wenn möglich der Landebahn habhaft zu werden. Weitere Einheiten, u.a. das 6. Kolonialfallschirmjäger-Bataillon, wurden abgesetzt. Im Bac Bo Delta wurde ein wichtiger Nachschubzug der Franzosen von Partisanen mit Minen in die Luft gejagt.“

 

 

17. und 18. März 1954

Angaben von Arthur: Endlich gab’s mal warmen Kaffee von der Versorgungseinheit. Sogar Suppe konnte in unseren Alunapf gefüllt werden. Die Legionäre, welche die Rationen verteilten, robbten sich weiter, wurden aber prompt von Erwin gestoppt: „Eh Maître, bleib mal da. Ich hab noch Hunger, mach nochmals einen Nachschlag hier hinein. Wer weiß, ob ich dich jemals wiedersehe.“ Der Soldat stand zackig auf. „Mann, bist du lebensmüde? Jetzt stell dich doch nicht so dämlich hin, Kerl, und schieb dir deinen Helm zurecht. Mensch, Mensch, so kommst du doch keine 20 m mehr weit, zieh den Kopf verdammt nochmal ein.“ Dem blutjungen Fremdenlegionär sah man die Unsicherheit an. Erwin: „Kamerad, wie alt bist du denn?“ – „17 Jahre, Kamerad“, so die Antwort. Erwin ließ sich gleich zwei Näpfe voll von dem zitternden Versorgungssoldaten einschenken, bevor er weiterschlich, um noch anderen hungernden Mägen was Gutes zutun. Von `Huguette´ aus lief nun das restliche 3. T’ai-Bataillon zu den Vietminh über. Verständlich, da es sich [bei denen] hauptsächlich um rekrutierte T’ais handelte. Halb überredet, halb gezwungen. So was taugt halt nichts, wie im Nachhinein die verantwortlichen Strategen meinten. In Arthurs Kompanie wurde dies mehr oder weniger gelassen zur Kenntnis genommen. Mehr nicht. Recht hatten sie. Einen zum Soldaten zu zwingen, so was hat noch nie in der Militärgeschichte zur positiven Effizienz einer Truppe beigetragen. Anders war es bei den einheimischen, freiwilligen Indochinakämpfern. Voran die tapferen, aber berüchtigten 5. `BAWOUAN´ mit ihrem geachteten Pan Van Phu. Die Hardliner hassten die Vietminh bis aufs Blut. Viele studierten in Frankreich, hatten französische Freunde. Andere fanden Jobs bei den zahlreichen  ansässigen französischen Niederlassungen oder standen im Beamtendienst. Somit verdienten sie auch ganz ordentlich Piaster, im Verhältnis zur ländlichen Bevölkerung. Die Eltern [führten] zum Teil Mischehen und waren von Grund auf positiv [gegenüber]Frankreich eingestellt. Man hatte sich mit der Kolonialmacht im Guten arrangiert. Eine Machtergreifung durch die Kommunisten? Das wäre für sie tiefster Rückschritt in die Steinzeit. Statt europäischem Fortschritt rigoroser Rückschritt in eine rote Unterwerfung oder gar [die eigene] Vernichtung. Dieses Übel galt es mit aller Kraft abzuwehren, und zwar hier. Hier in Đien Biên Phu! Allerdings wurden die ehrgeizigsten vietnamesischen Paras oft Opfer ihrer eigenen Courage und starben auf dem Schlachtfeld. Um die Lücken schnell wieder aufzufüllen, wurde das Bataillon dann mit indochinesischen Fallschirmjägern aufgefüllt, welche nicht diese absolute Abneigung gegen die Vietminh in sich trugen oder gar verstanden. Deshalb gab es oft Spannungen untereinander und ein mancher wurde zu schnell als Kollaborateur abgeurteilt. Wir selbst mussten einmal eingreifen, als ein zu übereifriger vietnamesischer Corporal einen sogenannten „Feigling“ erschießen wollte, und konnten dies im allerletzten Moment ver- hindern. 

Erwin kam mit einem Informationszettel zu Arthur: „Du, schau mal, was de Castries da verzapft: Laber, laber ... wir hatten ein paar schwere Rückschläge und jede Menge Männer verloren. Es kommen noch zwei weitere Bataillone und fünf stehen noch bereit ... was verzapft er da? ... unsere Artillerie sei voll einsatzbereit. Für die kaputten Kanonen seien neue gekommen. Den Krieg entscheiden wir hier in den nächsten Tagen; wenn das Wetter besser werde, kämen die Bomber ... und ihr werdet sehen, dass das Ganze nicht vergeblich war ... oder so ähnlich. Das liest sich ja, als ob es ein Blechkanister verfasst hätte. Kannst du was mit dem Papier anfangen?“ – „Bastele einen Papierflieger daraus oder packe es zu dem wenigen Toilettenpapier.“ Arthur lachte vor sich hin, „mir kommt der manchmal vor wie Buster Keaton. Der macht auch nur hektische Bewegungen und gibt keinen Mucks von sich“. „Wer?“, fragte Erwin neugierig. „Vergiss es, ein amerikanischer Stummfilmstar.“

 

Angaben der Franzosen: Der Morgennebel war zäh und verschwand nur zögerlich. Er nagte sich nach dem heftigen Regen an den Hügeln fest. War wohl für beide Seiten in Ordnung, denn keine Knallerei störte den Nachschub mit Nahrungsmitteln für Freund und Feind. Die Stellungen auf `Anne-Marie 1 und 2´ wurden von zwei Kompanien des 3. T’ai-Bataillons verlassen, welche desertierten. Einige von den T’ai-Kämpfern waren sehr enttäuscht und verärgert, dass viele Familienmitglieder den Vietminh überlassen wurden. Die französischen Politiker gaben wohl ein paar Versprechungen heraus, die sie nicht einhalten konnten. Für wen sollten die T’ai denn kämpfen? Für seine Majestät Bao Dai? Für die korrupten vietnamesischen Politiker, deren Clique aus Großgrundbesitzern und Fabrikanten bestand?. Die ohnehin Reichen noch reicher zu machen? Die vietnamesischen Generäle und Offizieren prahlten in Saigon und Hanoi offen über ihre Einstellung, die lautete: Orden, Mädchen und Piaster.

Zudem waren die Gebiete, aus denen die einheimischen T’ai und Vietnamesen rekrutiert wurden, bereits in den Händen der Vietminh. Die meisten hatten daher Angst, wenn sie Familienangehörige schnappen, dass es dann zu einer sogenannten Sippenstrafe kommen werde. Also auch für die Familienmitglieder, welche überhaupt nichts dafür konnten, dass der Sprössling bei der Kolonialarmee diente. Schlimmste Repressalien hätten die Familienangehörigen zu erwarten. Verschleppung. Zwangsrekrutierung. Oftmals kam es vor, dass die Vietminh zur Abschreckung Familienangehörige, egal welchen Alters, mit Macheten in Stücke schlugen. Als Abschreckung, damit so der Zustrom zu den französischen Streitkräften verhindert werde. Andere waren äußerst erschüttert, nachdem ` Béatrice´und `Gabrielle´ durch das gewaltige Bombardement der Granaten in sich zusammengefallen waren. Sie verstanden auch die Kriegsführung der französischen Kommandanten nicht. Sich in stinkende, nasse Gräben zu verschanzen, um sich von Granaten zerfetzen zu lassen. Was sollte das? Sie waren es gewohnt, schnell zuzuschlagen, selbst bei einer Übermacht, um dann sofort in den schützenden Dschungel abzutauchen. Zudem hatten vietminhtreue T’ais die Verbände infiltriert, machten ehrenverbundene Versprechungen und mächtig Stimmung gegen die Franzosen. Auch zeigten die mittlerweile lautstarke akustische Propaganda und die Flugzettel ihre Wirkung. 

Restliche, wackere Teile desselben Bataillons verteidigten weiterhin `Anne-Marie´ tapfer. Ziel war es, die nördliche Landebahn zu halten, welche unter ständigem Artilleriefeuer lag. Das Ziel wurde nicht erreicht. Landungen waren vorsichtshalber nur noch nachts möglich. Nun waren die nördlichen Stellungen `Gabrielle´, `Béatrice´ und `AnneMarie´ in der Hand der Vietminh. Das restliche 3. T’ai-Bataillon musste nach `Huguette´ zurückgenommen werden. `Anne-Marie 3 und 4´ wurden nun zu `Huguette 6 und 7´. Die Vietminh versuchten verbissen, die Straße nach `Isabelle´ zu unterbrechen. Pausenloses Artilleriefeuer allen Kalibers auf die Befestigungsanlagen und die Landepiste. 

Es konnte das chirurgische Team mit Lieutenant Vidal abgesetzt werden und marschierte am Nam Yum Fluss in Richtung Hauptlazarett. Ausgestattet mit Blutkonserven, blutstillenden Mitteln, Morphium und Verbandszeug erreichte das Team unter Anstrengung, aber im zügigen Tempo das Lazarett. Erschöpft ließen sich die Soldaten und Sanitäter zu Boden, um auszuschnaufen. Genau in diesem Moment krachten schwere 105mm-Granaten und 120mm-Mörsergeschosse in das Feldlazarett und lösten ein Horrorszenario aus. Körperteile flogen umher. Überall spritzte das Blut. Verzweifelte Hilferufe, laute Schmerzensschreie, grelle Kommandofetzen hörte man überall. Vierzehn wurden sofort getötet. Viele Bettlägerige erlagen den durch Granatsplitter zugefügten schweren Verletzungen. Schwerstverwundete wurden eingepackt und in der Nähe der Flugpiste 

in Warteposition gelegt. Eine Entwässerungsmulde war das Einzige, das ihnen geboten werden konnte. Ein paar Plastikplanen wurden über sie gelegt, damit sie wenigstens dem Regen nicht ausgesetzt wurden. Eiligst aufgeschichtete Sandsäcke schützten sie vor herumschwirrenden Kugeln und Granatsplittern. 

Jeder Verwundete und Sani wartete auf die Retter der Lüfte. Ein kühnes Manöver lenkte die kläffende Flak vom Flugfeld ab. Eine beleuchtete Dakota zog in der Luft ihre Runde und die Flak war beschäftigt. Somit schwebten die Dakotas in Richtung Landepiste. Banges Schauen und Lauschen in den wolkenbehangenen Himmel. Tatsächlich Motorengeräusche. Sie schwebten wie Klänge aus Engelsinstrumenten auf die hoffnungsvoll Wartenden hernieder. Es gelang, bedingt durch die Finte der beleuchteten Dakota und durch geschicktes Ausweichmanöver der Flieger, nachts noch 223 Verwundete bei laufenden Motoren auszufliegen. Den Frauen aus den zwei Bordellen wurde angeboten, mitzufliegen, jedoch wollten sie sich in den Lazaretten nützlich zeigen. Alle lehnten klar und deutlich ab. Sie sahen, dass es an allen Ecken und Enden mangelte. Zudem hatten sie ihren Stolz, dass sie noch zu was anderem zu gebrauchen seien als nur für die bekannte „Bettmatratze“. Einige Dakotas wurden zerstört. Eine davon mit deutlich sichtbarem „Roten Kreuz“ wurde beim Abflug in Brand geschossen und stürzte auf das Rollfeld, wo sie zerschellte. Mannschaften versuchten, Überlebende von der Maschine unter schwerem gegnerischem Feuer ins Feldlazarett zu evakuieren. Die meisten starben auf dem Rollfeld. Umhereilende Rettungsfahrzeuge versuchten vergeblich, durch die Kraterlandschaft im Zickzackfahren zu den Verwundeten zu gelangen. Das Feuer der gegnerischen Artillerie und der Kugelhagel von den schweren Maschinengewehren waren zu heftig. 

Je effektiver die Vietminh die Luftabwehr einsetzten, umso stärker benötigten die Transportflugzeuge Jagdbomberunterstützung; und da lag die Krux. Nach dem schweren Artillerieangriff vom 13. März mussten die Marine-Jagdflieger mit ihren „Helldivers“ und „Hellcats“ von ihrem Flugzeugträger „Arromanches“ aus starten und auf den Landeplätzen bei Cat-Bi (Haiphong) und Bach-Mai (Hanoi) zwischenlanden. Von dort aus schafften die Jäger und Sturzbomber die Flugstrecke nach Đien Biên Phu gerade so, um dort Vietminh-Stellungen zu attackieren. Somit hatten die Transportmaschinen vom Typ C-119 „Flying Boxcars“ und C-47s „Dakota“ einen relativen Schutz. Doch größere Angriffe auf Stellungen der Vietminh konnten wegen Spritmangels nicht unternommen werden. (Von den 29 C-119 hatten nur fünf französische Besatzungen, der Rest waren GI’s unter der Flagge eines „privaten Betreibers“ namens CAT).

Nachdem jedoch das Wetter umgeschlagen hatte und durch die schlechte Sicht in Đien Biên Phu ein Eingreifen der Jagdflugzeuge sich als nicht mehr durchführbar erwies, wurden, so gut es ging, die Nachschubwege entlang der Route 41 angegriffen. Nun wurde auf die `Privateer´Bomber zurückgegriffen, um Stellungen der Vietminh in und um Đien Biên Phu aus größerer Höhe zu beackern. Die `Privateer´ ist eine Weiterentwicklung des `Liberator´ Standardbombers, welche einst die Flächenbombardements in Deutschland flogen. Da sie von Cat-Bi aus starteten, war die Reichweite der Flugzeuge gerade so am Limit. Obwohl die Bomberpiloten rund um die Uhr flogen, wurden die Einsätze, bedingt durch die schlechte Sicht, immer uneffektiver. Zudem bestand die Gefahr, eigene Stellungen oder Gegenangriffe (wie es auch pas- sierte), versehentlich zu treffen.

 

 

Hanoi

Konsul Sturm ließ ein geheimes Telegramm zum US-Botschafter schicken, der sich gerade im Gespräch über eine mögliche Evakuierung aller weiblichen Amerikaner von Hanoi nach Saigon befand. „Kein Ziel ist mehr in Hanoi und Umgebung sicher. Egal, ob zivile oder militärische Einrichtungen. Die Partisanen greifen sporadisch überall 

 an, um den Nachschub nach Đien Biên Phu zu stören. Besonders betroffen ist die Straße Hanoi – Haiphong. Für den Verkehr ist die Verbindung nur noch nachmittags offen. Die Eisenbahnstrecke wurde schlimm sabotiert, zwölf Züge wurden zerstört. Gestern kamen lediglich drei Züge an. Die Infiltration von Vietminh in die noch loyalen Truppen nimmt ständig zu. Die Franzosen denken bereits nach, wie sie sämtliche Kinder und Frauen nach einem Fall von Đien Biên Phu von Tonkin nach Saigon evakuieren können.“ General Cogny war über die stündlichen Negativmeldungen verunsichert, flog mit einer Dakota nach Đien Biên Phu und wollte sich vor Ort informieren. Die eigenen Augen sollten erkennen, was da vor sich ging, er wollte den Kommandeuren Erklärungen abverlangen. 

Die Zeit während des Fluges vertrieb sich Cogny mit Grübeln, bis der Bordlautsprecher über die unmittelbar bevorstehende Landung informierte. Der Pilot drehte eine Runde über der Landepiste, verschwand in den Wolken und setzte zum zweiten Versuch an. Wegen des permanenten Aufschlagens der Granaten auf dem Rollfeld weigerte sich der Pilot zu landen und drehte unter dem lautstarken Protest des Generals Cogny letztendlich ab.

In Hanoi ließ sich Cogny sogleich zu General Dechaux chauffieren, dem seine Ankunft bereits angekündigt worden war. „Was gibt’s, Cogny? Von mir kriegen Sie weder einen Piloten noch irgendeine Maschine.“ – „Was soll der Quatsch, Dechaux? Als Oberkommandierender von Tonkin befehle ich Ihnen, mir eine Maschine zu übergeben, welche in der Lage ist, nachts zu landen. Ich muss nach Đien Biên Phu!“ – „Natürlich, Cogny. Und ich muss gleich meinen Pastis trinken, bevor er warm wird. Ich bin verantwortlich nicht nur für meine Flieger, sondern auch für Sie, mein Lieber. Đien Biên Phu kann jeden Moment aus den Angeln gehoben werden. Ein toter General Cogny bringt keinem was. Nein, ist meine Antwort. Pas possible. Bringen Sie mich doch vor ein Kriegsgericht, mon Général. Wollen Sie nicht auch so einen leckeren Pastis auf Eis?“ Schnaubend vor Wut drehte Cogny mit den Worten ab: „Hier macht ein jeder, was er will. Das wird ein Nachspiel geben! Schenken Se schon ein, Se ... Sie ..., was weiß ich, was Sie sind.“

 

Angaben der Vietminh: „15:00 Uhr: unsere Geschütze feuerten massiv in Richtung `Anne – Marie´. Zwei Kompanien der T’ais liefen mit kompletter Bewaffnung zu uns über. Alle gelandeten Flugzeuge wurden zerstört. Die Flugabwehr schoss zwölf Flugzeuge ab. Der Feind verlor 2000 Soldaten.

Einer unserer Offiziere übergab unter „weißer Flagge“ im Kommandostand `Anne – Marie´ ein Schreiben, adressiert an de Castries, ab, worauf stand: 86 verwundete Verteidiger aus `Gabrielle´ sind keine 600 m nördlich von `Anne – Marie 2´ aufgegriffen worden. Wir wollen diese ehrenvoll übergeben.“ 

Kommandostelle von de Castries Das Schreiben wurde durch einen Kurier überbracht und von Keller an de Castries übergeben. De Castries saß da, las das Schreiben, welches im tadellosen Französisch abgefasst war: „Was ist das denn für ein Dilemma? Jetzt übergibt uns der Feind noch unsere eigenen Verwundeten. Wie soll denn das auf die Kampfmoral der Soldaten wirken? Mensch, Keller, die werfen doch gleich die Waffen weg. Davon abgesehen sind doch die Feldlazarette überfüllt. Evakuieren ist doch gar nicht möglich. Wir lassen mal fragen, ob die Verwundeten ausgeflogen werden dürfen. Dann habe ich was gekonnt, oder? Hol mir mal den Menschenflicker Grauwin her, ich möchte mal wissen, was er dazu meint, und veranlassen Sie die Anfrage an die Roten wegen der Ausfliegerei. Auf, auf, zack, zack, ein Kavallerist ist immer im Trab, immer in Bewegung; und sauf nicht immer so viel.“ 

De Castries nutzte die Zeit, sich ein Käffchen und einen schönen Cognac von seinem arabischen Bediensteten kredenzen zu lassen. Kurze Zeit später kam der Arzt Dr. Grauwin und hörte sich die Problematik an. De Castries legte los: „Lesen Sie mal das, was der Giap da schreibt.“ De Castries genehmigte sich noch ein Schlückchen vom leckeren Braunen. Grauwin fragte er gleich gar nicht, denn er hatte in seinem Beisein noch nie einen Schluck Alkohol zu sich genommen. Nervös schaute er auf den Arzt und legte mit leicht belegter Zunge los: „Ich glaube kaum, dass Giap die Verwundeten ausfliegen lässt. Grauwin, Ihre Feldlazarette sind voll von Verwundeten. Das weiß der Kommunist doch ganz genau. Erst lässt er unsere Soldaten in Fetzen schießen und jetzt setzt er sie mir vor die Tür. Was will ich mit denen? Das ist doch eine Sauerei. Der Giap ist ein Fuchs und will die Moral unserer Soldaten untergraben. Das ist sein Ziel, uns mit eigenen Verwundeten lähmen. Ich teile das gleich Cogny ... nein, direkt Navarre mit. Haben die keine Lazarette, wo sie unsere armen Hunde verpflegen können? Wir nehmen jeden halbtoten Vietminh auf, so sind wir; und er, dieser ... dieser unprofessionelle Kommandeur, dieser Zivilist, spielt eine linke Karte, sag doch du auch mal was, Grauwin.“ 

Dr. Grauwin antwortete: „Danke, dass ich mal zu Wort komme. Wir können niemanden mehr aufnehmen. Neben unseren eigenen Leuten haben wir auch, wie Sie schon zu erwähnen pflegten, Vietminh. Viele davon nicht mehr transportfähig. Vielleicht können wir mit dem General Giap vereinbaren, dass wir zwischen hier und `Isabelle´ eine neutrale „Rot-Kreuz-Station“ errichten können, wo Soldaten aller Parteien ausreichend versorgt werden können?“ – „General Giap? Was soll das denn? Ich werde eine Antwort an Giap herausgeben, nachdem ich mit dem Oberkommando Rücksprache gehalten habe.“ 

Es gab nie eine konkrete Order vom Oberkommando. Die 86 verwundeten Soldaten wurden von den Bo Doi ordentlich an die Franzosen übergeben und die Vietminh nahmen einige ihrer Verwundeten mit. Giaps Antwort auf die Evakuierung der Verwundeten durch Flugzeuge war deutlich. Sie lautete: Nein....

 

 

 

 

Arthur Engel erlebte als Fallschirmjäger der französischen Fremdenlegion im 1er BEP den Krieg in Indochina und 1954 die Schlacht von Dien Bien Phu. Der Autor Terry Kajuko hat in dieser romanhaften Biografie die Erlebnisse seines Vaters verarbeitet.

Neben interessanten persönlichen Erlebnissen werden in diesem Buch, das über 250 Fotos und Karten beinhaltet, zahlreiche Fakten und Hintergründe des Indochina-Krieges, zur Schlacht in Dien Bien Phu und zur französischen Fremdenlegion erläutert.

„In Algerien zu Fallschirmjägern ausgebildet und nach Indochina verschifft, befanden sie sich in keinem gewöhnlichen Krieg, sondern in einem Dschungelkrieg des Mikrokosmos. Ein Krieg ohne zusammenhängende Front. Das Einsatzgebiet eines Elitesoldaten, des Fallschirmjägers.
Im Norden, an der Grenze zu Laos und nicht weit bis China, schwebten die besten Kolonialtruppen in kürzester Zeit vom Himmel oder wurden auf der zusammengebauten Landepiste abgesetzt. Es war die größte Luftlandeoperation im Indochina- und späteren Vietnamkrieg.
In der darauffolgenden Schlacht in einem Tal namens Điện Biên Phủ wurden bewegliche Kampfeinheiten in zusammengebastelten Erdbefestigungen untergebracht, welche in keinster Weise ausreichend gegen Granatenbeschuss gesichert waren. Umzingelt von einer in Laufgräben geschützten und ausgezeichnet bewaffneten Übermacht, den Vietminh. General Giaps Artillerie feuerte völlig überraschend aus gut getarnten Stellungen heraus, hoch oben in den Bergen, wo jede abgefeuerte Granate ein Treffer war.“


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