17. und 18. März 1954

Angaben von Arthur Engel.

Endlich gab’s mal warmen Kaffee von der Versorgungseinheit. Sogar Suppe konnte in unseren Alunapf gefüllt werden. Die Legionäre, welche die Rationen verteilten, robbten sich weiter, wurden aber prompt von Erwin gestoppt: „Eh Maître, bleib mal da. Ich hab noch Hunger, mach nochmals einen Nachschlag hier hinein. Wer weiß, ob ich dich jemals wiedersehe.“ Der Soldat stand zackig auf. „Mann, bist du lebensmüde? Jetzt stell dich doch nicht so dämlich hin, Kerl, und schieb dir deinen Helm zurecht. Mensch, Mensch, so kommst du doch keine 20 m mehr weit, zieh den Kopf verdammt nochmal ein.“ Dem blutjungen Fremdenlegionär sah man die Unsicherheit an. Erwin: „Kamerad, wie alt bist du denn?“ – „17 Jahre, Kamerad“, so die Antwort. Erwin ließ sich gleich zwei Näpfe voll von dem zitternden Versorgungssoldaten einschenken, bevor er weiterschlich, um noch anderen hungernden Mägen was Gutes zu tun. Von `Huguette´ aus lief nun das restliche 3. T’ai-Bataillon zu den Vietminh über. Verständlich, da es sich [bei denen] hauptsächlich um rekrutierte T’ais handelte. Halb überredet, halb gezwungen. So was taugt halt nichts, wie im Nachhinein die verantwortlichen Strategen meinten. In Arthurs Kompanie wurde dies mehr oder weniger gelassen zur Kenntnis genommen. Mehr nicht. Recht hatten sie. Einen zum Soldaten zu zwingen, so was hat noch nie in der Militärgeschichte zur positiven Effizienz einer Truppe beigetragen. Anders war es bei den einheimischen, freiwilligen Indochinakämpfern. Voran die tapferen, aber berüchtigten 5. `BAWOUAN´ mit ihrem geachteten Pan Van Phu. Die Hardliner hassten die Vietminh bis aufs Blut. Viele studierten in Frankreich, hatten französische Freunde. Andere fanden Jobs bei den zahlreichen  ansässigen französischen Niederlassungen oder standen im Beamtendienst. Somit verdienten sie auch ganz ordentlich Piaster, im Verhältnis zur ländlichen Bevölkerung. Die Eltern führten zum Teil Mischehen und waren von Grund auf positiv gegenüber Frankreich eingestellt. Man hatte sich mit der Kolonialmacht im Guten arrangiert. Eine Machtergreifung durch die Kommunisten? Das wäre für sie tiefster Rückschritt in die Steinzeit. Statt europäischem Fortschritt rigoroser Rückschritt in eine rote Unterwerfung oder gar die eigene Vernichtung. Dieses Übel galt es mit aller Kraft abzuwehren, und zwar hier. Hier in Đien Biên Phu!

Allerdings wurden die ehrgeizigsten vietnamesischen Paras oft Opfer ihrer eigenen Courage und starben auf dem Schlachtfeld. Um die Lücken schnell wieder aufzufüllen, wurde das Bataillon dann mit indochinesischen Fallschirmjägern aufgefüllt, welche nicht diese absolute Abneigung gegen die Vietminh in sich trugen oder gar verstanden. Deshalb gab es oft Spannungen untereinander und ein mancher wurde zu schnell als Kollaborateur abgeurteilt. Wir selbst mussten einmal eingreifen, als ein zu übereifriger vietnamesischer Corporal einen sogenannten „Feigling“ erschießen wollte, und konnten dies im allerletzten Moment verhindern. 

Erwin kam mit einem Informationszettel zu Arthur: „Du, schau mal, was de Castries da verzapft: Laber, laber ... wir hatten ein paar schwere Rückschläge und jede Menge Männer verloren. Es kommen noch zwei weitere Bataillone und fünf stehen noch bereit ... was verzapft er da? ... unsere Artillerie sei voll einsatzbereit. Für die kaputten Kanonen seien neue gekommen. Den Krieg entscheiden wir hier in den nächsten Tagen; wenn das Wetter besser werde, kämen die Bomber ... und ihr werdet sehen, dass das Ganze nicht vergeblich war ... oder so ähnlich. Das liest sich ja, als ob es ein Blechkanister verfasst hätte. Kannst du was mit dem Papier anfangen?“ – „Bastele einen Papierflieger daraus oder packe es zu dem wenigen Toilettenpapier.“ Arthur lachte vor sich hin, „mir kommt der (de Castries, Oberbefehshaber Đien Biên Phu) manchmal vor wie Buster Keaton. Der macht auch nur hektische Bewegungen und gibt keinen Mucks von sich“. „Wer?“, fragte Erwin neugierig. „Vergiss es, ein amerikanischer Stummfilmstar.“

Angaben der Franzosen: Der Morgennebel war zäh und verschwand nur zögerlich. Er nagte sich nach dem heftigen Regen an den Hügeln fest. War wohl für beide Seiten in Ordnung, denn keine Knallerei störte den Nachschub mit Nahrungsmitteln für Freund und Feind. Die Stellungen auf `Anne-Marie 1 und 2´ wurden von zwei Kompanien des 3. T’ai-Bataillons verlassen, welche desertierten. Einige von den T’ai-Kämpfern waren sehr enttäuscht und verärgert, dass viele Familienmitglieder den Vietminh überlassen wurden. Die französischen Politiker gaben wohl ein paar Versprechungen heraus, die sie nicht einhalten konnten. Für wen sollten die T’ai denn kämpfen? Für seine Majestät Bao Dai? Für die korrupten vietnamesischen Politiker, deren Clique aus Großgrundbesitzern und Fabrikanten bestand?. Die ohnehin Reichen noch reicher zu machen? Die vietnamesischen Generäle und Offizieren prahlten in Saigon und Hanoi offen über ihre Einstellung, die lautete: Orden, Mädchen und Piaster.

Zudem waren die Gebiete, aus denen die einheimischen T’ai und Vietnamesen rekrutiert wurden, bereits in den Händen der Vietminh. Die meisten hatten daher Angst, wenn sie Familienangehörige schnappen, dass es dann zu einer sogenannten Sippenstrafe kommen werde. Also auch für die Familienmitglieder, welche überhaupt nichts dafür konnten, dass der Sprössling bei der Kolonialarmee diente. Schlimmste Repressalien hätten die Familienangehörigen zu erwarten. Verschleppung. Zwangsrekrutierung. Oftmals kam es vor, dass die Vietminh zur Abschreckung Familienangehörige, egal welchen Alters, mit Macheten in Stücke schlugen. Als Abschreckung, damit so der Zustrom zu den französischen Streitkräften verhindert werde. Andere waren äußerst erschüttert, nachdem ` Béatrice´und `Gabrielle´ durch das gewaltige Bombardement der Granaten in sich zusammengefallen waren. Sie verstanden auch die Kriegsführung der französischen Kommandanten nicht. Sich in stinkende, nasse Gräben zu verschanzen, um sich von Granaten zerfetzen zu lassen. Was sollte das? Sie waren es gewohnt, schnell zuzuschlagen, selbst bei einer Übermacht, um dann sofort in den schützenden Dschungel abzutauchen. Zudem hatten vietminhtreue T’ais die Verbände infiltriert, machten ehrenverbundene Versprechungen und mächtig Stimmung gegen die Franzosen. Auch zeigten die mittlerweile lautstarke akustische Propaganda und die Flugzettel ihre Wirkung. 

Restliche, wackere Teile desselben Bataillons verteidigten weiterhin `Anne-Marie´ tapfer. Ziel war es, die nördliche Landebahn zu halten, welche unter ständigem Artilleriefeuer lag. Das Ziel wurde nicht erreicht. Landungen waren vorsichtshalber nur noch nachts möglich. Nun waren die nördlichen Stellungen `Gabrielle´, `Béatrice´ und `AnneMarie´ in der Hand der Vietminh. Das restliche 3. T’ai-Bataillon musste nach `Huguette´ zurückgenommen werden. `Anne-Marie 3 und 4´ wurden nun zu `Huguette 6 und 7´. Die Vietminh versuchten verbissen, die Straße nach `Isabelle´ zu unterbrechen. Pausenloses Artilleriefeuer allen Kalibers auf die Befestigungsanlagen und die Landepiste. 

Es konnte das chirurgische Team mit Lieutenant Vidal abgesetzt werden und marschierte am Nam Yum Fluss in Richtung Hauptlazarett. Ausgestattet mit Blutkonserven, blutstillenden Mitteln, Morphium und Verbandszeug erreichte das Team unter Anstrengung, aber im zügigen Tempo das Lazarett. Erschöpft ließen sich die Soldaten und Sanitäter zu Boden, um auszuschnaufen. Genau in diesem Moment krachten schwere 105mm-Granaten und 120mm-Mörsergeschosse in das Feldlazarett und lösten ein Horrorszenario aus. Körperteile flogen umher. Überall spritzte das Blut. Verzweifelte Hilferufe, laute Schmerzensschreie, grelle Kommandofetzen hörte man überall. Vierzehn wurden sofort getötet. Viele Bettlägerige erlagen den durch Granatsplitter zugefügten schweren Verletzungen. Schwerstverwundete wurden eingepackt und in der Nähe der Flugpiste in Warteposition gelegt. Eine Entwässerungsmulde war das Einzige, das ihnen geboten werden konnte. Ein paar Plastikplanen wurden über sie gelegt, damit sie wenigstens dem Regen nicht ausgesetzt wurden. Eiligst aufgeschichtete Sandsäcke schützten sie vor herumschwirrenden Kugeln und Granatsplittern. 

Jeder Verwundete und Sani wartete auf die Retter der Lüfte. Ein kühnes Manöver lenkte die kläffende Flak vom Flugfeld ab. Eine beleuchtete Dakota zog in der Luft ihre Runde und die Flak war beschäftigt. Somit schwebten die Dakotas in Richtung Landepiste. Banges Schauen und Lauschen in den wolkenbehangenen Himmel. Tatsächlich Motorengeräusche. Sie schwebten wie Klänge aus Engelsinstrumenten auf die hoffnungsvoll Wartenden hernieder. Es gelang, bedingt durch die Finte der beleuchteten Dakota und durch geschicktes Ausweichmanöver der Flieger, nachts noch 223 Verwundete bei laufenden Motoren auszufliegen. Den Frauen aus den zwei Bordellen wurde angeboten, mitzufliegen, jedoch wollten sie sich in den Lazaretten nützlich zeigen. Alle lehnten klar und deutlich ab. Sie sahen, dass es an allen Ecken und Enden mangelte. Zudem hatten sie ihren Stolz, dass sie noch zu was anderem zu gebrauchen seien als nur für die bekannte „Bettmatratze“. Einige Dakotas wurden zerstört. Eine davon mit deutlich sichtbarem „Roten Kreuz“ wurde beim Abflug in Brand geschossen und stürzte auf das Rollfeld, wo sie zerschellte. Mannschaften versuchten, Überlebende von der Maschine unter schwerem gegnerischem Feuer ins Feldlazarett zu evakuieren. Die meisten starben auf dem Rollfeld. Umhereilende Rettungsfahrzeuge versuchten vergeblich, durch die Kraterlandschaft im Zickzackfahren zu den Verwundeten zu gelangen. Das Feuer der gegnerischen Artillerie und der Kugelhagel von den schweren Maschinengewehren waren zu heftig. 

Je effektiver die Vietminh die Luftabwehr einsetzten, umso stärker benötigten die Transportflugzeuge Jagdbomberunterstützung; und da lag die Krux. Nach dem schweren Artillerieangriff vom 13. März mussten die Marine-Jagdflieger mit ihren „Helldivers“ und „Hellcats“ von ihrem Flugzeugträger „Arromanches“ aus starten und auf den Landeplätzen bei Cat-Bi (Haiphong) und Bach-Mai (Hanoi) zwischenlanden. Von dort aus schafften die Jäger und Sturzbomber die Flugstrecke nach Đien Biên Phu gerade so, um dort Vietminh-Stellungen zu attackieren. Somit hatten die Transportmaschinen vom Typ C-119 „Flying Boxcars“ und C-47s „Dakota“ einen relativen Schutz. Doch größere Angriffe auf Stellungen der Vietminh konnten wegen Spritmangels nicht unternommen werden. (Von den 29 C-119 hatten nur fünf französische Besatzungen, der Rest waren GI’s unter der Flagge eines „privaten Betreibers“ namens CAT).

Nachdem jedoch das Wetter umgeschlagen hatte und durch die schlechte Sicht in Đien Biên Phu ein Eingreifen der Jagdflugzeuge sich als nicht mehr durchführbar erwies, wurden, so gut es ging, die Nachschubwege entlang der Route 41 angegriffen. Nun wurde auf die `Privateer´Bomber zurückgegriffen, um Stellungen der Vietminh in und um Đien Biên Phu aus größerer Höhe zu beackern. Die `Privateer´ ist eine Weiterentwicklung des `Liberator´ Standardbombers, welche einst die Flächenbombardements in Deutschland flogen. Da sie von Cat-Bi aus starteten, war die Reichweite der Flugzeuge gerade so am Limit. Obwohl die Bomberpiloten rund um die Uhr flogen, wurden die Einsätze, bedingt durch die schlechte Sicht, immer uneffektiver. Zudem bestand die Gefahr, eigene Stellungen oder Gegenangriffe (wie es auch passierte), versehentlich zu treffen.

 

 

Hanoi

Konsul Sturm ließ ein geheimes Telegramm zum US-Botschafter schicken, der sich gerade im Gespräch über eine mögliche Evakuierung aller weiblichen Amerikaner von Hanoi nach Saigon befand. „Kein Ziel ist mehr in Hanoi und Umgebung sicher. Egal, ob zivile oder militärische Einrichtungen. Die Partisanen greifen sporadisch überall 

 an, um den Nachschub nach Đien Biên Phu zu stören. Besonders betroffen ist die Straße Hanoi – Haiphong. Für den Verkehr ist die Verbindung nur noch nachmittags offen. Die Eisenbahnstrecke wurde schlimm sabotiert, zwölf Züge wurden zerstört. Gestern kamen lediglich drei Züge an. Die Infiltration von Vietminh in die noch loyalen Truppen nimmt ständig zu. Die Franzosen denken bereits nach, wie sie sämtliche Kinder und Frauen nach einem Fall von Đien Biên Phu von Tonkin nach Saigon evakuieren können.“ General Cogny war über die stündlichen Negativmeldungen verunsichert, flog mit einer Dakota nach Đien Biên Phu und wollte sich vor Ort informieren. Die eigenen Augen sollten erkennen, was da vor sich ging, er wollte den Kommandeuren Erklärungen abverlangen. 

Die Zeit während des Fluges vertrieb sich Cogny mit Grübeln, bis der Bordlautsprecher über die unmittelbar bevorstehende Landung informierte. Der Pilot drehte eine Runde über der Landepiste, verschwand in den Wolken und setzte zum zweiten Versuch an. Wegen des permanenten Aufschlagens der Granaten auf dem Rollfeld weigerte sich der Pilot zu landen und drehte unter dem lautstarken Protest des Generals Cogny letztendlich ab...

 

Ausschnitt aus dem Buch `Dien Bien Phu´ von Terry Kajuko – Verlag: EPEE-Edition

 

 

Arthur Engel erlebte als Fallschirmjäger der französischen Fremdenlegion im 1er BEP den Krieg in Indochina und 1954 die Schlacht von Dien Bien Phu. Der Autor Terry Kajuko hat in dieser romanhaften Biografie die Erlebnisse seines Vaters verarbeitet.

Neben interessanten persönlichen Erlebnissen werden in diesem Buch, das über 250 Fotos und Karten beinhaltet, zahlreiche Fakten und Hintergründe des Indochina-Krieges, zur Schlacht in Dien Bien Phu und zur französischen Fremdenlegion erläutert.

„In Algerien zu Fallschirmjägern ausgebildet und nach Indochina verschifft, befanden sie sich in keinem gewöhnlichen Krieg, sondern in einem Dschungelkrieg des Mikrokosmos. Ein Krieg ohne zusammenhängende Front. Das Einsatzgebiet eines Elitesoldaten, des Fallschirmjägers.
Im Norden, an der Grenze zu Laos und nicht weit bis China, schwebten die besten Kolonialtruppen in kürzester Zeit vom Himmel oder wurden auf der zusammengebauten Landepiste abgesetzt. Es war die größte Luftlandeoperation im Indochina- und späteren Vietnamkrieg.
In der darauffolgenden Schlacht in einem Tal namens Điện Biên Phủ wurden bewegliche Kampfeinheiten in zusammengebastelten Erdbefestigungen untergebracht, welche in keinster Weise ausreichend gegen Granatenbeschuss gesichert waren. Umzingelt von einer in Laufgräben geschützten und ausgezeichnet bewaffneten Übermacht, den Vietminh. General Giaps Artillerie feuerte völlig überraschend aus gut getarnten Stellungen heraus, hoch oben in den Bergen, wo jede abgefeuerte Granate ein Treffer war.“


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E-Book: http://www.epee-edition.com/index.php/de/onlineshop/ebooks/dien-bien-phu-ebook-detail