… Als weiteren Schuldigen fand der sowjetische Führer neben dem Aggressor Nazideutschland auch einen inneren Feind. Eine bestimmte Volksgruppe hatte er schwer im Visier. Wie sein Amtsvorgänger Lenin waren es für Stalin wieder einmal die Einwanderer aus Deutschland.

 

Geplagt von Panik trieben die Bolschewiken alle männlichen Personen in den deutschen Ansiedlungen zusammen. Unter anderem den Vater von Arthur (mein Vater). Ihn wollten sie zwingen, die Elektrostation, seine Arbeitsstelle, in die Luft zu jagen. Doch er weigerte sich.

Er war von hier, Ukrainer und liebte seine Heimat über alles. Diese riesige Anlage hatte

Arthurs Vater mitentworfen und von Anfang an zusammen mit den

„Genossen“ jahrelang aufgebaut.

Seine Ideen, sein Werk, das sollte er als Ukrainer in die Luft jagen? Njet, war seine knappe Antwort. Die Bolschewiken machten kurzen Prozess. Er wurde in das politische Gefängnis geschleppt.

Seine Frau Helene mit Sohn Arthur besuchte ihn nach tagelangem Erbitten der Besuchergenehmigung.

Beim Besuch war seine einzige Bitte eine Zigarette. Er sah schlimm aus. Eingefallenes

Gesicht, verzweifelte, traurige Augen.

Zwei weitere, lange Wochen dauerte das Martyrium. Mit 400 anderen Gefängnisinsassen wurde er

aus dem Verlies Mariupols auf Lkw-Pritschen getrieben, in ein Wald[1]stück gefahren und allesamt erschossen.

Zusammengestapelt wurden Leichenhaufen mit Benzin übergossen und angezündet. Zum Verscharren der Leichen hatten die feigen Meuchelmörder keine Zeit mehr gefunden und verschwanden in das sichere Hinterland.

Arthurs Mutter Helene suchte mit anderen Angehörigen im Dreck oder zwischen den

verkohlten Leichen nach ihrem geliebten Mann. Doch vergeblich. Die

Massakrierten waren zum Teil zu sehr entstellt. Sie fanden ihn nicht.

Arthur weinte und heulte tagelang um seinen Vater. Eine Frage quälte

ihn wieder und wieder: Was hat er denn nur Schlimmes getan? Nichts.

Gar nichts. Dies geschah wenige Stunden vor Einmarsch der deutschen

Panzerspitzen. Arthur sagte energisch zu seiner Mutter: „Wären sie

doch einen halben Tag früher hier gewesen, dann hätten sie bestimmt

Vater und die anderen befreit und die bösen Bolschewiken erschossen.“

Viele Deutschstämmige aus der Wolgarepublik, der südlichen und

westlichen Ukraine sind nach Sibirien, Mittelasien oder hinter den

Ural deportiert worden, wo sie mehr als Vieh denn als Mensch behandelt wurden. Stimmt so auch nicht, denn Viecher behandelten die Bolschewiken besser, die kann man wenigstens verwerten.

Die meisten der `Sowjetdeutschen´ endeten in den berühmt-berüchtigten Gulags.

1941 hatte die deutsche Wehrmacht mit ihren rumänischen Verbündeten die ganze Ukraine unter ihrer Kontrolle.

Der Südteil der Ukraine wurde in Transnistrien umbenannt.

Entgegen der NS-Propaganda, welche vor den „Bolschewiken deutscher

Abstammung“ unverblümt warnte, wurde die Wehrmacht mit Musik

und Fahnenschwenken vielerorts empfangen. Odessa wurde Hauptstadt von Transnistrien. Das alles unter rumänischer Verwaltung, mit Ausnahme der deutschen Ansiedlungen, welche unter der `Volksdeutschen Mittelstelle´ und der SS standen.

Keiner konnte nur erahnen, dass die Nazi-Strategen daran dachten, die „verbolschewikten Russland-Deutschen“ auszumerzen.

Mystisches, kurzlebiges Transnistrien

In Mariupol wurden sofort alle öffentlichen Ämter und Behörden von

den Wehrmachtsangehörigen besetzt. Jede Menge Siedlungsdeutsche

und deutschsprachige Ukrainer meldeten sich und unterstützten so die

Wehrmachtssoldaten sowie die Waffen-SS, später auch die berüchtigte

Einsatzgruppe D der Sicherheitspolizei, welche der kämpfenden Truppe nachrückten. Im Schulhof von Arthur wurde eine Abteilung Gebirgsjäger untergebracht und Arthurs Mutter bekochte sie.

Die Soldaten waren nett und Arthur trieb sich gerne bei ihnen herum. Sie hatten sich

zwei Tage den Luxus einer Ruhepause gegönnt. Aber nur deshalb, weil

der Nachschub ins Stocken geriet. Leider mussten sie bald weiter an

die Front. Arthurs Mutter hatte einen Job als Grundschullehrerin und

wurde nach dem Unterricht bei der Wehrmacht als Dolmetscherin eingesetzt.

Nicht nur deutsche Truppen waren anwesend, auch rumänische

Armeeangehörige wurden in Mariupol einquartiert. Mit einem rumänischen Übersetzer freundete sich Arthur an. Er war um die 40 Jahre alt und stets elegant gekleidet. Anzug mit Krawatte, einen Schnurrbart, schicken Hut und sehr gebildet. Er trug keine Uniform. Seinen Wirkungskreis hatte er in der Kommandantur.

Was seine Tätigkeit war oder womit er genau sein Geld verdiente, konnte Arthur nicht in Erfahrung

bringen. Beide nutzten ihre Freizeit und hirnten gerne bei Schach. Dabei

achtete Arthur jedoch genau darauf, dass der Rumäne mit dem Namen

Dumitru ihm nicht auf seine Finger schauen konnte. Nach jedem Zug

versteckte Arthur seine Hände sofort unter dem Tisch. Er hatte viele,

große, eklige Warzen an den Fingern und natürlich schämte er sich dessen. Dies blieb freilich dem eleganten Schnurrbartträger nicht verborgen. Arthurs Mutter sprach diese persönliche Problematik auch noch an, als sie merkte, dass sich der Rumäne Dumitru für seine Warzen interessierte.

Obwohl es seine waren und die hatten nur ihn was anzugehen.

Peinlich genug. Die Mutter bat Arthur artig, die Hände hinter seinem

Rücken hervor zunehmen und diese dem freundlichen Herrn zu zeigen.

Unter Murren tat er es auch schließlich. Er schaute Arthur ins Gesicht

und fragte den erröteten Kopf: „Arthur, willst du, dass ich dir diese

Dinger da für immer entferne? Doch wie, dass möchtest du doch sicherlich wissen? Na gut, ich sage es dir. Es muss bei Vollmond passieren. Eine geschlossene Wolkendecke darf uns dabei nicht stören. Du musst es aber von dir aus selbst wollen. Willst du?“ Arthur bejahte mit

gesenktem Haupt, aber in gespannter Erwartung. Es war ihm zutiefst

unangenehm, doch wollte er diese blöden Warzen natürlich loswerden.

So wartete Arthur mit seiner Mutter geduldig diesen Termin ab und gemeinsam mit dem eleganten Rumänen begaben sie sich nachts auf eine Anhöhe außerhalb der Stadt. Sie hatten Glück, es war wolkenfrei und ein großer Vollmond zwinkerte freundlich auf die kleine Gruppe hinunter. Mystische Spannung lag in der Luft. Unter ständigem Murmeln in einer Sprache, die weder Arthur noch seine Mutter je gehört hatten, umband er die Warzen mit weißen Fäden. Dann hielt er kurz inne.

Murmelte noch drei, vier undefinierbare Sätze und das war’s.

Arthur musste denken, was der Hokuspokus denn solle. Doch als er morgens

aufwachte, waren die lästigen Warzen allesamt verschwunden. Lediglich helle Flecken waren Zeugen, dass sich da mal was Unangenehmes befand. Eindrücke, die man sein Leben lang nicht vergaß. Den eleganten Dumitru sahen sie nie wieder.

Es stellte sich während dieser Tage unter der Besatzung der Achsenmächte eine gewisse Normalität ein. Man fühlte sich eigentlich das erste Mal seit weiß Gott wie lange endlich mal sicher, meinte die Mutter einmal. Auf der Straße spielten Arthur und seine Kumpels Zurka,

ähnlich wie Baseball. Jedoch, statt einem Baseball aus Leder hatten die

Jungs nur einen zusammengeknoteten Stoffballen zur Verfügung. Andere Straßenspiele zu dieser Zeit waren `Fuchsen´, dabei war derjenige Sieger, welcher seine Münze in einem genau vorgesehenen Kreis am nächsten hinschnipste. Betak war ein ähnliches Münzspiel. Die frische

Luft machte die jugendlichen Gemüter hungrig. In der Nachbarschaft

befand sich ein Gasthaus namens `Ostiniza´. Da roch es intensiv und

gut nach leckerem, warmem Essen. Die Jungs klebten ihre Nasen an

das große Fenster. Jeder wusste, dass das unerreichbare Genüsse waren,

welche sich so angenehm in die Nasenöffnungen reinschlichen. Es gab

dort einfache Übernachtungsmöglichkeiten für Reisende, denen die

Möglichkeit gegeben wurde, sich vor dem Schlafengehen hauseigene

Köstlichkeiten einzuverleiben. Die Gäste hatten eben Geld und die

kleinen Strolche keines. Dem Chef des Hauses – ein runder, untersetzter

Wirt mit schmierigen, glatten Haarsträhnen – passten die gaffenden Gesichter an den Fenstern gar nicht und so wurden diese öfters unter Androhung und Schwingen eines mächtigen Holzlöffels davongescheucht.

Die Gruppe Jugendlicher nahm Reißaus, hinterher der dicke Wirt mit

dreckiger Schürze und großem Holzlöffel. Es war keine große Kunst,

diesen schweißigen Fettkloß abzuwimmeln. Sie kickten sich mit einer

Blechdose zu, während sie weiter die Straße entlangschlurften. An der

Hauptstraße gab es eine gut besuchte, aber kleine Bierkneipe. Hier

wurde alles im Stehen zu sich genommen. Es herrschte reger Barbetrieb,

als die Kumpels ihre Meckel da reinsteckten. Kleine Snacks wie panierte

Hähnchenschlegel mit scharfer Sauce, Schaschlik und frittierter Fisch

wurden da angeboten. Es gab Bier und Wodka oder Wein und Weinbrand von deutschstämmigen Winzern von der Krim.

Die Essensreste wurden einfach auf den Boden geworfen, die Asche und die Kippen

der Zigaretten sowieso. Gereinigt wurde mit Sägemehl, welches auf

dem Boden ausgestreut wurde. Dort blieb es ein Weilchen liegen und

wurde später wieder zusammengekehrt und entsorgt.

Ein rundlicher, nett dreinschauender Kneiper, die Herkunft seiner Ahnen war irgendwo bei Leipzig, was man durchaus noch heraushörte, hatte das Sagen

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und man wusste gleich, wer der Chef war. Die Jugendlichen konnten

hier hin und wieder die eine oder andere Kopeke sich verdienen.

Mal als Putze, mal als Küchenschabe, bestenfalls als Gläserspüler an der verqualmten Bar. Das war der beste und beliebteste Job. Man kam so in den Genuss zu hören, was in der Welt so geschah, und es regte ungemein das Fernweh an. Darauf spekulierten sie auch an diesem Tage.

Heute waren aber nur wenige Hafenarbeiter und ein paar Wehrmachtssoldaten anwesend. Der Kneiper mit seinen Bartstoppeln und seinem

Küchentuch um seinen runden Bauch gab zu verstehen, dass es heute

nichts zu arbeiten gab. Die Jungs verschwanden aus der mit Zigaretten[1]qualm verhangenen Bar auf die Straße. Vor dem Konsum angekommen, standen Menschen wie immer in einer langen, wartenden Schlange. Sie warteten vor dem Einkaufsladen geduldig, bis ein jeder das hatte, was

er wollte oder auch nicht. Früher kaufte man alles, was es gab. Brot oder Krawatten, Kartoffeln oder Reinigungsmittel. Alles war bisher staatlich gesteuert. Im Gegensatz zum Bazar. Dort war das Angebot bunter und reichhaltiger. Da konnte man gegen teures Bares so ziemlich

alles kaufen oder tauschen.

Nachdem die Deutschen jetzt hier waren, wurde es sogleich besser.

Eins blieb in den bereits sozialistisch angehauchten Schädeln dennoch. Wenn die Leute vor einem Laden eine immer größer anwachsende Schlange Menschen sahen, reihten sie sich automatisch an das Ende. Ein Phänomen, welches zur Gewohnheit geworden war.

Die Jungs grinsten und liefen vorbei. Nun war es spät geworden und der Haufen beschloss, sich auf den Heimweg zu begeben, da es schnell dunkel wurde.

Zuhause angekommen, war unvorhergesehener Besuch da. Rita und Reinhold, Verwandte von Arthur und seinen Eltern. Beide lernten sich erst kürzlich bei ihrer neuen Arbeitsstelle, dem SD – Sicherheitsdienst –, kennen. Dort waren sie als Dolmetscher für die Besatzer tätig.

Als Arthur kam, unterbrachen sie die Unterhaltung prompt. Er musste sich nach dem Waschen und Gutenachtsagen ins Bett seiner Eltern, zur Oma, begeben. Das weckte seine Neugierde erst recht und er klebte mit dem Ohr an der Tür, um zu lauschen, was da so getuschelt wurde. „Der

Tenor unserer `Arbeitgeber´, versuchen wir es mal wörtlich genau so wiederzugeben, ist die Freimachung bearbeiteter Gebiete von Juden, Kommunisten und Partisanengruppen. Auch kommunistische Russland-Deutsche wurden verhört und abgeführt. Die Meinung der SD

(Sicherheitsdienst)-Leiter über die Ukrainedeutschen ist die, dass man kein ausgeprägtes Deutschbewusstsein feststellen könne. Die rassenhygienischen Maßnahmen, die Entjudung der Dörfer und das Verdrängen der Fremdstämmigen müsse man selber durchführen. Die Mehrheit

der Ukrainedeutschen wüsste nicht einmal den Namen des Führers, lediglich der Hass gegen die Sowjets führe sie in die deutschen Reihen.

Ein Unterschied zwischen Gestapo und NKWD (Sowjet. Geheimdienst)

sei denen fremd. Beide würden gleichermaßen verachtet. Man könne keine ausgereiften, ideologischen Ziele bei den Deutschukrainern erkennen. Nur wenige dieser Ukrainedeutschen können nach sorgfältigster Auslese einmal wertvolle Aufgaben erfüllen. Als Reichsbürger eher

unwahrscheinlich geeignet. Mit Befremden müsse der SD feststellen, dass man die Juden nicht freiwillig ausliefere, ja, es komme vor, dass man diese Geißel der Menschheit sogar vor dem Zugriff der Einsatzeinheiten verstecke. Jetzt solle ein volksdeutscher Selbstschutz aufgebaut

werden. Männer zwischen 15 und 45 Jahren sollen rekrutiert werden.

Ausgerüstet mit Beutewaffen. Zu erkennen seien diese dann an Armbinden. Aber nicht uniformiert.

Für eine arische Uniform taugten die Ukrainedeutschen nun wirklich nicht.

So sprechen diese Menschen über uns. Und wie haben wir sie empfangen? Mit Freude und offenen Herzen. Für uns Ukrainedeutsche, die dort arbeiten, ist das alles wie in einer Zentrale des Schreckens

und wir fürchten uns jetzt mehr denn je. Das Treiben dieser, wie nennen sie sich jetzt arrogant: `Herrenmenschen´, können wir doch nicht gutheißen, oder?“

Hektisch und nervös wechselten sich da Rita und Reinhold beim Erzählen ab. „Und dennoch fielen mir und Reinhold bei manchen Ukrainedeutschen eine erschreckende Blutgier bei der Judenhatz auf“, sprach beunruhigt Rita. „Sogar Kinder und Greise treiben sie zusammen, um sie zu töten“, fügte sie hinterher. „Was müssen wir noch alles durchstehen, erst die Bolschewiken und dann das hier“, konnte Arthur seine Mutter flüstern hören.

Am anderen Morgen nach der Schule konnte Arthur mit seinen Kumpels ein bizarres Bild wahrnehmen, welches aber zur Routine werden sollte.

Entlang der Allee-Bäume der Hauptstraßen knüpfte der SD politische

Kommissare und Partisanen auf. Wie die Girlanden hingen da massenhaft baumelnde Körper. Die Jungs schauten erst die im Winde hin und her schwingenden, leblosen Körper an, zuckten die Schultern und warfen sich weiter beim Heimgehen den Lederball zu, welchen sie von

einem der Gebirgsjäger geschenkt bekommen hatten.

Hin und wieder pfefferten sie einen Stein in die Richtung der Gehängten. Mitleid hatten

sie mit den Bolschewiken wirklich keines. Es gab kaum eine Familie aus der Bekanntschaft, welche nicht einen oder mehrere Angehörige durch diese Gehängten oder deren Genossen verloren hatte. Nein, die lange Zunge wurde nach den mit Schmeißfliegen umschwärmten Gehenkten

ausgestreckt. Gesichter als Grimassen verformt, äfften sie zu den Toten hinüber. Das Einzige, was später ein wenig störte, war der widerliche Gestank, welcher von den Aufgeknüpften ausging.

Sie mussten als Abschreckung baumeln bleiben. Das waren mittelbare Auswirkungen

des sogenannten `Kommissarbefehls´ vom OKW (Oberkommando der Wehrmacht) an die kämpfende Truppe. Dieser sagte im Wesentlichen aus, dass alle in Gefangenschaft geratenen politischen Kommissare der Roten Armee als Träger der bolschewistischen Ideologie sofort erschossen werden sollten. Oder so wie hier, aufhängen. So der Wille des OKW.

Ein Hauptmann, welcher unter Generalfeldmarschall v. Manstein diente, erklärte einmal an der Bar des Sachsen, schon schön angesoffen, aber doch noch geradeaus sprechend – Arthur hatte den begehrten Job an der Bar intus und trocknete gerade Gläser ab: „Die Sauerei da draußen

ist nicht unser Bier. Unser Chef Manstein hat uns seine Einstellung so

eingebläut: Ein politischer Kommissar ist genauso wenig Soldat in meinen Augen wie ein deutscher Gauleiter, auch eine Sau, hicks, welchen man mir gerne mitgegeben hätte. Trotzdem werde ich den Befehl nicht erteilen, diesen zu erschießen. Beide verachte ich sie zutiefst und ich mag sie nicht. Beide sind gefährliche Fanatiker. Sie wollen den Krieg aufs Härteste geführt sehen. Das ist blind und nicht soldatisch. Ebenso nehme ich es mit dem Kommissarbefehl. Unsoldatisch von Grund

auf! Die Ausführung solch eines Befehls gefährde nicht nur die Ehre, sondern auch die Moral der kämpfenden Truppe. Dies gab v. Manstein so denen da oben in Berlin weiter. Der Kommissarbefehl werde von seinen Einheiten nicht ausgeführt. Basta. Das natürlich zum Schrecken

der arroganten Nazischreihälse. Vor dem Mann, hicks, habe ich Achtung. Der ist kein Stiefellecker wie der Jodl oder der Keitel. Eitle Pfauen in Uniform. So erledigten halt die nachrückenden Sondereinheiten diese Schweinereien. Das sind aber keine Soldaten. Die kennen die Front nur

vom Hörensagen. Soll mal so einer in die Kneipe hierher kommen. Den

packe ich an den Eiern. Hicks. Dummschwätzer. Komm, Arthur, schenk

noch eins ein. ’nen Doppelten. Wer weiß, wie lange ich das Stöffchen

noch in meinen Hals kippen kann.“

Diese Aussage musste bei Arthur gesessen haben. Das war klasse, der Soldat sprach, was er dachte, und behandelt mich wie einen Großen. So will ich auch mal werden. Aber eigentlich komisch. Was ist denn dabei, die verhassten Bolschewiken zu töten? Doch das mit den Juden, was er gehört hatte, traf Arthur hart.

Daheim angekommen, konnte Arthur seine Mutter über dem Küchentisch liegen sehen, wo sie jämmerlich weinte. Schnell begab er sich zu ihr, legte seinen Arm über ihre Schulter und fragte, was denn los sei. „Der SD hat alle Kinder auf den Schulhof getrieben und den kleinen David samt seiner Schwester mitgenommen. Die waren doch gerade mal sechs und sieben Jahre. Ich flehte sie an, dass es liebe Kinder seien. Es seien keine Kinder, sondern dreckige Juden, sagten sie. Es half alles

nichts, sie wurden auf den Lkw verfrachtet, abgeführt und ins Lager gebracht. Das Schreien der Kinder war schrecklich. Und immer wieder riefen sie nach mir. Meinen Namen. Frau Engel, Frau Engel. Helfen Sie uns, helfen Sie uns. Fürchterlich. Ich konnte doch nichts tun.“
Der Sohn nahm seine verzweifelte Mutter in die Arme und tröstete, so gut

es ging. Arthur sprach aus, was er dachte: „In meinem Leben gibt es bisher nur Mord und Totschlag. Ohne eine vernünftige Erklärung sind Menschen geradezu besessen, Schwächere umzubringen, soll das denn ewig so weitergehen?“

Das willkürliche Morden der Bolschewiken war ihm genauso zuwider wie das Ermorden der Juden durch die deutschen Einsatzgruppen. Unglaublich. Das konnten keine echten Deutschen sein.

Er selbst hatte früher einige jüdische Freunde gehabt und das waren feine Kerle. Gott sei Dank tauchten die unter oder verschwanden mit ihren Eltern auf Nimmerwiedersehen. Zumindest redete er sich das ein. Eine schreckliche, grausame Zeit.

Freilich verbesserte sich die Befriedigung der elementaren Grundbedürfnisse, den Bauern wurde weitgehend freie Hand gegeben, wie sie ihr Feld zu bestellen hatten, Beutegerätschaften wurden zur Verfügung gestellt und der Magen knurrte nicht mehr so wie früher. Trotzdem merkte man den Soldaten nach einigen Wochen eine allgemeine Unruhe und Nervosität an. Die 6. Armee unter Generalfeldmarschall Paulus wurde bei Stalingrad eingekesselt und man hörte nichts Gutes.

Die Stadt Rostow wackelte. Es tauchten schon erste feindliche Panzer bei

Noworscherkask auf, nachdem sie die befreundeten Kosakenverbände durchbrochen hatten, also unmittelbar vor Rostow. Das sind keine 200 km bis Mariupol.

Auch die Mutter und Arthur beruhigte die Situation nicht gerade, dass die deutsche Heeresgruppe Don ordentlich verschüttelt wurde. Die eiligst herbeigeführte 4. Panzerarmee konnte dem Einhalt gebieten, aber wie lange noch? Die rumänischen und italienischen Kampfverbände befanden sich bereits in unkontrollierter Auflösung.

An der Bar hörte er wahrlich nichts Erfreuliches von einigen deutschen Landsern und Verwaltungsbeamten, die nervös, hektisch rauchend und schnell miteinander sprachen und sich schön eins in die Birne kippten.

Bei vielen Deutschstämmigen war Kofferpacken angesagt. Sie hatten

Angst. Todesangst. Die Heeresgruppe B am mittleren Don erlebte in

diesen Tagen eine Katastrophe nach der anderen, als der von der ungarischen Armee gehaltene Frontverlauf zusammenbrach. Für Arthur und seine Mutter stand der Entschluss fest. Wir bleiben nicht. Der Rückzug war nur noch eine Frage der Zeit und sie wollten sich der Wehrmacht beim bevorstehenden Rückzug anschließen. Doch noch war es nicht so weit. Die 1. Panzerarmee schlug erneut die Sowjets bei Karmatorskaja zurück und half der 11. Panzerdivision bei Slavjansk aus der

Patsche. Dies waren aber gerade mal 150 km Luftlinie bis nach Mariupol. In einer Art Zangenbewegung versuchten die Sowjets die Schlinge fester zu ziehen. Die Bahnlinie zwischen Dnjepropetrowsk und Krasnoarmeiskoje war bereits unterbrochen, was die Situation der deutschen

Truppen weiter verschlechterte. Für Arthur und seine Mutter bedeutete

dies, dass die Front bereits im Rücken von Mariupol lag. Freilich erfuhr Arthur nicht viel von dem Kampfgeschehen, aber es sickerte immer mal was durch. Gespannt saßen die Jungs zusammen, ein jeder wusste was und man machte sich wieder etwas Hoffnung. Zweckoptimismus.

Bis zum 1. März konnte man die Sowjets wieder hinter den Donez zurück[1]drängen und es juckte die deutschen Einheiten, über den zugefrorenen Fluss den flüchtenden Sowjets nachzujagen. In Mariupol beruhigte sich durch die erfolgreiche Frontmeldung die Lage wieder ein wenig. Vielleicht können wir doch in Mariupol verbleiben, mochten sich Arthur und seine Mutter gedacht haben. Es war aber eine Frage der Zeit, wann die Front hier erneut zusammenbrechen würde.

Schlug man der Hydra einen Kopf ab, wuchsen sofort zwei neue nach. Die Ressourcen an

Mensch und Material waren auf sowjetischer Seite unermesslich groß.

Das Vorhaben, sich die begehrten Ölquellen am Kaukasus einzuverleiben, war nicht geglückt. Die Informationen von der Westfront waren

ebenfalls nicht beruhigend. Man hörte immer wieder von Frontsoldaten, dass im Sommer eine neue, große Offensive gegen die Sowjets in Planung sei. Doch Operation `Zitadelle´, ein letztes Aufbäumen der deutschen Wehrmacht, scheiterte…

Arthur Engel erlebte als Fallschirmjäger der französischen Fremdenlegion im 1er BEP den Krieg in Indochina und 1954 die Schlacht von Dien Bien Phu. Der Autor Terry Kajuko hat in dieser romanhaften Biografie die Erlebnisse seines Vaters verarbeitet.

Neben interessanten persönlichen Erlebnissen werden in diesem Buch, das über 250 Fotos und Karten beinhaltet, zahlreiche Fakten und Hintergründe des Indochina-Krieges, zur Schlacht in Dien Bien Phu und zur französischen Fremdenlegion erläutert.

„In Algerien zu Fallschirmjägern ausgebildet und nach Indochina verschifft, befanden sie sich in keinem gewöhnlichen Krieg, sondern in einem Dschungelkrieg des Mikrokosmos. Ein Krieg ohne zusammenhängende Front. Das Einsatzgebiet eines Elitesoldaten, des Fallschirmjägers.
Im Norden, an der Grenze zu Laos und nicht weit bis China, schwebten die besten Kolonialtruppen in kürzester Zeit vom Himmel oder wurden auf der zusammengebauten Landepiste abgesetzt. Es war die größte Luftlandeoperation im Indochina- und späteren Vietnamkrieg.
In der darauffolgenden Schlacht in einem Tal namens Điện Biên Phủ wurden bewegliche Kampfeinheiten in zusammengebastelten Erdbefestigungen untergebracht, welche in keinster Weise ausreichend gegen Granatenbeschuss gesichert waren. Umzingelt von einer in Laufgräben geschützten und ausgezeichnet bewaffneten Übermacht, den Vietminh. General Giaps Artillerie feuerte völlig überraschend aus gut getarnten Stellungen heraus, hoch oben in den Bergen, wo jede abgefeuerte Granate ein Treffer war.“


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