Bei den Krokodilen In KachIkally

Die staubige Straße zu den berühmten Krokodilen führte durch das kleine Städtchen Bakau und die Anlage mit den Krokodilen wird seit mehreren Generationen von einer Familie namens Bojang betrieben. Von den heiligen Krokodilbecken gibt es drei in Gambia: Berending bei dem Ort Barra, eines bei Kartong im Süden des Landes, das dritte und größte hier in Kachikally. Die Anlage ist recht einfach zu finden, da sie gut ausgeschildert ist, und je näher man sich diesem spirituellen Ort näherte, umso mehr scharten sich „Mentie, Mentie“ kreischende Kinder und Jugendliche um die Touris. Die letzten Meter pflügte man sich durch die bettelnden Kindermassen den Weg wie eine Planierraupe durch einen Erdhaufen. Der auf den Straßen liegende allgegenwärtige Müll bestimmte die Umgebung und der stinkende offene Entwässerungskanal war eine Schnellbahn für wuselnde Ratten. 

Allerdings wurde diese Apokalypse im Bereich des umfriedeten Krokodilresorts unterbrochen.

Beim Kachikally-Krokodilteich laden romantische Wege zum Flanieren ein.

In dem umzäunten Gelände betraten die Besucher auf einem schön gefliesten Weg die sauber gehaltenen Grünanlagen. Flankiert von hohem Bambus war dies wie richtiger Dschungel. In der Madingasprache bedeutet „Bambo“ Krokodil, und das heilige Reptil musste schon vor grauer Urzeit als Fruchtbarkeitssymbol herhalten. Ein überaus weiser Spruch an dem kleinen Museum des Krokoparks bekräftigte, warum Bambo die Heiligkeit zugeschanzt bekam: „Erblickst du im Fluss ein weißes Krokodil, kriegst du Kinder viel.“ 

An der Kasse bezahlte man bei einer molligen farbenfroh angezogenen Dame den Eintritt.

Im Anschluss gelangte man zuerst in das kleine mit Palmenwedeln bedeckte Museum, welches auf interessante Weise einen Überblick über die Geschichte Gambias und den Krokopark dokumentierte. Die ausgestellten Stücke waren durchaus sehenswert und in Englisch beschrieben. Beeindruckende Masken und Kostüme wie der KumpoUmhang aus getrockneten Gräsern waren in Originalgröße aufgestellt. 

 Numu der Reiseführer deutete an, dass wir uns nähern sollten. „Jetzt mal alle eben zuhören. Das meine Freunde Gitte und Martin aus Germany und die anderen zwei Freunde von denen zwei. So jetzt haben wir schöne Gruppe und können eben anfangen durch Crocodile Park zu latschen.“ Nachdem man sich hintereinander einen schmalen Pfad entlanggeschlängelt hatte, stoppte Numu seine Gruppe vor einem imposanten Baum. Numu stand an einer der mächtigen Stütz- oder Brettwurzeln eines Kapokbaumes, eines Ceiba pentandra. „Leute, eben mal zu mir hören. Das großer, mächtiger, heiliger Baum für Beschneidung von Muslimekinder. Recht praktisch. Zack, Zipfel wegschneiden und nach hinten zu heiligen Krokodil werfen, bringt große Portion Glück.“ 

Nach einem Schlenker durch die Botanik kam man in den Bereich der heiligen Krokodile. Ungewöhnlich und mulmig wurde es einem da schon, wenn man sich zwischen diesen Urviechern bewegte. Zum Teil lagen da ziemlich stattliche Burschen umher. Martin schätzte, dass einige drei bis vier Meter lange Kaventsmänner dabei waren, die mit leicht geöffnetem Maul dalagen. Eigentlich sahen sie wie vollgedröhnt und mit den Wasserlinsen auf ihrem Panzer auch modrig alt aus.

Zu einem stattlichen Exemplar bewegte Martin sich, nachdem er Gitte seine Kamera gegeben hatte, damit sie von ihm abenteuerliche Beweisfotos knipsen sollte.

Die aufgeregte Stimme eines Parkwächters gab jedoch zu verstehen, dass gerade dieses Tier bissig sei und er sich nicht zu weit nähern solle. Martin zog sich gleich wieder vorsichtig zurück und nahm mit ein paar kleineren Krokodilen vorlieb, die man sogar anfassen konnte.

„Wie viele Fotos soll ich noch knipsen? Langen die zwanzig jetzt?“ Gitte war noch nie die große Fotografin gewesen und keine Freundin gestellter Bilder.

„Die liegen da wie tot. Ob ich da mal einen am Schwanz ziehen kann? Inka, was meinst du denn?“ Und schon stand Klausi hinter einem mittelprächtigen Exemplar. „Klausi, lass das, nachher schnappt das Vieh noch zu und dann ist das Geschrei wieder groß.“

„Ach Inka, lass mich doch auch mal ein wenig Spaß haben. Ich will den jetzt am Schwanz ziehen.“ Numu tauchte bei den vieren auf. Er musste sie wohl beobachtet haben.

„Kannst Krokodil schön feste am Schwanz ziehen und dann mit ihm in See Tauchübungen trainieren.“ „Wieso, Numu?“, fragte erstaunt Inka.

„Na, wenn Krokodil nach hinten schnappt und Klausi fasst, dann versucht es ihn mal eben schnell in Tümpel zu ziehen, um schönes Barbecue mit weißem Mann zu veranstalten. Schaut mal, was hier überall auf den Schildern steht: „Don’t touch the Crocodile“.

„Siehste, Klausi, ich wusste doch, dass das nicht ungefährlich ist. Komm jetzt, gehen wir weiter. Wenn die Viecher erst mal auf den Geschmack von Menschenfleisch gekommen sind, was glaubst du, wie schnell hier die Bude geräumt ist.“

Inka versuchte für ihren Klausi einen respektablen Sicherheitsradius zu finden. Sie ging sich auf einem mit Betonplatten überdeckten Kanal, der etwas höher als das Gelände lag. Hohe Gräser spendeten wohltuenden Schatten und ein wenig verschnaufen konnte nicht falsch sein. Die feuchte Hitze drückte und jeder versuchte sich im Schatten der Bäume zu bewegen. Numu scharte seine Gruppe Touris mit lautem „Eben mal alle herkommen“ um sich und Martin linste zu dem grünen Tümpel, in dem jede Menge große bedrohliche Krokodilschädel mal auf-, mal abtauchten. Er wurde den Eindruck nicht los, dass diese Bösewichte alle in ihre Richtung starrten. Die vier setzten sich auf die Erhebung des vermeintlich strategisch besser gelegenen Kanals. 

Martins drei Mitstreiter beschäftigten sich seelenruhig mit einer Straßenkarte und pafften dabei in ihrer gutgläubigen Ahnungslosigkeit Zigaretten. Plötzlich hörte man unter den Betonplatten, auf denen sie sich befanden, Geräusche von unangenehmem Scharren und Kratzen. Als ob dies ein Zeichen zum Angriff aus der Unterwelt war, rotteten sich immer mehr Krokodile in Richtung des abgedeckten Kanals, auf denen die drei Ahnungslosen und er sich befand, zusammen. All die Touris, welche mit Numu gekommen waren, sah man nicht mehr und die Parkwächter hatten sich wohl in Luft aufgelöst oder befanden sich bei ihrer wohlverdienten Siesta. Derweilen hatten sich Gitte, Inka und Klausi in einem Gespräch über das bevorstehende Abendessen festgebissen und Martin starrte ungläubigsprachlos auf die vielen heranschleichenden Reptilien, die sie langsam, aber sicher einkreisten. Das war Taktik!

Einige Krokodile haben ganz beachtliche Ausmaße, wie das gefährliche „Königskrokodil“.„Sind wir womöglich jetzt denen ihr Abendessen?“, fragte er sich insgeheim, „checken die es denn gar nicht, in was für einer Gefahr sie sich befinden?“, stellte Martin entsetzt fest.

Als er sich ruhig und behutsam aufgerichtet hatte und vorsichtig ein paar Gräser zur Seite schob, erkannte man auch den Grund, warum die Krokodile sich so massenhaft und zielstrebig in ihre Richtung bewegten. Frisch geschlachtete Hühner wurden keine 20 Meter von ihnen zum Füttern auf dem Boden verteilt. Überall Blut und Federn und totes Getier. Widerlich. Und sie befanden sich genau zwischen dem Futter und den Krokodilen, diese Flussmonster mussten genau dort vorbei, wo sie sich befanden! Deshalb auch in der Nähe der Eingeschlossenen keine weiteren Touris, denn diese waren nicht so blöd und warteten auf einem erhöhten sicheren Weg gegenüber, um den gleich folgenden Fressensrausch mit ihren Digitalkameras festzuhalten.

Die vier blieben wohl wegen der hohen Gräser von den Pflegern unentdeckt. Der Schlamassel war perfekt, die Falle zugeklappt. Martins Augen suchten das Gelände nach einem kräftigen Knüppel ab, doch die brauchbaren Prügel befanden sich mittlerweile im besetzten Krokodilgebiet.

Martin umklammerte seine Allzweckwaffe, sein Schweizer Taschenmesser, fester – ein Offiziersmesser, ausgestattet mit bestem Stahl! Ein ausgezeichnetes Modell mit zwei unterschiedlich langen Klingen, einer Säge, Büchsen- und Flaschenöffner. Nagelschere, Feile und Pinzette komplettierten die reichhaltige Ausstattung. Auch der Zahnstocher, den er oft und gerne benutzte, war eine nicht zu verachtende Geheimwaffe. Damit würde er, wie die Granate einer Bazooka, in das Auge der ankommenden Panzerechsen empfindliche Stiche piksen können. Martin zupfte seine Klamotten zurecht. Vielleicht bekamen diese Viecher durch sein militärisches Outfit Respekt und machten einen Bogen um sie, wie um eine Insel im Meer. Konnte er so gegen diese gierige Armada von fiesen Krokodilen seine Haut und die der Kameraden erfolgreich verteidigen? Nun erkannte man auch, was sich unter den Hilfsbedürftigen bewegt hatte und am Ende des Kanals auftauchte.

Es war das gefährlichste Krokodil von Kachikally. Das gewaltige Königskrokodil von Kachikally.

Ein feuerspeiendes Monster, bestimmt zwölf Meter lang und an die zehn Tonnen schwer. 

 

Es war zu spät. Der Angriff hatte begonnen. Martin wollte schreien, doch erfasste ihn etwas Züngelndes, Glitschiges am Nacken und ein lautes, boshaftes Gelächter übergoss ihn wie eklige Magensäure. „Martin, seit wann knutschst du denn mit schwangeren Ziegen? Bist du eingenickt, oh mein Armer?“ Gitte klopfte auf seine Schulter. Inka und Klausi mussten gleich diese Ziegenviecher streicheln, welche sich genähert hatten. Eine trächtige Ziege hatte es auf Martin abgesehen und leckte den salzigen Angstschweiß von seinem Nacken. Von Fütterung und Krokodilen keine Spur...

 

 


Zum Buch

 

Über Facebook bekam ein gewisser Martin Stengele, den
wir aus dem Wendezeitroman `Wild Wild Ost´ bereits kennen, Kontakt zu einem gleichaltrigen User aus Gambia. Ihre Väter mussten sich in einem kleinen Örtchen namens Dien Bien Phu, nicht weit von China und in der Nähe von Laos begegnet sein. Damals in der Schicksalsschlacht 1953 oder 1954 hatten sie möglicherweise Kontakt zueinander.

 

Um den redlich verdienten Urlaub zu verbringen und dabei seinen Wissensdurst zu stillen, packte ihn eine treibende Neugier. Mit seiner Frau flog er nach Westafrika um seine Facebook-Bekanntschaft zu treffen und Zeitzeugen zu befragen.


 Wenn reisewütige Repräsentanten aus Deutschland
unterschiedlichen Alters, im kleinsten Urlaubsland Afrikas ihren Urlaub verbringen, dann kann man davon ausgehen, dass dies einen respektablen Durchschnitt der bundesrepublikanischen Urlaubskultur wiederspiegelt.


 Doch gibt es im schwarzen Afrika viele Gefahren und viele Fragen:


 Können wir davon ausgehen, dass der Gastgeber seine Gäste aus der sogenannten ersten Welt, als gleichberechtigte Rasse begrüßt oder trifft es auf Arroganz und Hochmut?


 Gibt es im eingeklemmten Land zwischen dem Senegal gefährliche Löwen und Hyänen, die
etwas von dem weitgereisten weißen Speck abhaben wollen oder sind dies nur Hirngespinste
touristischer Prahlereien?


 Wenn Flusspferde Touristenboote rammen, sind dies dann mörderische Bestien oder beschützen die Elterntiere nur ihren Nachwuchs?


 Verspeisen dort im Land entlang des Gambia-Flusses die Menschenfresser am liebsten Vegetarier oder doch nur richtiges Fleisch?


 Kann man als ausländischer Gast dem einheimischen Hotelangestellten einen Plastiksack voll Schwarzgeld anvertrauen oder verschwindet er und war mal längste Zeit
einheimischer Hotelangestellter?


 Kann man Krokodile streicheln oder ist man hinterher dem Orthopäden ein guter Freund?


 Können sich Affen am Tisch benehmen oder gehen sie lieber Angeln?


 Ist man Moskitoangriffen schutzlos ausgeliefert oder kann man sie mit einem Ventilator bekämpfen?


 Waren Sklavenjäger Sportskameraden oder der Polizeichef nur ein Spielverderber?


 Sind große Ansammlungen von Steindildos Fruchtbarkeitssymbole oder sind die Megalithen kosmischen Ursprungs?


 Sind Schalker immer nur Königsblau oder sehen Tunten alles nur durch eine rosa Brille?


 Eignen sich Briten als Darwische oder besser als Freischneider?


 Sorgt Natural Viagra für einen strammen Max oder macht es dich matt?


 Gibt es einen Schlüssel in die Vergangenheit oder gibt es für Kinder nichts zu essen?


 Sind die Malariaviren tatsächlich so groß, dass man sie mit dem bloßen Auge sehen kann oder wurde im Fieber fantasiert?


 Gibt es einen deutschen Drillmaster für Gambias Marines oder existiert General von Lettow-Vorbeck noch?


 Treiben tote Seelen vor Afrikas Küste oder leben Seefahrer in hölzernen Masken?


 Kann man leben wie Gott in Gambia oder nur benehmen wie Narren aus Alemannia?


 Lächeln gambische Gefangene gerne im Knast oder ist Steve Urkel nur ein Double?


 Sind Bumster gute Schnellläufer oder mögen sie kein Wasser?


 Darf man deutsche Polizisten winken oder ist man dann in Afrika?


 Fragen über Fragen und nur das Buch kennt die Antworten... siehe auch im Shop von mir
http://www.kajuko.de/shop/

 

 

 

 

 

Karrikaturen: Georg Zitzmann, www.schnellzeichner-karikaturist.eu