„Ich denke, so eben mal in deutscher halben Stunde treffen wir uns wieder am Bus. Da jede Menge Busse oder Buschtaxis am Market sein werden, befestigt Konteh am Bus mit langer Bambusstange deutsche Reichs-Flagge. Nein, Quatsch, natürlich offizielle deutsche Flagge. So findet jeder von euch eben easy unser Bus. Hier könnt ihr euch überall frei bewegen, lookie- lookie machen und schöne Fotoshooting. No problem.“ Erneut quälten sich Heinz und Erna aus dem Bus. Dabei drückte Erna ihrem Heinz mit beiden Händen gegen seinen Allerwertesten, damit er es beim Ausstieg leichter haben sollte. Gut gemeint, aber Heinz strauchelte und flog einer Bombe gleich gegen ein rostiges Ölfass, welches als Behälter für Fischabfälle diente. „Sauerei, Kruzitürk’n. Oide, wuist mi umbringen?“ „Ah geh her, hob mi aa daschrock’n. Auf geht’s.“ Erna und Numu halfen dem Heinz auf die Beine und klopften den stinkigen Unrat aus seinen Klamotten. Numu lachte: „Heinz, wolltest mal eben Fischsuppe probieren? Kannste später ohne Stress machen.“ 

Unser Bus leerte sich und man konnte eine größere Anzahl von exotisch angekleideten Bleichgesichtern erkennen. Schicksen in Hotpants mit rosaroter Haut stakselten in hochhackigen High-Heels und knappem Oberteil durch die unbefestigten Flächen. Zudem hatten sich die paarungswilligen Weibchen jede Menge Signalfarben ins Gesicht geschmiert, um so ihren Eroszustand dem passenden Männchen anzuzeigen. Diese brummende Spezies, mastig, grimmig dreinschauend, meist halsloses Schwergewicht, folgte lustlos. Großzügige Tattoos, Muster á la Gothic kombiniert mit Stacheldraht oder Schlachtbeilen, zierten die Fleischberge von Armen – und den geröteten Kopf konnte man nicht unbedingt der Sonne zuschreiben. Ausgestattet mit den Attributen des luxuriösen Kapitalismus, weithin sichtbar protzend mit Goldketten und fetten Uhren, tapsten sie unsicher in eine andere Welt. T-Shirts mit übergroßen Schriftzeichen von Louis Vuitton, Tommy Hilfiger, Dolce & Gabbana, Ed Hardy und Co. mussten freilich zur Show herhalten. Die meisten von den Grizzlys hielten Thermobecher, die eher kleinen Whiskyfässern glichen, als Trinkgefäße in ihren behaarten Pranken. Deren Inhalt setzte sich bestimmt nicht aus frischgepresstem Multivitaminsaft zusammen. Diese für die Einheimischen exotisch wirkenden Menschen versammelten sich palavernd und grüppchenweise. Wahrscheinlich waren hier mehrere Monatslöhne der vereinigten Fischerzunft Serekundas zusammenaddiert, was hier von den paar Bleichgesichtern großkotzig zur Schau gestellt wurde, dem Gebrabbel nach eindeutig dem ehemaligen Ostblock, wahrscheinlich ehemalige Sowjetunion zuzuordnen. Eine weitere interessante Gruppe von Weißen im Camel-Outdoor-Style offenbarte sich den schwarzen einheimischen Fischern. Im Gegensatz zu ihren Ostkollegen würde man deren Herkunft eher dem Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland zuordnen. Den ehemaligen Kolonialherren. Dünner vom Habitus her, rötliche Haare, bleiche Haut, Sommersprossen, und wieselgleich pirschten sich die khakifarbenen Gesellen vorwärts wie Pfadfinder, fotografierten irgendwas Zappelndes zwischen den Holzkisten. Wer hier Weibchen und Männchen auseinanderhalten konnte, dem hatte der Allmächtige ein geschultes Auge geschenkt. Eine Ansammlung in Blau-Weiß, nicht etwa Bajuwaren, sondern Asiaten, bildete eine homogene menschenähnliche Raupe und zog durch die Reihen der Fischstände wie aneinandergekettete Kleinkinder. Immer der ersten Oberraupe, welche ein ,Hier‘-Schildchen wie einen Fächerfühler hochhob, folgend. Die Damen zugeknöpft wie die Araber, damit ja kein Sonnenstrahl ihre Haut treffe, den Mund mit Atemschutz bedeckt, wirkten eher wie eine Gruppe von Schädlingsbekämpfern unter der Sonne Gambias. Vereinzelte Backpack-Touris mit Regenbogenflagge, Sonnenblumen und weißen Tauben als Sticker auf Rucksäcken ließen sich von den gewieften Marktschreiern einlullen. Nickelbrille auf den Nasen, wollene Klamotten, filzige lange Rastalocken waren ihre Markenattribute. Da die schwarzen Verkäufer sich sehr flexibel auf Kundschaft einstellen können, hörte man deutlich: „Bio fish, very good fresh fish. Sell it, is good for our Ökologie. Natural Wildlife. Is good for Gambia. Natural Certificate no problem.“ „Buah, was für ein Gestank. Ich muss gleich reihern.“ Marvin nahm gleich beide Hände vor sein Gesicht und hob sich mit einem verbissenen Gesichtsausdruck die Nase zu. „Dat sind ja Millionen von Fliegen hier. Da brauch isch ’nen Schluck zum Desinfizieren. Dat is ja schlimmer wie auf ’ner Müllhalde.“ Manne trottete davon, im Schlepptau Moni samt nörgelndem Bengel. Sogleich wurden sie eingekesselt von Kleinkindern, die sie schrill in die Zange nahmen: „Mama, papa, mama, papa. Football, please give me football. Menties, please menties.“ Brigitte und Martin verselbständigten sich mit einem richtungsweisenden Nicken in Richtung Räucherei. ES stakselte hinzu: „Halt, ihr zwei Süßen. Darf ich mich euch Turteltäubchen denn anschließen? Mit dem Primaten Manne und diesem Bengel lauf ich keinen Meter. Ich, die Janette, die Nette und flach wie ’ne Flunder, brauche Menschen um mich und keine Miesepeter. Hi, hi.“ „Okay, kann ich bei deiner Oberweite nachvollziehen. Das ist Brigitte oder Gitte, auch mit oder ohne Titte ... Quatsch, Schatz, war ein Witz. Und ich bin der Martin, einfach nur Martin, hatten wir aber, glaube ich, im Bus schon erwähnt.“ „Martin, my love ... du Feger... von Dieter Krebs ... wenn ich dich von Weitem sehe, wird mir heiß und kalt. Ich will dich haben, dich benutzen, und sei es mit Gewalt. Du bist mein Treibsatz, bist mein Motor, bist mein Kraftpaket, du bist aus dem Eisen für den Schlüssel, der mein Schloss aufdreht! Martin, my love“, trillerte es von ES an die Ohren von Martin und Gitte. Diese verdrehten die Augen, was als „Die/der hat auch was an der Klatsche“ zu deuten wäre. „Martin, soll ich dir schon mal ’ne Gleitcreme kaufen gehen?“, äffte Brigitte ihren Partner nach und zeigte ihren zuckenden Mittelfinger mit einem breiten Grinsen. „Nö, lass mal, ist doch ein nettes Ständchen von der Janette, der Netten. Die steht eher auf Schwarze.“ Wohlbefinden wäre anders zu definieren. Die Dreier-Allianz bewegte sich in die erwähnte „moderne“ EU-finanzierte Fischräucherei. Wenn dem so war, dass hier europäische Gelder für eine Fischräucherei geflossen waren, dann bestimmt nicht in diese. Oder der oder diejenigen cleveren Organisatoren hatten einen ordentlichen Batzen für sich selber eingestrichen. Apokalyptische dampfende Bruchbude, würden es Normalmenschen nennen. Fische hingen in langen Reihen in betonierten Becken und der Qualm räucherte von unten über sie hinweg. Es roch schon ein wenig streng. Für Martins Begriff aber noch im Rahmen. Es war ja eine offene Fischräucherei und keine Beautyfarm. Die Asiaten hatten längstens alle ihren Mundschutz mit Eukalyptusspray behandelt und es sah ein wenig aus wie in einem bizarren Mad-Max-Film, in dem Rauchdunst hoben sich die männlichen Russenkörper umso gigantischer und abstrakter ab in Richtung Arnold, Rambo und Hulk.

 


Zum Buch

 

Über Facebook bekam ein gewisser Martin Stengele, den
wir aus dem Wendezeitroman `Wild Wild Ost´ bereits kennen, Kontakt zu einem gleichaltrigen User aus Gambia. Ihre Väter mussten sich in einem kleinen Örtchen namens Dien Bien Phu, nicht weit von China und in der Nähe von Laos begegnet sein. Damals in der Schicksalsschlacht 1953 oder 1954 hatten sie möglicherweise Kontakt zueinander.

 

Um den redlich verdienten Urlaub zu verbringen und dabei seinen Wissensdurst zu stillen, packte ihn eine treibende Neugier. Mit seiner Frau flog er nach Westafrika um seine Facebook-Bekanntschaft zu treffen und Zeitzeugen zu befragen.


 Wenn reisewütige Repräsentanten aus Deutschland
unterschiedlichen Alters, im kleinsten Urlaubsland Afrikas ihren Urlaub verbringen, dann kann man davon ausgehen, dass dies einen respektablen Durchschnitt der bundesrepublikanischen Urlaubskultur wiederspiegelt.


 Doch gibt es im schwarzen Afrika viele Gefahren und viele Fragen:


 Können wir davon ausgehen, dass der Gastgeber seine Gäste aus der sogenannten ersten Welt, als gleichberechtigte Rasse begrüßt oder trifft es auf Arroganz und Hochmut?


 Gibt es im eingeklemmten Land zwischen dem Senegal gefährliche Löwen und Hyänen, die
etwas von dem weitgereisten weißen Speck abhaben wollen oder sind dies nur Hirngespinste
touristischer Prahlereien?


 Wenn Flusspferde Touristenboote rammen, sind dies dann mörderische Bestien oder beschützen die Elterntiere nur ihren Nachwuchs?


 Verspeisen dort im Land entlang des Gambia-Flusses die Menschenfresser am liebsten Vegetarier oder doch nur richtiges Fleisch?


 Kann man als ausländischer Gast dem einheimischen Hotelangestellten einen Plastiksack voll Schwarzgeld anvertrauen oder verschwindet er und war mal längste Zeit
einheimischer Hotelangestellter?


 Kann man Krokodile streicheln oder ist man hinterher dem Orthopäden ein guter Freund?


 Können sich Affen am Tisch benehmen oder gehen sie lieber Angeln?


 Ist man Moskitoangriffen schutzlos ausgeliefert oder kann man sie mit einem Ventilator bekämpfen?


 Waren Sklavenjäger Sportskameraden oder der Polizeichef nur ein Spielverderber?


 Sind große Ansammlungen von Steindildos Fruchtbarkeitssymbole oder sind die Megalithen kosmischen Ursprungs?


 Sind Schalker immer nur Königsblau oder sehen Tunten alles nur durch eine rosa Brille?


 Eignen sich Briten als Darwische oder besser als Freischneider?


 Sorgt Natural Viagra für einen strammen Max oder macht es dich matt?


 Gibt es einen Schlüssel in die Vergangenheit oder gibt es für Kinder nichts zu essen?


 Sind die Malariaviren tatsächlich so groß, dass man sie mit dem bloßen Auge sehen kann oder wurde im Fieber fantasiert?


 Gibt es einen deutschen Drillmaster für Gambias Marines oder existiert General von Lettow-Vorbeck noch?


 Treiben tote Seelen vor Afrikas Küste oder leben Seefahrer in hölzernen Masken?


 Kann man leben wie Gott in Gambia oder nur benehmen wie Narren aus Alemannia?


 Lächeln gambische Gefangene gerne im Knast oder ist Steve Urkel nur ein Double?


 Sind Bumster gute Schnellläufer oder mögen sie kein Wasser?


 Darf man deutsche Polizisten winken oder ist man dann in Afrika?


 Fragen über Fragen und nur das Buch kennt die Antworten... siehe auch im Shop von mir
http://www.kajuko.de/shop/

 

 

 

 

 

Karrikaturen: Georg Zitzmann, www.schnellzeichner-karikaturist.eu