Gefährliche Flussfahrt, oder Helden sterben zum Schluss

Rasta-Svenja: „Nu, sehen wir vielleicht auch Nilpferde und Krokodile?“ Numu in seiner typischen Gelassenheit: „Wenn wir Glück haben, ja. Wenn wir Pech haben, nein. Habe noch keine SMS-Bestätigung von Chef-Hippo erhalten und Krokodil hat eben noch Mittag. Quatsch jetzt. Es gibt noch einige Nilpferdfamilien und einige Krokodile, etwas weiter flussaufwärts.“ Das Boot drehte wieder in seinen Kurs und das Bordessen wurde angerichtet. Es gab als Buffet verschiedene Salate, gegrillte Hähnchenteile und Reis. Einer nach dem anderen haute sich den Wams voll. Aus der Kühlbox entnahm sich jeder Julbrew oder Softgetränke. Nach getaner Arbeit machte es Martin den anderen Gästen nach und döste nach seinem zweiten Julbrew ein wenig auf der Bank. Seinen olivfarbenen Schlapphut zog er tiefer und sein matter Kopf fand Halt an einem Holzpfosten. Plötzlich Aufregung und Geschrei: „Da, Nilpferde, eine ganze Gruppe, wie schön. Die kommen direkt auf uns zu. Schaut mal, wie süß die Kleinen da sind. Hier, hallo ihr lieben Nilpferde, wir sind hiiier.“ Rasta-Svenjas Stimme überschlug sich förmlich vor Freude. Sie deutete nervös erst mit ihrem Finger auf die fleischigen Gestalten des Wassers und fuchtelte dann mit den Armen wie ein zappelnder Hampelmann. Sofort hetzten die meisten der Bootsgäste unüberlegt auf die Backbordseite. Das Boot neigte sich mittlerweile in eine bedrohliche Schieflage. Numu und Lucky, beunruhigt und zum ersten Mal seit Beginn der Reise hektisch und laut: „Leute, lasst mal das Gefuchtel eben und schön cool bleiben. Setzt euch mal eben gleichmäßig links und rechts dahin, sonst kriegt das Boot eben noch Probleme und kippt aus den Latschen. No Hektik please, no Hektik. Hippo macht nichts, wenn man nicht so nah an sie rankommt und schön ruhig bleibt. Die wollen nur Babys verteidigen. Alles No problem. Verteilt euch eben mal schnell gleichmäßig.“  50Cent ganz kleinlaut: „Und wenn wir ins Wasser fallen, werden wir von den Viechern dann aufgefressen?“ „Nein, dich Mops können die Viecher mit einem Mal schlucken“, stichelte ES.
Die Anweisungen Numus und Luckys wurden gänzlich ignoriert. Alle Touris beharrten auf ihrem Premium-Gafferplatz, nämlich auf der Seite der ankommenden Flusspferde, um die paar kleinen Babyflusspferde samt Live-Abenteuer mit den High-Tech-Geräten einzufangen. Doch die Hippos schienen alles andere als erfreut über die Anwesenheit  der störenden, wild wedelnden und kreischenden Zweibeiner zu sein. Aufgeregt schnauften und schwammen sie wie römische Rammgaleeren unter einem beängstigenden Getöse mit einer respektablen Geschwindigkeit auf die zerbrechlich wirkende Nussschale zu. Monströse Ausmaße hatten mittlerweile diese Fleischberge und sahen alles andere als schnuckelig aus. Hatten überhaupt nichts gemeinsam mit den bekannten plüschigen Steifftierchen, wie sie da schäumend auf einen zuruderten. Kommandos in einer Sprache, die von den Touris wohl niemand verstand, flogen durch die Luft. Es geschah dann alles recht schnell. Rums, und die Nussschale wurde durchgeschüttelt. Ein weiterer heftiger Stoß gegen den Rumpf des Bootes und noch einer ließen das Holz zerbersten. Ein verzweifelter Ruf von jemandem: „Sie sind in unser Boot gekracht. Hilfe ...“. „Diabolo“, „Jesus“ und „Mamma mia“ kamen eindeutig aus dem bedrängten italienischen Lager. Das Boot schlingerte und die Planken des Bootes knirschten gar fürchterlich. Holzsplitter flogen wie Schrapnelle durch die Luft. Glassplitter splitterten überall dagegen. Das italienische und das deutsche Geschrei verschmolzen zu einem angstvoll klingenden Hilfsgewinsel. Martin sah sich um, sah die große Machete in der dahinrollenden Wassermelone stecken und schnappte sich diese in einer eleganten Bewegung beim antrainierten Abrollen, als er durch die perfekt ausgeführte Rammaktion zu Boden gerissen wurde. Alle wurden auf das Bootsdeck und gegen die Wände geknallt. Das Boot hatte nun schnell extreme Schlagseite, die Schiffssirene pfiff wie die der leibhaftigen Titanic, SOS wurde vom Kapitän abgesetzt und wie in Zeitlupe kippte das Boot zur Seite. Alle rutschten oder plumpsten und fanden sich verstreut im dunklen Wasser wieder. Nach einer Sekunde der vermeintlichen Stille suchte Martin mit seinen Augen die Umgebung ab. Ein erst leises, dann lauter rufendes „Gitte, Gitte“ verstummte urplötzlich bei ihm, als er sich umdrehte. Das brodelnde und weiß aufschäumende Wasser deutete erneutes Unheil an. Schon konnte Martin einen besonders großen, bösen, aggressiven  Hippobullen mit weit aufgerissenem Maul auf eine Gruppe von Italienerinnen direkt neben ihm zuschwimmen sehen. Die bildhübschen Weiber schrien erbärmlich, wandten ihre Gesichter ab, um nicht in den Augen des Monsters den Tod erblicken zu müssen. Die letzten Sekunden ihres erbärmlichen Lebens zählten sie herunter und dann nahm Martin sich ein Herz. Seine heroische Pflicht als ritterlicher Gentleman bester Schule war für ihn eine aufopfernde Selbstverständlichkeit. Mit dem heldenhaften Mut eines Indiana Jones kraulte er, zu allem entschlossen, dem stinkenden Atem des Ungeheuers entgegen. Die Machete fest zwischen die Zähne geklemmt, das rote Stirnband um die Stirn gebunden, Rambo war nunmehr zu seinem eigenen Schatten degradiert worden. Ein ungleicher Kampf auf Leben und Tod entbrannte. Das Geschrei der Frauen drang an seine Ohren, bis er im heldenhaften Gefecht unter Wasser gedrückt wurde. Stille, dann Blasen, ein kleiner Punkt Helligkeit über ihm – und er schnellte aus dem Wasser wie ein Atom-U-Boot. Im entscheidenden Moment hob Rambo-Martin den Arm mit voller Kraft und stach diesem 20-Tonnen-Ungetüm die Machete direkt ins funkelnde, eiskalt blickende Auge. Der Stich war kühl berechnend, gnadenlos, erbarmungslos, hemmungslos, anstandslos. Ein lang gezogener Todesschrei des Monsters, blutrot schäumendes Wasser, und das Teufelstier wurde in den Schlund der Tiefe des Flusses gezogen. Verletzt, taumelnd, doch die Hand hoch aus dem Wasser zum Himmel gestreckt, mit dem gespreizten V als Zeichen des Triumphes und einem befreienden „Ich lebe noch, ich lebe noch, mir geht es gut“ sah er auf die prallbusigen Titten, welche von den zujubelnden Amazonen Ita
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liens durch die durchnässten T-Shirts zu ihm blickten, dann verließen ihn seine titanischen Kräfte und es wurde dunkel um ihn. Ein noch letztes, weit entfernt graziles Winken, die vielen zärtlichen Handküsse vernahm er noch dämmrig in seine Richtung von der schönen, geretteten Weiblichkeit, dann wurde ihm warm ums Herz, der Held entrückte nun endgültig der Realität ...! „Martin, ey, Martin, wach doch auf und fuchtele nicht so nervös mit den Armen. Was ist denn los mit dir, fantasierst hier und babbelst vielleicht einen Scheiß. Hast du so feste gepennt? Der Numu will was sagen, sperr mal deine Ohren auf und setz dich mal wieder ordentlich hin. Völlig nassgeschwitzt bist du.“ Gitte beförderte ihren Martin mit einem Knuff gegen seine Seite in die Realität zurück.

 

 

 


Zum Buch

 

Über Facebook bekam ein gewisser Martin Stengele, den
wir aus dem Wendezeitroman `Wild Wild Ost´ bereits kennen, Kontakt zu einem gleichaltrigen User aus Gambia. Ihre Väter mussten sich in einem kleinen Örtchen namens Dien Bien Phu, nicht weit von China und in der Nähe von Laos begegnet sein. Damals in der Schicksalsschlacht 1953 oder 1954 hatten sie möglicherweise Kontakt zueinander.

 

Um den redlich verdienten Urlaub zu verbringen und dabei seinen Wissensdurst zu stillen, packte ihn eine treibende Neugier. Mit seiner Frau flog er nach Westafrika um seine Facebook-Bekanntschaft zu treffen und Zeitzeugen zu befragen.


 Wenn reisewütige Repräsentanten aus Deutschland
unterschiedlichen Alters, im kleinsten Urlaubsland Afrikas ihren Urlaub verbringen, dann kann man davon ausgehen, dass dies einen respektablen Durchschnitt der bundesrepublikanischen Urlaubskultur wiederspiegelt.


 Doch gibt es im schwarzen Afrika viele Gefahren und viele Fragen:


 Können wir davon ausgehen, dass der Gastgeber seine Gäste aus der sogenannten ersten Welt, als gleichberechtigte Rasse begrüßt oder trifft es auf Arroganz und Hochmut?


 Gibt es im eingeklemmten Land zwischen dem Senegal gefährliche Löwen und Hyänen, die
etwas von dem weitgereisten weißen Speck abhaben wollen oder sind dies nur Hirngespinste
touristischer Prahlereien?


 Wenn Flusspferde Touristenboote rammen, sind dies dann mörderische Bestien oder beschützen die Elterntiere nur ihren Nachwuchs?


 Verspeisen dort im Land entlang des Gambia-Flusses die Menschenfresser am liebsten Vegetarier oder doch nur richtiges Fleisch?


 Kann man als ausländischer Gast dem einheimischen Hotelangestellten einen Plastiksack voll Schwarzgeld anvertrauen oder verschwindet er und war mal längste Zeit
einheimischer Hotelangestellter?


 Kann man Krokodile streicheln oder ist man hinterher dem Orthopäden ein guter Freund?


 Können sich Affen am Tisch benehmen oder gehen sie lieber Angeln?


 Ist man Moskitoangriffen schutzlos ausgeliefert oder kann man sie mit einem Ventilator bekämpfen?


 Waren Sklavenjäger Sportskameraden oder der Polizeichef nur ein Spielverderber?


 Sind große Ansammlungen von Steindildos Fruchtbarkeitssymbole oder sind die Megalithen kosmischen Ursprungs?


 Sind Schalker immer nur Königsblau oder sehen Tunten alles nur durch eine rosa Brille?


 Eignen sich Briten als Darwische oder besser als Freischneider?


 Sorgt Natural Viagra für einen strammen Max oder macht es dich matt?


 Gibt es einen Schlüssel in die Vergangenheit oder gibt es für Kinder nichts zu essen?


 Sind die Malariaviren tatsächlich so groß, dass man sie mit dem bloßen Auge sehen kann oder wurde im Fieber fantasiert?


 Gibt es einen deutschen Drillmaster für Gambias Marines oder existiert General von Lettow-Vorbeck noch?


 Treiben tote Seelen vor Afrikas Küste oder leben Seefahrer in hölzernen Masken?


 Kann man leben wie Gott in Gambia oder nur benehmen wie Narren aus Alemannia?


 Lächeln gambische Gefangene gerne im Knast oder ist Steve Urkel nur ein Double?


 Sind Bumster gute Schnellläufer oder mögen sie kein Wasser?


 Darf man deutsche Polizisten winken oder ist man dann in Afrika?


 Fragen über Fragen und nur das Buch kennt die Antworten... siehe auch im Shop von mir
http://www.kajuko.de/shop/

 

 

 

 

 

Karrikaturen: Georg Zitzmann, www.schnellzeichner-karikaturist.eu