Kommissar Schneider aus Stuttgart im Urlaub, Vietnam

Flug Frankfurt - Saigon

Irgendwo nach 5 Stunden Flugzeit. Schneider stand an der Bordküche und süffelte Wein, welche ihm die Stewardess auf dem Tresen überließ. Er blickte aus dem kleinen Fensterchen in die Nacht.

Sternenklar, hin und wieder sah er weit entfernt am Boden Lichter leuchten.

Bei so einem Anblick fiel Schneider der Song

,Über den Wolken‘ von Reinhard Mey ein. Dieser Song hatte

was, obwohl sich der Kommissario eher dem Hard Rock verschrieb.

Es dauerte nicht lange, bis sich ein Durstiger zu Schneider

gesellte und sich ebenfalls einen Becher Rotwein einschenkte.

„Gestatten, mein Name ist Ronny Nowak. Ich komme aus Meißen,

das ist in Sachsen.“

„Das tut mir aber leid“, antwortete Schneider, ohne sich vom Fenster

abzuwenden.

„Wieso leid? Meißen ist eine wunderschöne Stadt“, etwas angesäuert

so sein Gegenüber.

Schneider fing sich recht schnell: „Ich meine damit, dass Sie einen

langen Anfahrtsweg bis zum Frankfurter Flughafen hatten“, und

nannte seinen Namen und seine Herkunftsstadt.

„Ah, okay. Stuttgarter. Trollinger und Lemberger gibt es da leckeren“,

wusste der Sachse zu berichten.

Schneider antwortete mit einem kurzen „Ja“ und wandte sich nun

endlich von Angesicht zu Angesicht seinem neuen Gesprächspartner

zu.

„Und Riesling und Silvaner und Weißherbst auch. Die sind richtig

lecker. Unsere Sachsenweine haben zu wenig Dampf, da können

wir mit denen aus dem Süden nicht mithalten, sehr zum Wohle.“

Schneider bestätigte dies mit einem mürrischen kurzen „Ja, stimmt,

dafür produziert ihr guten Esina Essig und Bautzner Senf“ und

trank einen Schluck des dunklen Rebensaftes aus dem Gläschen.

Der Sachse leerte sein Glas auf ex. Das mit dem guten Essig und

dem Bautzner Senf überhörte er bewusst, oder unbewusst.

„Das Zeugs hier ist aber auch nicht von Pappe, ich trinke nämlich

gerne und viel Wein. Eigentlich bin ich mehr Rotweinfan, und du?“

Scheider: „Auch so, manchmal tut es auch ein Weißer, aber der hier geht

schon. Was will man auch den ganzen Flug über tun. Die Sitze

sind eng, mein Ranzen ist fett, nur lesen geht auch nicht, aber hier

lässt sich die Zeit doch ganz gut aushalten. Zum Wohl.“

Kurzes Schmatzen der Weinprofis.

„Wohin soll es denn gehen?“, wollte der neue Weinfreund wissen.

„In die Nähe von Nha Trang, in ein kleines Resort erstmals, und

bei dir?“

„Saigon erst, dann Hue, dann Hanoi, Halong Bay, Bangkok und

dann zurück nach Deutschland. Habe zwei Wochen Zeit.“

„Respekt, so wie die Amis Europa und Israel in zwei Wochen“,

stellte Schneider fest, „alleine bei dem Marathon unterwegs oder

mit Begleitung?“

„Meine Frau schläft dort hinten. Die lasse ich schön schlafen,

nu“, antwortete der Sachse und schenkte sich schnell noch ein

Gläschen ein, als ob er Angst hätte, dass jeden Moment seine Frau

auftauchen würde, um ihn wegen der Schluckerei zu maßregeln.

Da war es, was Schneider vermisst hatte, das „Nu“. Das weltberühmte

„Nu“ der Sachsen.

Wenn das nicht kommt, dann fehlte was. Nun war er beruhigt

und lächelte ein wenig.

„Ich bin alleine unterwegs; und was machen Sie in Deutschland,

doch nicht etwa Weinverkoster?“ Schneider grinste.

Kleine Pause.

„Jetzt ohne Scheiß und bitte nicht lachen. Ich wollte Winzer werden,

nu. Wir haben ja auch Weinbaugebiete in und um Meißen und

Dresden, so um die knappe 450 Hektar kommen da schon zusammen.

Das ist ja nicht von Pappe. Gut, nicht so viele wie ihr im Süden,

aber einige Hektar sind es schon. Im Radebeuler Wein-Kombinat

VEG Wackerbart hatte ich mich mit 17 Jahren als Lehrling gemeldet

und wurde prompt genommen“, plapperte der Meißner los.

„Echt? Wir in Baden-Württemberg kratzen gerade mal um die

26.500 Hektar zusammen. Also auch nicht so dolle. Bist also ein

fast echter Wengerter?“

 

Lehrlingsbuben

„Nein. Ich erzähle es dir. Unser Lehrmeister Pöschke konnte mich

von Anfang an nicht ausstehen. Nowak, der Kerl mit den drei F

nannte er mich, was bedeutete: fettes, freches Ferkel. Gut, ich war

schon immer klein und ein wenig stabil auch. Ich konnte mich

anstrengen, wie ich wollte. Keine Chance. Der hatte es auf mich

abgesehen. Dazu soff er noch heimlich Weißen, und das nicht

schlecht.“

Schneider unterbrach: „Schnaps meinst du?“

Als Antwort folgte ein doppeltes „Nu, nu“.

„Ich sah ihn des Öfteren in seine Meisterstube gehen. Durch das

Fenster konnte ich von der Lagerhalle hineinblicken, wie er sich

öfters einen gurgelte. Die Schnapspulle hatte er in einem Ordner

versteckt. Einmal schaute ich ganz genau zu, und das war wohl

ein Fehler. Aus irgendeinem Grund trafen sich unsere Blicke.

Scheiße, sag ich dir, Scheiße. Dem Pöschke sein Schädel ist zu einem

großen roten Ballon angelaufen. Er stürmte aus seiner Bude

raus und brüllte: ,Fettes, freches Ferkel, sofort herkommen‘.

Er war groß mit wuscheligem Haar und wuscheligem Bart, dicker

Bauch und wütend rote Augen.

Seine Augen waren immer leicht gerötet, vom Suff natürlich, nee,

nicht von seinen Überstunden, wie er immer behauptete. Mir blieb

nichts anderes übrig, als vorsichtig zu ihm hinzulaufen. Mein

blöder Mitlehrling Rico kam gleich mit. Beide standen wir vor

ihm, er streckte natürlich seinen Ranzen raus, die Arme ins Kreuz

gedrückt, und bückte sich zu uns runter.

Dabei flüsterte er fast nicht hörbar: ,Was hast du dreifach F denn

gesehen?‘

Ich konnte nicht mal was sagen, da bekam ich auch schon eine gepfeffert

und der Rico auch gleich eine mit. ,Nichts habt ihr Bengel

gesehen, gar nichts, versteht ihr? So, und weil es euch beiden so

langweilig ist und ihr eure Nasen überall hinstecken müsst, geht

ihr jetzt brav raus Reben stecken. Die ganzen Sorten nehmt ihr mit

und fangt an im Hang die Reben zu stecken. Schön gleichmäßig und

Sorte für Sorte‘, dann verschwand er wieder in sein Meisterbüro.

Wahrscheinlich hat er weitergesoffen. Es war ja erst um neun Uhr

morgens und draußen regnete es in Strömen. Novemberwetter,

bitterkalt, und dieser Schinderhannes trieb uns wie dummes Vieh

hinaus.

An diesem Tag schworen wir Rache zu nehmen.

Mittlerweile war es Anfang März. Ricos Eltern hatten eine schöne

Datsche im Schönfelder Hochland und einen kleinen Minizoo,

bestehend aus ein paar Hühnern, Schafen und Schweinen. Die

Sau hatte vor einiger Zeit Ferkel geworfen und diese sind gerade

ins richtige Flegelalter hineingewachsen.

Wir planten ein Attentat. Nu, ein Attentat. Den Zeitpunkt hatte

ich schon im Visier. Ende März war ,Tag der offenen Tür‘ geplant.

Da Pöschke ein leidenschaftlicher Rebenzüchter war, er tauschte

mit allen möglichen Ländern irgendwelche exotischen Samen

und Stecklinge aus, freute er sich natürlich, seine Exemplare der

Öffentlichkeit zu offerieren. Ein ganzes Gewächshaus war prall gefüllt

mit diesen kleinen Raritäten. Pöschkes ganzer Stolz.

Vor dem ,Tag der offenen Tür‘ musste schon Tage vorher alles auf Hochglanz

gesäubert werden und an diesem Wochenende war ein herrliches

Wetter. Die Frühlingsblüher zeigten sich in ihrer ganzen

Pracht, die Dresdner strömten in Massen.

Rico und ich grillten Bratwurst und vor dem Glashaus mit den

Pflanzenraritäten war auf einmal eine aufgebrachte Menschentraube.

Menschen sind dort eh immer viele, aber diesmal war es

anders. Ein Aufruhr, heftiges Gelächter und Fluchen erfüllte die

Luft. Es dauerte auch gar nicht lange, als unser Pöschke wie eine

wütende Dampflock in sein Heiligtum marschierte.

Was war geschehen? Zum Erstaunen aller trieb ein freches Ferkel

sein Unwesen bei dem Sammelsurium von botanischen Raritäten

und war schön fleißig dabei, alles abzufressen. Natürlich steckten

wir dahinter. Rico und ich hatten zuvor richtig Mühe, das zappelnde

Ferkel in einen Sack zu stecken und dann mit dem Fahrrad

und dem Vieh bis hin zur Aufzuchtstation zu schieben. Es war ja

nachts und die Sau quietschte und quietschte vor Angst. Aber wir

hatten es schließlich geschafft.

Als wir den Pöschke sahen, wie er mit der Jagdflinte rumhantierte

und brüllte „Wo sind die zwei?“, wussten wir, dass nun spätestens

der Zeitpunkt gekommen war, schleunigst das Weite zu suchen.

Das war’s mit der Laufbahn als Weinbauer für Rico und mich. So

bin ich zum Polizeidienst gekommen. Rico hat rübergemacht. Aus

Angst wollte er weit weg von Dresden, von Sachsen, von der DDR

in die BRD.

Pöschke hätte uns bestimmt erschossen, wenn er uns in die

Klauen bekommen hätte. Das Ferkel hat er jedenfalls erschossen

und gegrillt. Das dreifach F, also fettes, freches Ferkel, wird ihm

wohl sein Leben lang in Erinnerung bleiben.“

Nach dieser beruflichen Erfolgsstory mussten beide über den Jugendstreich

herzlich lachen.

„Polizist biste jetzt. Ich fasse es nicht. Ja in was für einem Dienstrang

denn?“

„PM, Polizeimeister. Schön gemütlich. Ich reiße mir da keinen

mehr raus, nu.“

„Pass auf, mir ging es ähnlich so. Meine Karriere als auszubildender

Friedhofsgärtner ging genauso in die Hose. Auslöser war

der Auftrag für uns Lehrlingsbuben, welcher relativ klar definiert

war, doch hatten wir, eigentlich ich, nur Flausen im frechen

Schädel. Im Ludwigsburger Krematorium sollte eine Leiche verbrannt

werden und mein Lehrlingskamerad und ich wurden von

unserem Chef beauftragt, den aufgebahrten Leichnam mit immergrünen

Kübelpflanzen und grünen Stofftüchern ein wenig nett

und ansehnlich für die Hinterbliebenen zu dekorieren. Damit der

Verstorbene ordentlich zur Schau gestellt werden konnte. Man

benötigte hierzu elf Lorbeerpflanzen, welche man um die nicht

gerade geruchsneutrale Leiche stellen musste. Also zwischen Zellenwand

und Leiche.

Die Leiche lag wie im Gebet da mit zusammengefalteten Händen

auf dem Körper, den Kopf mit einem Tuch zusammengebunden,

und wartete so auf die trauernden Angehörigen.

Stoffel, so hieß mein Knecht, ein etwas unförmiger, depperter Lehrling,

stopfte um die Kübel feste das grüne Tuch unter Gemecker

rein. So kaschierte man die schwarzen Plastikgefäße, welche nicht

zu sehen sein sollten.

Ich dachte: ,Den Stoffel, den ärgere ich jetzt mal tüchtig‘, und

nahm die eine Hand der Leiche und zog an dieser ordentlich in

meine Richtung.

Dann ließ ich die Hand schnalzen.

Mit einem Platsch fuhr diese nun durch die Luft und landete

auf dem Rücken des Kollegen Stoffel. Dieser krabbelte wie von

der Tarantel gestochen aus der Zelle heraus, nicht ohne sich den

Kopf mehrmals an der Leichenbahre angeschlagen zu haben, und

brüllte: ,Der Tote lebt, der Tote lebt.‘

Ich lachte mich natürlich halbtot und musste den vor Angst bibbernden

Unterstift erstmal wieder beruhigen. Nachdem Stoffel

wieder arbeitstauglich war, ging es mit Blödsinn weiter.

Die insgesamt acht Zellen betrat man über einen Gang. Vor jeder

Zelle befand sich rechts auf Augenhöhe eine Tafel mit einer Ablage,

auf der ein Stück Kreide lag. Diese diente dazu, den Namen

der frischen Neuleiche auf die Tafel zu schreiben. Meist führte diesen

Akt der Informationsmitteilung der Bestatter durch. Da alle

Zellen belegt waren, standen somit überall fein säuberlich Namen

darauf. Eva Maier, Heinrich Häberle, Adolf Kretschmann, Johann

Hermann, Ernst Roth, Egon Schmidt und Anton Pfleiderer, als

Beispiel. ,So, das päppeln wir mal ein bisschen fetzig auf. Stoffel,

wische mal die Namen alle weg. Die bekommen jetzt fetzig neue.‘

,Was soll ich?‘, verdutzt doof glotzte mich der Stoffel an.

,Na die Namen auswischen. Ich habe im Kopf eine Liste mit den

neuen Namen.‘

Gesagt, getan. Der Stoffel säuberte mit einem Schwämmchen die

Namen fort und meine Kreativphase begann. Schön säuberlich

zierten die Tafeln von nun an folgende Verstorbene. Jimi Hendrix,

Brian Jones, Janis Joplin, Tommy Bolin, Jim Morrison, Keith

Moon, John Bonham und Iggy Pop, der zwar nicht tot ist, er sah

aber schon damals aus wie eine Leiche. Ich weiß nicht, ob du die

Namen kennst? Alles Rockstars aus dem Westen halt.“

„Doch, doch, die Buschtrommeln funktionierten auch im Osten“,

lachte Ronny.

„Also weiter: Ich sagte: ,So – und jetzt raus hier. Die Trauerfeier

beginnt in ein paar Minuten‘ und trieb Stoffel zur Eile. Wir Lausbuben

versteckten uns hinter einem immergrünen Strauch und

begafften nun das zu erwartende Szenario.

In Schwarz gekleidete Personen kamen mit Blumen in den Händen,

Tränen in den Augen, und wollten von ihren Liebgewonnenen noch einmal

Abschied nehmen, bevor diese oder dieser per

Flammenbrenner zu einem Urnenhäuflein zusammenschrumpfen

würde. Das Trauergejammer wandelte sich sogleich in ein

lautstarkes Schimpfen, was wir Lehrlingsbuben mit Freude registrierten.

Man hörte Worte wie Blasphemie und Sauerei, von

,Anzeigen!‘ bis hin zum Steine im Steinbruch klopfen. Das waren

exemplarisch einige dieser ausgesprochenen Nettigkeiten, welche

wir vernehmen konnten. Der Spaß wurde uns beiden gründlich

verdorben, als wir aus unserer Versteckposition an den Ohren

nach oben gezogen wurden.

Der Bestatter setzte unserem Schabernack unter Schmerzen ein

Ende.

,Ihr Dreckbären, wusste ich doch, dass ihr das wart. Ab, marsch,

zu eurem Chef, der wird sich freuen.‘

Bei einer gehörigen Standpauke durch unseren Chef Liebchen

wurden wir zwei von ihm zusammengefaltet und für den Rest

des Tages mit so viel Strafarbeit beschäftigt, dass dies für zwei

normale Tage locker ausgereicht hätte. ,… und dass ihr mir ja

nicht zurückkommt, wenn die Arbeit nicht einwandfrei beendet

ist.‘

Stoffel jammerte: ,Siehst du, Schneider, das ist alles deine Schuld.

Ich wollte das alles doch gar nicht. Jetzt, kurz nach dem Mittag,

sollen wir die vier frischen Gräber auffüllen und auch noch mit

Tannenreisig abdecken. Da wird es ja abends acht oder neun Uhr,

bis wir fertig sind, und ich will noch in den Kleintierzuchtverein

zu meinen Hasen.‘

,Stoffel, jammere nicht, ich hab da schon eine Idee, wie wir das

schnell wegarbeiten. Mit Hirn, was du halt nicht hast, musste arbeiten.

Komm lass uns das Werkzeug aufladen.‘

Das Vehikel von uns beiden bestand aus einem motorisierten,

grünen Dreirad mit Pritsche, das ganz lustig vor sich hin knatterte.

Ich fuhr zum Geräteschuppen mit Stoffel auf der Ladefläche.

Einen Spaß bereitete es mir natürlich, mit Vollbremsung das Gefährt

vor dem Schuppen zum Stehen zu bringen, sodass der arme

Stoffel fast vornüberflog.

,Mensch, geht das auch etwas sanfter?‘, meckerte Stoffel.

,Nur die Harten kommen in den Garten, mein lieber Stoffel, auf

jetzt: Pflanzerde drauf, Handwerkzeug, Fräse, Minibagger und

Dubcek aufladen.‘

,Bist du verrückt? Minibagger, Fräse und Dubcek. Wenn das der

Alte sieht, der köpft uns.‘

,Stoffel, ich denke, wir wollen pünktlich aus dem Laden raus. Das

alles von Hand buddeln? Das schaffen wir heute Nacht noch auf

den Friedhof. Nach meiner Strategie sind wir in einer Stunde mit

der Maloche fertig. Glaub deinem Oberstift. Pack jetzt an.‘

Überladen, sodass die Achse fast brach, ließen wir den Zweitakter

über die Straße knattern und fuhren in einen noch ruhenden,

friedlichen Friedhofsbereich ein.

Die vier frischen, zu Dreivierteln aufgefüllten Gräber lagen nun

vor uns und diese sollten nun ganz aufgefüllt werden. Dies funktionierte

unter Berücksichtigung der Friedhofordnung wie folgt:

Keine Ruhestörung mit irgendwelchen lauten Maschinen, ausgenommen

Kleintransportfahrzeuge, welche auf dem befestigten

Weg für Be- und Entladen kurzfristig abgestellt werden dürfen.

Zu gut Deutsch: Alles musste normalerweise mühsam mit dem

Schubkarren und von Hand hergeschleppt und eingearbeitet

werden. Nicht mit mir, dem schlauen Schneider, und meinem,

zugegeben, nicht allerhellsten Adjutanten.

,So, Stoffel, du verdichtest die Gräber mit dem Dubcek und ich

baggere die seitlich gelagerte Erde drauf. Ups, schau mal, was

liegt denn auf dem Dreckhaufen?‘

Nachdem wir uns dem Erdaushub, welcher seitlich vom Grab lagerte,

genähert hatten, konnten wir Knochen und Schädel, Hinterlassenschaften

aus den Altgräbern, erkennen.

,Wie geil ist das denn? Ganze Schädel‘, frohlockte ich und hatte

schon einen Draht in der Hand.

,Stoffel, schon mal Hula Hoop bei den Kannibalen gesehen?

Schau‘, dabei hatte ich Schlaule mit Hilfe des Drahtes die drei

Totenschädel um die Hüfte gebunden, tanzte dabei Hula Hoop

wie die Menschenfresser in Tahiti und sang: ,Schön war die Zeit,

schön war die Zeit, dort ,wo die Blumen blühn, dort, wo die Täler

grün, dort war ich einmal zu Hause …“, von Freddy Quinn.

,Mann oh Mann, du hast ja ein ordentliches Rad ab. Mach den

Scheiß ab und lass uns mit der Maloche beginnen‘, jammerte mein

Stoffel.

,Na gut, na gut, du Schisser‘ – und die Tanzutensilien wanderten

in eines der dreiviertelaufgefüllten Gräber.

Ich fing an mit dem Minibagger die Gräber vollends aufzufüllen

und Stoffel schob auf einem Sackkarren die sackschwere Explosionsramme,

genannt Dubcek, zu ihrem Einsatz.

Stoffel fing auch an, ohne sich groß Gedanken zu machen, das

monströse Gerät in den weichen, aufgefüllten Boden zu rammen.

Die Explosionsramme heißt deshalb Dubcek, weil der Explosionsklang

des schweren Verdichtungsgerätes wie ,Dubcek, Dubcek‘

klingt, so wie der Song von Otto: ,Dubcek, Dubcek, Mao Tse Tung,

Idi Amin‘. Ich dachte: ,Wenn das der Chef jetzt sehen würde, was

für eine Sauerei der Stoffel da wieder trieb‘ und grinste boshaft

in mich hinein. Ich mochte nicht mal daran denken, wie der Sarg

da unten jetzt aussah. Boah, musste das jetzt eine Pampe in dem

frisch heruntergelassenen Sarg sein. Hin und wieder blickte ich

die Gegend ab, ob nicht jemand von der Friedhofsordnung oder

gar der Chef im Anmarsch war. Es tauchte erfreulicherweise niemand

auf.

Nach dem Verdichten wieder Erde mit dem Bagger drauf, und so

wurden die vier Gräber sauber aufgefüllt und mit Schmackes von

Stoffel verdichtet.

Dass eine alte Dame in Schwarz ca. fünfundzwanzig Meter weiter

im Schock zusammenbrach, bemerkte ich erst, als ich den Minibagger

über die Rampen auf das Dreirad hochfuhr.

,Mensch, Stoffel, dort liegt eine Frau, schnell hin, erste Hilfe

leisten.‘

Der Stoffel, nicht gerade der Hellste in der Birne, sprintete los und

schulterte die alte Dame wie einen Torfsack.

,Na was soll ich jetzt mit ihr tun?‘

,Setze sie auf die Bank dort drüben und schau, ob sie noch lebt.

Blödmann‘, ich sprang von dem Dreirad und sprintete mit meiner

Wasserflasche hinzu.

,Hallo liebe Frau, was ist denn mit Ihnen?‘, säuselte ich wie ein

Engel und dabei träufelte ich Wasser über ihr Gesicht und das

Gesicht fing mit Zuckungen an, Lebenszeichen zu signalisieren.

,Das ist Krieg gegen die Verstorbenen. Das ist ungeheuerlich,

mein Herz, mir ist einfach nur übel von eurem Tun. Mörder, ihr

seid schlimmer als Mörder. Was habt ihr beiden Scheusale nur mit

meinem Mann gemacht?‘ Mit starrem, eiskaltem Blick sprach sie

diese schlimmen Worte mitten in mein Gesicht.

Mir wurde heiß und kalt und schlecht und ich versuchte alle

Möglichkeiten von Erklärungen zu finden.

,Nicht doch, gnädige Frau, das macht man nun mal heutzutage

so, und zwar deshalb, damit der Boden nicht mehr nachgibt; Sie

werden sehen, wie schön das Grab Ihres Herrn Gemahl gleich

aussieht. Sollen wir Sie wo hinbringen?‘, säuselte ich ihr wie Honig

ans Ohr, damit wir unser Unwesen zu Ende treiben konnten.

,Nein, ich will alles sehen. Alles‘, hörte man jetzt doch etwas robuster,

gar energisch aus ihrem Munde. ,Schnell, Stoffel, die Fräse

und die gute Erde runter.‘

Die Dame musste nun unter Schock mit ansehen, wie der fleißige

Stoffel die Gräber mit der aggressiv schrill kreischenden Motorhacke

wie mit einem Fleischwolf durchwühlte und ich nach

dem Arbeitsgang die letzten Ruhestätten mit feiner Erde wie ein

grüner Engel überzog.

Zum Schluss deckten vier geschickte Hände die Gräber fein säuberlich

mit Tannenreisig ab.

So als ob es nie eine Friedhofsschlacht im Vorfeld gegeben hätte.

Anstandshalber wurde die alte, gebrechliche Dame noch nach

ihrem Wohlbefinden befragt und ob sie irgendwohin gebracht

werden wollte, was sie aber verneinte. Sie winkte nur apathisch

ab und blieb sitzen.

Für uns zwei Lehrlingsburschen war das Thema erledigt, und so

knatterten wir mit unserem Gefährt vom Friedhof zu der Rückseite

des Lagerschuppens auf das Firmengelände unserer Friedhofsgärtnerei.

Diesen Weg deshalb, damit niemand erkennen

konnte, dass wir die Arbeit schon so zeitig erledigt hatten.

Für uns war somit der Feierabend eingeläutet.

Am anderen Tag fragte vorsichtig unser Chef: ,Sagt mal, habt ihr

da was mitbekommen, dass eine alte Frau auf der Friedhofsbank,

ganz in der Nähe, wo ihr gearbeitet habt, verstorben ist? Nichts

mitbekommen?‘

,Was , verstorben! Mein Gott, ist das schlimm. Nö‘, war die Antwort

von mir....

 

So, das war meine Lehrlingstory hierzu. Jetzt bin ich im Staatsdienst

Oberkommissar, also Kollegen sind wir sozusagen.“

 

 

 

 

 

Mehr im Buch :-)

 

 

 

Buchbeschreibung

Indochinakrieg, Vietnam Ende 1953. Eine kleine Garnison eines Postens des 2.R.E.I. bei einem Fischerdorf in der Nähe von Nha Trang. Die Fremdenlegionäre hatten die Aufgabe, in der Nähe gelegene Reisfelder und die arbeitende Vietnamesen zu beschützen, welche immer öfters Angriffe der Vietminh ausgesetzt waren. Nachdem eine Operation gegen die Vietminh erfolgreich durchgeführt wurde, kam es zu einem folgenschweren Zwischenfall, wobei Fremdenlegionäre grausam zu Tode kamen. Der Gegenschlag ließ nicht lange auf sich warten. Bedauerlicherweise wurden Zivilisten in den Konflikt hineingezogen und versehentlich erschossen.

60 Jahre danach trafen sich deutsche Legionärs-Veteranen des Postens in einem Resort, welches ein ehemaliger Kamerad leitet, nicht weit von ihrem damaligen Stützpunkt entfernt.

Als unvergänglicher Zeuge dieses damals befestigten Postens, blickt bis heute der steinerne Beobachtungsturm auf die idyllische Bucht von dem Hügel herab.

Einen Tag nach Heilig Abend endete die gemeinsame Besteigung zu dem Turm mit dem Tod eines der Veteranen durch eine Herzattacke. Es folgten weitere mysteriöse Todesfälle bei den angereisten, ehemaligen über 80jährigen Fremdenlegionären.

Der sich seit wenigen Tagen im Urlaub befindliche Stuttgarter Oberkommissar Schneider, welcher sich  von seinem stressigen Job erholen wollte und sich mit den teils schrillen Resort Gästen amüsierte, schlitterte in diese nicht enden wollenden Sterbevorfälle hinein. Dabei wurde er schrittweise zum Mitermittler des sächsisch sprechenden vietnamesischen Kommissars Mr. Ngo.

Ein pensionierter britischer Lehrer und nun Schriftsteller, sowie ein Rentner, welcher in seinem früheren Leben mit der DDR-Handelsmarine durch die Welt schipperte, bereicherten die revoltierenden Vorkommnisse mit ihren trockenen Sprüchen und rabenschwarzen Humor.

Somit wird ein tragisch, tödliches Rendezvous zu einer skurril anmutende Kriminal-Geschichte.  

Zur hilfreichen Rekonstruktion, was sich damals in den Wirren des Krieges ereignete, waren die abendlichen Erzählungen der Fremdenlegionäre aus jener Zeit, für Schneider von aufschlussreicher Wichtigkeit.

Der Chef des `Paradise Resort´, namens Vladimir, rückte so nach und nach mit interessanten Details heraus, woraus aus verblassten Mosaikteilchen letztendlich ein rätselhaft mystisches Gesamtbild erstellt werden konnte.

 

Seitenzahl 299 mit Fotos

 

 

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