Heiligabend

... Eckhart und Schneider schlenderten zum Resort zurück und

konnten drei von Vladimirs erschienenen Gästen am Strand palavern

hören. In Shorts und khakifarbenen Freizeithemden, welche

aussahen wie von Rangern oder vom Militär, steckten die Figuren

in Sandalen mit weißen Socken, welche fast bis an die Knie hochgezogen

waren.

„Na, haben sich die Herren schon einigermaßen eingelebt?“, begann

Schneider einen Smalltalk.

„Wird immer besser. Die Luft, die Gegend, riecht wie früher.

Noch ein paar Tage mehr hier und ich werde mich in die Jugend

zurückbilden. Wie ein Gesundbrunnen ist der Flecken hier.“

Sein Kleinerer neben ihm hüstelte ein wenig und fuhr fort: „Na ja,

schön für dich. Mir macht die Luftfeuchtigkeit doch ein wenig zu

schaffen, bin aber froh wieder hier zu sein“, und der Dritte fügte

ein wenig zynisch hinzu: „Mit 78 Jahren so eine Reise zu machen,

nur um hinterher diese letzte Fahrt mit ins Grab zu nehmen, das

hat doch was. Getreu nach dem Motto: Geboren um zu sterben.

Wir kennen die Plätze gut, wo man sterben kann. Diese Gegend

war so ein Platz. Allerdings sind wir dem Teufel von der Schippe

gesprungen.“

Und der Erstere nahm nicht gerade die Spannung

heraus, als er antwortete: „Na vielleicht klappt es nun mit dem

Sterben besser, nach all den verflossenen Jahren und dem, was

wir erlebt und gesehen haben. Vielleicht erleben wir ein Déjà-vu.“

Alle drei ehemaligen Legionäre kamen um den gekünstelten Versuch

eines Lächelns nicht herum.

„Ihr habt aber einen goldigen Humor. Demnach wart ihr schon

mal hier“, folgerte Eckhart daraus.

„Ja, und das vor langer Zeit, als Frankreich hier noch Kolonialmacht

war. Französisch-Indochina nannte man das hier. Eigentlich

hatten wir eine schöne Zeit hier, wenn nicht der Krieg gewesen

wäre. Dieser verdammte Krieg. Danach Algerien und glaubt mir,

oder uns, wenn ich für die Kameraden reden darf, wir sind jeden

Tag froh darum, dass wir noch leben dürfen. Wir waren ganz einfach

zur falschen Zeit in diesem schönen Land. Manchmal kann

man es sich eben nicht heraussuchen, wo man landet und was

das Schicksal mit einem plant. Was soll’s, lasst uns die Tage hier

genießen, ich glaube kaum, dass wir nochmals die Möglichkeit

hierfür bekommen werden. Bis später.“

Eckhart und Schneider gingen die Treppen zum Resort hoch, die

betagten Herren in ihren weißen Socken liefen gemächlich weiter

am Strand und schnupperten nach Erinnerungen für die Zukunft.

„Schau da, der Hausmeister mit seinem Adjutanten. Wie die hier

herunterschauen, merkwürdige Vögel.“

Tatsächlich erkannte auch Schneider, dass die beiden Angestellten

mit Weihnachtschmuck in den Händen auf sie herunterblickten.

Der Jüngere nagte beim Auseinanderfieseln von Weihnachtskugeln

an einer Kette mit Amulett herum, der Ältere mit

seinem Schlapphut hatte Plastikengel in der Hand, zeigte diese

den Strandgästen mit einem merkwürdigen Grinsen und offenbarte

hierbei seine Zahnlücken.

„Ticken diese Taubstummen eigentlich anders als wir?“, wollte

Eckhart wissen.

„Die beiden bestimmt. So richtig lachend oder zumindest freundlich

jemanden anblickend habe ich die noch nie erlebt“, empfand

Schneider.

Eckhart hielt inne und fragte ihn: „Vorhin warst du doch so clever,

jetzt frage ich dich mal was Intelligentes: „Kennst du die vietnamesische

Version des Russischen Roulette?“

Schneider zuckte die Schultern.

„Ein Mann spielt Flöte vor sechs Kobras. Eine davon ist taub“,

und lachte dabei laut.

Nach ein paar Schritten: „Sag mal, warst du schon in dem kleinen

Kaff dort?“

„Ja, gestern. Kann man durchaus mal durchschlendern. Sind nur

ein paar Meter von hier und es hat lauter kleine Tante-Emma-

Läden. Sollen wir vor dem Mittagessen mal hin?“

„Ja doch, gerne. Ich habe keine Zigaretten mehr, brauche

Taschentücher und noch so ein bisschen Zeugs.“

Gerade als sie kurz vor dem Militärposten waren, knatterte ein

Moped in hohem Tempo an den beiden vorbei. Sie erkannten den

grimmigen Hausmeister und als Fahrer seinen feixenden Adjutanten

mit einer Zigarette im Mund.

„Na geht’s noch knapper und noch schneller?!“, fluchte Eckhart in

den aufgewirbelten Staub hinein.

„Sehr dreist. Das ist schon eine etwas komische Zusammensetzung

in Vladimirs Resort. Diese vielen Taubstummen als Bedienungs-

und Servicepersonal. Dafür zolle ich ihm Respekt. Ich

finde es gut, dass diese Menschen dadurch die Möglichkeit haben,

Geld zu verdienen. Ist bestimmt nicht einfach, hier als Taubstummer

einen Job zu bekommen. Aber etwas seltsam sind die schon

drauf. Auch die bunte Mischung der internationalen Gäste gefällt

mir sehr gut, und nun diese alten Legionäre. Die sind doch alle

bestimmt schon plus/minus um die achtzig Jahre. Würdest du in

dem Alter tausende von Kilometer in der Weltgeschichte deiner

Vergangenheit nachreisen? Ich bestimmt nicht. Oder vielleicht

doch? Ich denke, da werden wir noch einige schöne Unterhaltungen

herauskitzeln können“, freute sich Schneider drauf.

„Wer weiß, was die Männer dazu treibt, nochmals hierherzukommen?

Vielleicht ihre nicht ehelichen Kinder“, amüsierte sich Eckhart.

Beim ersten Tante-Emma-Laden kaufte sich Eckhart seine Dinge,

die er haben wollte. Schneider zeigte angesichts der ihm bereits

bekannten rundlichen und wieder freundlich dreinblickenden

Verkäuferin auf den Kühlschrank. Mit seinen zwei Fingern deutete

er eine Zwei an. Durch ein Kopfnicken gab sie zu verstehen,

dass sie verstanden hatte, und stellte zwei Tiger-Beer auf das Plastiktischchen.

Eckhart blickte ein wenig unsicher auf das Kindertischchen und

auf die Kinderstühlchen.

„Was? Da soll ich mich reinsetzen? Wer weiß, ob ich da je wieder

hochkomme. Nee, ohne mich.“

Stehen war die bevorzugte Variante, um das Tiger-Bierchen gefahrlos

zu zischen.

„Tut das gut. Komm, lass uns zurückgehen. Mir schmerzen die

Füße.“

Eckhart bezahlte und das Duo verabschiedete sich.

„So weit die Füße tragen. Mit diesen Gummilatschen kannst ja

wirklich nicht wie Hardy Krüger laufen“, kritisierte Schneider.

„Wieso Hardy Krüger? Clemens Forell wurde von Heinz Weiss

gespielt. Hardy Krüger findest du in ,Einer kam durch‘. Na ja, ist

ja fast das Gleiche“, schmunzelte Eckhart.

„Wie spät ist es denn? Lohnt es sich, sich nochmals auf die Plauze

zu legen?“, wollte Eckhart wissen.

„Plauze? Meinst wohl noch ein wenig ruhen?“

Schneider blickte auf seine Armbanduhr: „Zehn vor halb zwölf.“

Ein ungläubig dreinblickender Eckhart: „Was ist? Wie viel Uhr?“

„Okay, man kann es auch elf Uhr und 20 Minuten nennen“, übersetzte

Schneider ins Allgemeinverständliche.

„Ihr Schwaben habt so eine Art der Ausdrucksweise, ist schon

sonderbar“, murmelte lächelnd Eckhart.

Im Resort angekommen verschwanden beide in ihre Appartements

und Schneider schlief sogleich auf der Terrasse in seinem

Bambussessel ein.

Als Schneider aufwachte, war es bereits nach 17 Uhr. Er hatte

das Mittagessen verpennt, dafür geschlafen wie ein Stein. Zügig

streifte er feine Klamotten über und begab sich ins Restaurant.

Dort traf er auf eine Ansammlung von Gästen, zum Teil im feinen

Zwirn, welche dastanden und darauf warteten, einen Platz zugewiesen

zu bekommen.

Mymy verteilte die Gäste wie folgt: Schneider und Eckhart zusammen

mit dem südafrikanischen Pärchen, einem neu dazugestoßenen

englischen Pärchen, Jay mit seinen vietnamesisch-deutschen

Freunden sowie die beiden Franzosen an einen Tisch.

Die Altherrenrunde setzte sich an den gleichen Tisch wie am Mittag.

Der Rest der Gesellschaft an einem dritten langen Steintisch. Es

kamen wohl einige weitere Gäste aus dem Freundeskreis des

Gastgebers, wie Schneider aufmerksam beobachten konnte, denn

alle begrüßten Vladimir so, als ob sie sich schon seit langem kennen

würden. Küsschen hier, Küsschen da.

Unterhalten wurde sich bei Vladimirs Privatgästen in Französisch.

Das Menü wurde mit mehreren Flaschen Sekt eröffnet, welchen

Vladimir zusammen mit Mymy und Ruby voller Stolz in Gläser

füllte. Elegant wurde der Schaumwein jedem einzelnen Gast von

Vladimir mit einem leichten Diener und den Worten „Sur une

belle soirée. Have a nice evening. Auf eine schönen Abend. À

votre santé“ kredenzt.

Bei diesem Ritual hielt Ruby das Tablett, Mymy schenkte mit einem

Lächeln das Glas voll und Vladimir, der Maître, reichte es

seinen Gästen.

Eine musikalische Umrahmung lief in Form von Althippiemusik

aus den späten Sechzigern, Anfang Siebziger.

Eigentlich ungewohnt, da die Musikbeschallung im Resort komplett

unerwünscht war und somit immer ausblieb. Zu Weihnachten

genehmigte Vladimir der sonstigen Stille eine Auszeit.

Und präsentierte so einen Querschnitt aus seiner Zeit, in der er

sich wohl bis an sein Lebensende manifestierte.

Nach dem feinfühligen Song von „What a Wonderful World“ sah

sich der Franzose Bernard berufen, das Glas zu erheben, erhob

sich obendrein von seinem Platz und gab einen Trinkspruch zum

Besten: „Ihr wisst, wenn wir zu viel Alkohol trinken, werden wir

besoffen. Und wenn wir besoffen sind, gehen wir schlafen. Und

wenn wir schlafen, können wir nicht sündigen. Und wenn wir

nicht sündigen, kommen wir in den Himmel. Deshalb besauft

euch, und ihr kommt in den Himmel.“

Jay, der neben Schneider saß, brachte lediglich ein weinerliches

„Ich habe es befürchtet, ich habe es befürchtet, wie unpassend

nach diesem schönen Song von Louis Amstrong“ heraus.

Mit einem gemeinschaftlichen Cheers wurde sich für den nun

wegweisenden Spruch in den verschiedenen Landessprachen bedankt.

Weißweinflaschen wurden von den umherflitzenden zwei Mädchen

auf den Tisch gestellt. Dazu die passenden Gläser.

Vladimir ist ein Mann der vollendeten Tatsachen. Hier wurde

nicht erst groß gefragt, wer was trinken möchte, nein, er gab es

vor.

Wenn jemand, wie beispielsweise Eckhart, lieber ein Bierchen

schlabbern wollte, so musste er sich schon selber zum Kühlschrank

bequemen, um dieses zu holen.

Ebenso erging es den Gästen, welche keinen Alkohol tranken.

Die Kinder wiederum, welche sich bei den Tischen befanden,

konnten sich der Aufmerksamkeit von Vladimir erfreuen.

Als erster Gaumenschmaus wurden plattenweise Gambas mit

Knoblauch in Weißweinsoße serviert, dazu frisches Baguette und

Salate.

Der Zwischengang bestand aus gewürfeltem, rohem Thunfisch,

welcher von der Mehrheit mit Genuss verspeist wurde.

Zwischendrin schenkte Bernard ein Gläschen Wodka ein und

man unterhielt sich über Gott und die Welt in ausgelassener Stimmung.

Der Hauptgang gipfelte in einer Froschschenkelorgie. Gäste aus

dem Karlsruher Raum am unmittelbaren Nachbartisch wirkten

ein wenig perplex beim Anblick der nach Humanoiden aussehenden

Torsos, wurden aber von Vladimir in das Verspeisen dieser

wohlschmeckenden Amphibienteile sanft bestimmend eingewiesen.

Einige, die mit diesen kulinarischen Ergüssen gar nichts anfangen

konnten, beschränkten sich mit der altbewährten Pâté, den

Salaten und dem Baguette.

Bernard und seine Frau stopften sich die Froschschenkel wie Pommes

hinein. Dass es ihnen mundete, sah man schon allein daran,

wie die Knoblauchsoße an ihren Wangen herunterströmte. Dabei

fragte der Franzose die Karlsruher, welche leicht angewidert und

eher mit bleichem Gesichtsausdruck dasaßen und sich nicht richtig

wohlfühlten: „Sagen Sie mal, ich war mit meiner Frau mal, so

im März, im Schwarzwald und habe beobachtet, wie viele Menschen

jeglichen Alters schwarze Plastikfolien überall im Wald entlang

der Straßen auf sehr komplizierte Weise anbrachten …“

Die Karlsruherin wusste bereits die Antwort und unterbrach ihn:

„Ja, ja, die Krötenwanderung. Sehr schön, da helfen wir auch

immer mit, wir sind nämlich beim BUND, das ist Deutschlands

größte Umweltschutzorganisation“, antwortete sie ganz aufgeregt.

„Ja, ich habe es beim Fahren zuvor gemerkt. Zum Glück hatten

wir den Geländewagen unter dem Hintern und hatten gute Reifen,

denn das ist schon sehr rutschig, wenn man da drüberfährt.“

„Das ist ja ekelhaft“, entrüstete sich die Karlsruherin und richtete

böse Blicke auf die Franzosen.

„Moment, ich hab ja auch gehalten, direkt neben einer Gruppe

junger Menschen, welche diese Amphibien in Eimern sammelten,

und habe eine Person davon gefragt, ob ich vielleicht einen Eimer

voll bekommen könnte, ich würde auch Geld dafür bezahlen.

Aber als sie erkannten, dass wir Franzosen waren, waren diese

Personen gar nicht mehr freundlich zu uns. Ich habe Gas gegeben

und wir sind schnell weitergefahren.“

„Komm, lass uns gehen, ich bin bis aufs Äußerste empört, mir

dreht sich schon alles im Magen herum und ich kann den Geruch

dieser armen geschlachteten Lebewesen wirklich nicht ab. Beim

Anblick wird mir speiübel!“ Und die beiden Badener standen auf,

verließen die Gesellschaft mit giftigen Blicken und wurden nicht

mehr gesehen.

„Andere Länder, andere Sitten. Solcherlei Amphibienretter gibt es

in Frankreich nicht, zumindest weiß ich davon nichts. Fröschesammeln

schon, aber natürlich für die Küche“, kam als abschließender

Kommentar von Bernard.

Nach der Froschschenkeltragödie wurden die Gäste von den Tellern

und Speiseresten befreit und ein jeder Tisch plapperte zufrieden

vor sich hin. Die Empörten hatten sich ja entfernt.

Das neu dazugekommene Pärchen aus England trank brav den

von Bernard immer wieder eingeschenkten Wodka. Ihr Gesichtsausdruck

bezeugte Zufriedenheit, ihre Augen wurden immer

öliger.

„Wo kommt ihr denn her?“, wollte Bernard wissen.

„Aus England, von der Küste. Vielleicht kennt jemand die Serie Rosie

Pilcher? Dort führen wir ein bescheidenes Restaurant.“

„Ach ja. Das ist doch sehr schön, so mit Fish and Chips?“, fragte

Eckhart.

„Nicht ganz, unser Restaurant ,The Black Rock‘ in St. Ives hat eine

kleine, aber feine Menükarte. Hier meine Karte. Ihr könnt ja mal

auf unserer Homepage unter www.theblackrockstives.co.uk einen

Blick darauf werfen. Ich bin der Chefkoch und meine Frau die

Restaurantleiterin.“

Natürlich wollte ein jeder einen Blick darauf werfen.

„Wie eine Pommes-Bude sieht das ja nicht gerade aus“, stellte

Schneider fest.

Die Altherrenrunde am Nachbartisch stand geschlossen auf und

verschwand, warum auch immer.

Vladimir gesellte sich wieder zu den verbliebenen Gästen, um

hier und da mit einer aufmunternden Einlage zu erfreuen. Nach

ein paar erfrischenden Sätzen verschwand er wieder.

Als eine weitere Runde des guten Wodkas von Bernard eingeschenkt

wurde, stellte Schneider fest, dass sich die Altherrenrunde

wieder einfand.

Alle gekleidet in einem dunkelblauen Tenue, dazu graue Hosen.

Ein Képi Blanc zierte ihr Haupt. Nun standen sie an ihrem Platz,

aufrecht wie die Götzen.

Vladimir kam allmählich die Stufen von seinem Appartement

herab, ähnlich gekleidet, mit Képi Blanc, aber in einem khakifarbenen

Anzug.

Auf Anweisung eines der Herren wurde die nun unpassende Hippiemusik

abgedreht und nach einer kurzen Ruhepause konnten

die Gäste Klänge der ungewohnten Art von den ehemaligen Legionären

einschließlich Vladimirs erlauschen.

Kurzes, kerniges Kommando eines der Veteranen:

„Attention. Légionnaires reposé. Yeux droits!“

Dann wurde gemeinsam das Lied – Le Boudin – der Legion mit

tiefer Stimme gesungen:

„Tiens, voilà du boudin, voilà du boudin, voilà du boudin

Pour les Alsaciens, les Suisses et les Lorrains...

 

...Nous, la Légion.

(Deutsche Übersetzung)

Nun, das ist die Blutwurst, das ist die Blutwurst,

das ist die Blutwurst,

Für die Elsässer, die Schweizer und die Lothringer,

Für die Belgier gibt es keine, Für die Belgier gibt es keine,

Sie sind Drückeberger.

Wir sind aufgeweckt,

Wir sind gewieft,

Keine gewöhnlichen Kerle.

Wir sind oft grimmig,

Wir sind Legionäre.

In Tonkin hat die unsterbliche Legion

bei Tuyen Quang die Fahne hochgehalten,

Ihr Helden von Camerone und vorbildlichen Kameraden

Ruhet in Frieden in euren Gräbern.

Unsere Alten wussten zu sterben.

Für den Ruhm der Legion.

Auch wir wissen unterzugehen

Getreu der Tradition.

Im Verlauf unsrer fernen Schlachten

Fieber und Feuer trotzend,

Vergessen wir in unserem Leid,

Den Tod, der uns kaum vergisst.

Uns, die Legion.“...

 

Zum Abschluss erhoben die Legionäre ein kleines Gläschen Wein,

welches auf ex geleert wurde.

Kurze Ruhe, nur das Rauschen des Meeres war zu hören.

Vladimir stand auf und erklärte seinen staunenden Gästen erst in

Englisch, dann in Französisch:

„Meine lieben Gäste, Sie entschuldigen bitte, aber das sind hier

meine Kameraden von der Fremdenlegion. Wir haben uns seit

Anfang 1955 nicht mehr gesehen; und wie es der Zufall will, haben

mich meine damaligen Kameraden hier, genau hier in der

Nähe unseres alten Postens, in meinem Resort, wiedergefunden

und nun besucht. Das Lied, welches Sie soeben gehört haben, ist

die Hymne der Fremdenlegion: ,Le Boudin‘. Dies zur Erklärung,

jetzt wünsche ich weiterhin einen schönen Abend.“

Die ehemaligen Legionäre nahmen ihr Képi Blanc wieder ab und

zogen ihr Tenue aus.

Somit war das kurze Eintauchen in die Welt der Fremdenlegion

schon wieder ein Stück Geschichte.

Vielleicht nicht ganz, denn eine Edith Piaf hauchte über die

Lautsprecher ,Mon légionnaire‘ und ,Non, je ne regrette rien‘, was

dem einen oder anderen einst hartgesottenen Legionär ein zartes

Tränlein die Wangen herunterfließen ließ.

„Das hat was. Schade, ich hätte das gerne gefilmt. Nostalgie live

erlebt und husch, husch, schon wieder weg“, äußerte sich Eckhart

gerührt.

„Hättest das mal getan. Was die Herren damals erlebt haben,

war das klassische Drama, wie in allen Zeiten. Die Unfähigkeit

der Menschen, miteinander friedlich zu leben. Nun gut, sie hatten

sich ja verpflichtet. Nicht als Entwicklungshelfer mit Spaten

und Kreuz, sondern als Fremdenlegionäre mit Gewehr und Bajonett.

All diese Gefühle transportierten diese Veteranen soeben

in diesen Raum, und wir durften das hautnah miterleben.

Tja, es ist Weihnachten“, ergänzte Schneider respektvoll.

Nach einem erst zögerlichen Beifall, ausgelöst durch das südafrikanische

und englische Pärchen, stimmte die gesamte Gesellschaft

begeistert ein. Nachdem der Applaus verstimmt war, widmeten

sich alle wieder den kredenzten Genüssen verschiedener

Süßspeisen, Danone-Joghurt und Früchten.

Jay relativierte in seiner Art mit: „Kriege führen die Reichen, die

Armen die Leichen.“

Vladimir legte den Gefühlshebel herum und mit Leonard Cohens

„So Long Marianne“ wies er für diesen Abend in die weitere

musikalische Richtung.

Aus all dem Palaver und der Musik von „The Troggs“ mit ihrem

„Wild Thing“ klangen hin und wieder Wortfetzen der ehemaligen

Legionäre an Schneiders neugieriges Ohr.

Dass Vladimirs Kameraden vor zwei Tagen aus Frankfurt via Saigon

kommend in Nha Trang gelandet seien, dort übernachteten

und am andern Tag hierhergebracht wurden.

Es sollte wohl nach einem mehrtägigen Aufenthalt bei Vladimir weiter nach

Hue über Hanoi bis nach Dien Bien Phu gehen,

meinte Schneider herauszuhören.

„Vladimir, wo hast du denn diesen alten Tresor gefunden? Mann,

Mann, war das damals eine Schinderei, dieses Ding erst aus der

Wand zu reißen, dann in Richtung LKW zu hieven. Weißt noch,

als der Bankdirektor mit seiner Sekretärin händefuchtelnd reinstürmte

und rief: „Vous idiots, vous idiots, so geht das doch nicht,

verschwindet, verschwindet“, und uns wieder nach draußen gejagt

hat? Das werde ich nie vergessen“, schimpfte ein Veteran mit

dem Namen Adolf.

„Ja und der kleine Vietnamese, Nam Pham, Juán der Spanier

und ich durften mal kurz an der ganzen Kohle riechen, bevor

die Mäuse in den Alukoffern verschwanden. Ihr habt das Zeugs

ja dann brav mit diesem fetten chinesischen Bankier nach Nha

Trang zum Feldflughafen gefahren und wir konnten den Tresor

wie die Büffel wieder wegräumen. Die zurückgelassene heulende

Sekretärin von dem feigen Bankier haben wir auch noch gerettet.

Die Vietminh hätten sie ja sofort gelyncht. Hatten aber Glück gehabt,

denn nachts sickerten tatsächlich Vietminh-Kommandos

in die Ortschaft. Somit Ende gut, alles gut. Zu dem Tresor: Du

wirst es nicht glauben, zusammen mit diesem in die Jahre gekommenen

Sekretär, welcher jetzt neben diesem Tresor steht, habe ich

dieses Eisenteil auf einer Art Flohmarkt entdeckt. Die Verkäufer

haben mir das Zeugs in das Resort geschleppt, hingestellt und

seitdem steht der Tresor hier als Erinnerungsstück wie einbetoniert.“

Vladimir und die Veteranen schauten dieses Stahlding ehrfürchtig

an. „War nicht mal teuer. Umgerechnet fünfzig Dollar für dieses

Ding. Ein nettes Erinnerungsstück von damals und immer noch

voll funktionsfähig“, gab Vladimir zu verstehen. „Den bekommt

keiner auf.“

„Erinnerungsstück von damals“, wiederholte Schneider in sich

gekehrt. „Schön sieht anders aus.“

Eckhart und Bernard animierten Schneider, gemeinsam russisches

Hochprozentiges einzuverleiben.

Gerade wollte Schneider mit dem gereichten Gläschen anstoßen,

da entdeckte er Schatten bei der Rezeption... 

Mehr im Buch :-)

 

 

 

Buchbeschreibung

Indochinakrieg, Vietnam Ende 1953. Eine kleine Garnison eines Postens des 2.R.E.I. bei einem Fischerdorf in der Nähe von Nha Trang. Die Fremdenlegionäre hatten die Aufgabe, in der Nähe gelegene Reisfelder und die arbeitende Vietnamesen zu beschützen, welche immer öfters Angriffe der Vietminh ausgesetzt waren. Nachdem eine Operation gegen die Vietminh erfolgreich durchgeführt wurde, kam es zu einem folgenschweren Zwischenfall, wobei Fremdenlegionäre grausam zu Tode kamen. Der Gegenschlag ließ nicht lange auf sich warten. Bedauerlicherweise wurden Zivilisten in den Konflikt hineingezogen und versehentlich erschossen.

60 Jahre danach trafen sich deutsche Legionärs-Veteranen des Postens in einem Resort, welches ein ehemaliger Kamerad leitet, nicht weit von ihrem damaligen Stützpunkt entfernt.

Als unvergänglicher Zeuge dieses damals befestigten Postens, blickt bis heute der steinerne Beobachtungsturm auf die idyllische Bucht von dem Hügel herab.

Einen Tag nach Heilig Abend endete die gemeinsame Besteigung zu dem Turm mit dem Tod eines der Veteranen durch eine Herzattacke. Es folgten weitere mysteriöse Todesfälle bei den angereisten, ehemaligen über 80jährigen Fremdenlegionären.

Der sich seit wenigen Tagen im Urlaub befindliche Stuttgarter Oberkommissar Schneider, welcher sich  von seinem stressigen Job erholen wollte und sich mit den teils schrillen Resort Gästen amüsierte, schlitterte in diese nicht enden wollenden Sterbevorfälle hinein. Dabei wurde er schrittweise zum Mitermittler des sächsisch sprechenden vietnamesischen Kommissars Mr. Ngo.

Ein pensionierter britischer Lehrer und nun Schriftsteller, sowie ein Rentner, welcher in seinem früheren Leben mit der DDR-Handelsmarine durch die Welt schipperte, bereicherten die revoltierenden Vorkommnisse mit ihren trockenen Sprüchen und rabenschwarzen Humor.

Somit wird ein tragisch, tödliches Rendezvous zu einer skurril anmutende Kriminal-Geschichte.  

Zur hilfreichen Rekonstruktion, was sich damals in den Wirren des Krieges ereignete, waren die abendlichen Erzählungen der Fremdenlegionäre aus jener Zeit, für Schneider von aufschlussreicher Wichtigkeit.

Der Chef des `Paradise Resort´, namens Vladimir, rückte so nach und nach mit interessanten Details heraus, woraus aus verblassten Mosaikteilchen letztendlich ein rätselhaft mystisches Gesamtbild erstellt werden konnte.

 

Seitenzahl 299 mit Fotos

 

 

Zu meinem Shop auf das untere Cover tippen.