Außergewöhnliche Sterbefälle - Kommissar Schneider aus Stuttgart im Urlaub, Vietnam

Posten Lac An bei Khan Hoa

„Legionär Vladimir, du warst auch schon mal pünktlicher“, stichelte einer seiner ehemaligen Kameraden den sich rasierenden Vladimir, welcher mit dem Rücken zu ihnen stand. „Da war ich auch noch ein paar Jahre jünger, mein lieber Adolf. Zudem lebe ich schon über zwanzig Jahre hier; und hier hat man Zeit, sehr viel Zeit. Ich habe nicht einmal eine Armbanduhr. In Deutschland wohl nicht, selbst als Rentner nicht, doch hier schon, wie ihr seht: Trotzdem funktioniert alles. Wir werden schon noch rechtzeitig zum Posten Lac An, zu unserem Posten auf dem Hügel, kommen. Zu Fuß ist es nicht allzu weit bis dorthin. Ein schöner Spaziergang wird es bestimmt. Wir laufen eben gemütlich. Wir haben doch alle Zeit der Welt und Vietminh gibt es auch nicht mehr. Noch ist es nicht zu heiß. Die letzten paar Meter geht es zwar durch das Dickicht, aber das sind wir ja von früher gewohnt.“

Da die Altherrenrunde gestern am Heiligabend relativ früh zu Bett ging, waren diese Persönlichkeiten natürlich ausgeschlafen und fit. Der Alkoholkonsum beschränkte sich lediglich auf das kleine Gläschen Wein, welches bei „Le Boudin“ geleert wurde.

Nicht so der arme Eckhart, der sich bereits schon wieder im Schweiß badete; und der Bluthochdruckkessel dampfte ordentlich im roten Bereich; seine Augen glichen denen einer Grundel. „Nee, Leute, ich werde mich nochmal zu meiner Koje begeben. Jungs, bis irgendwann später“, und weg war Eckhart.

Von den Franzosen sah man auch noch nichts.

Jay und sein Anhang spazierten bereits ein letztes Mal am Strand. Man muss zugeben, dass es um diese Uhrzeit zwar nicht heiß, aber schon sehr schwül war, selbst die leichte Meeresbrise half da nicht viel.

Karl Ritter, ein etwas stabilerer, untersetzter Herr mit Glatze, sprudelte hervor: „Vladimir, heute Morgen gegen sechs Uhr, das Clarion, wie geht das denn? Halten Kameraden von der Legion immer noch unseren Stützpunkt?“ „Ja, genau, wir alle haben das Clarion gehört“, bestätigte ein weiterer Kamerad mit dem Namen Oskar Lehmann, und der Rest nickte fleißig übereinstimmend.

„Das Clarion bläst jeden Morgen um diese Zeit zum Appell, manchmal auch tagsüber. Komischerweise haben die Viets das von uns übernommen. Von den Amis haben sie das nicht, wieso auch, aber von uns schon. Seltsam, nicht wahr? Also, so daneben konnten unsere akustischen Kommandos ja wohl doch nicht gewesen sein“, lachte Vladimir......

 

Nach weiteren zehn Minuten konnte sich die Gruppe endlich auf ihren Marsch in die Vergangenheit begeben. In Richtung des einsamen Postens, der auf dem Hügel mit seinem düster anmutenden Turm stand und vieles zu erzählen vermochte. Schneider schaute auf seine Uhr, welche ihm mitteilte, dass es 10:00 Uhr sei, und das Datum mit dem 25. bezifferte.

Er winkte den abrückenden Männern zu, die Gruppe zurück.

Alle, sogar Vladimir, hatten den für damals typischen Busch-Hut, genannt Chapeau de Brousse, auf ihrem Haupt und es sah schon sehr militärnostalgisch aus.

„Schaut mal her, was ich hier habe. Kennt ihr die noch? Coup Coup“, Vladimir zeigte stolz seine zwei messerscharfen Macheten. „Klar doch, damit hauten die Vietminh doch gerne die Schädel unserer Kameraden ab“, scherzte Herbert ernst. Interessiert und mit Respekt schauten die Veteranen diese Dinger an.

„Mit dem Coup Coup konnte man wenigstens die Bambusrohre sauber abtrennen. Weißt noch, Adolf, wie du Blödel versucht hast, mit der Axt Bambushalme abzuschlagen?“, flunkerte Karl.

„Oje, diese Dreckshalme federten nur zurück, und als ich endlich den Mist abgeschlagen bekam, war das nur noch zerfetztes und unbrauchbares, zersplittertes Allerlei. Echter Mist, das Zeugs. Herbert, du mit deiner Säge sahst da auch nicht gerade glücklich dabei aus, oder? Unsere vietnamesischen Kulis haben sich da einen abgelacht, bis sie sich endlich barmherzten, uns zu zeigen, wie die Dinger abgeschlagen werden. Mit dem Coup Coup – ein sauberer Schlag, und ab war der Stecken“, so wusste Adolf zu berichten. „Nicht Stecken, Halm, mein lieber Adolf, Halm. Bambus ist Gras. Das am höchsten wachsende Gras. So viel Korrektheit muss sein“, berichtigte Vladimir.

Alle konnten sich noch sehr gut daran erinnern, wie sie frisch aus Oran ankamen, in Saigon landeten und kurz danach im Dschungel erste Erfahrungen mit den fremden Riesengräsern sammeln konnten, vernahm Schneider aus dem allgemeinen Gebrabbel. Schneider saugte die Worte der ehemaligen Legionäre fast auf und ließ dann endlich seiner Ungeduld freien Lauf. „Meine Herren, haben Sie was dagegen, wenn ich Sie begleite? Ich hatte bereits ebenfalls den Turm im Visier, aber alleine ist das so eine Sache. Mein Kumpel Eckhart ist da etwas zu schwerfällig und momentan zu erschöpft, den möchte ich nicht gerne überreden, mich zu begleiten. Alleine ist das so eine Sache, wenn man sich im Gestrüpp nicht zurechtfindet. Wer weiß, was sich da für Viecher herumtreiben. Zudem ist das für mich eine Ehre, einen exklusiven Stab ehemaliger Legionäre begleiten zu dürfen.“

Vladimir winkte Schneider zu sich: „Eckhart ist nicht erschöpft, Eckhart ist von gestern noch besoffen. Na klar doch, warum nicht? Tiger gibt es hier sicherlich keine mehr. Wenn dich unsere Vergangenheit interessiert, nur zu.“

„Natürlich interessiert es mich! Ich finde das spannend. Wo hat man das schon? Auf geschichtsträchtigem Boden mit ehemaligen deutschen Fremdenlegionären als Reiseführer? Indochina-Freaks würden ein Vermögen dafür bezahlen, was ich hier gratis bekomme. Merci!“, strahlte Schneider über alle Backen, die er hatte. Er war wie meistens schon tourmäßig angekleidet und hatte seinen potenten Fotoapparat umgehängt. Sein aufgeklapptes Notebook ließ er auf dem Tisch liegen. Klauen ist hier im Resort ein Fremdwort, das hatte er gleich erkannt, als er hier die ersten Stunden verweilte. Wenn es stören würde, dann räumten es die Mädchen schon beiseite. Die nun glorreichen Sieben bogen nach der Ressortzufahrt im strammen Schritt rechts ab. Vladimir als Zugführer, versteht sich von selbst. Schneider bildete die Nachhut und er bekam das Gefühl nicht los, dass ihr Trupp beobachtet wurde.

Sind da Seelen ehemaliger Vietminh womöglich ihre ungebetenen Begleiter?

 

 

Mehr im Buch :-)

 

 

 

Buchbeschreibung

Indochinakrieg, Vietnam Ende 1953. Eine kleine Garnison eines Postens des 2.R.E.I. bei einem Fischerdorf in der Nähe von Nha Trang. Die Fremdenlegionäre hatten die Aufgabe, in der Nähe gelegene Reisfelder und die arbeitende Vietnamesen zu beschützen, welche immer öfters Angriffe der Vietminh ausgesetzt waren. Nachdem eine Operation gegen die Vietminh erfolgreich durchgeführt wurde, kam es zu einem folgenschweren Zwischenfall, wobei Fremdenlegionäre grausam zu Tode kamen. Der Gegenschlag ließ nicht lange auf sich warten. Bedauerlicherweise wurden Zivilisten in den Konflikt hineingezogen und versehentlich erschossen.

60 Jahre danach trafen sich deutsche Legionärs-Veteranen des Postens in einem Resort, welches ein ehemaliger Kamerad leitet, nicht weit von ihrem damaligen Stützpunkt entfernt.

Als unvergänglicher Zeuge dieses damals befestigten Postens, blickt bis heute der steinerne Beobachtungsturm auf die idyllische Bucht von dem Hügel herab.

Einen Tag nach Heilig Abend endete die gemeinsame Besteigung zu dem Turm mit dem Tod eines der Veteranen durch eine Herzattacke. Es folgten weitere mysteriöse Todesfälle bei den angereisten, ehemaligen über 80jährigen Fremdenlegionären.

Der sich seit wenigen Tagen im Urlaub befindliche Stuttgarter Oberkommissar Schneider, welcher sich  von seinem stressigen Job erholen wollte und sich mit den teils schrillen Resort Gästen amüsierte, schlitterte in diese nicht enden wollenden Sterbevorfälle hinein. Dabei wurde er schrittweise zum Mitermittler des sächsisch sprechenden vietnamesischen Kommissars Mr. Ngo.

Ein pensionierter britischer Lehrer und nun Schriftsteller, sowie ein Rentner, welcher in seinem früheren Leben mit der DDR-Handelsmarine durch die Welt schipperte, bereicherten die revoltierenden Vorkommnisse mit ihren trockenen Sprüchen und rabenschwarzen Humor.

Somit wird ein tragisch, tödliches Rendezvous zu einer skurril anmutende Kriminal-Geschichte.  

Zur hilfreichen Rekonstruktion, was sich damals in den Wirren des Krieges ereignete, waren die abendlichen Erzählungen der Fremdenlegionäre aus jener Zeit, für Schneider von aufschlussreicher Wichtigkeit.

Der Chef des `Paradise Resort´, namens Vladimir, rückte so nach und nach mit interessanten Details heraus, woraus aus verblassten Mosaikteilchen letztendlich ein rätselhaft mystisches Gesamtbild erstellt werden konnte.

 

Seitenzahl 299 mit Fotos

 

 

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