Weihnachtsschmaus in Vietnam

 

Das Menü wurde mit mehreren Flaschen Sekt eröffnet, welchen Vladimir zusammen mit Mymy und Ruby voller Stolz in Gläser füllte. Elegant wurde der Schaumwein jedem einzelnen Gast von Vladimir mit einem leichten Diener und den Worten „Sur une belle soirée. Have a nice evening. Auf eine schönen Abend. À votre santé“ kredenzt.

 

Bei diesem Ritual hielt Ruby das Tablett, Mymy schenkte mit einem Lächeln das Glas voll und Vladimir, der Maître, reichte es seinen Gästen.

 

Eine musikalische Umrahmung lief in Form von Althippiemusik aus den späten Sechzigern, Anfang Siebziger.

 

Eigentlich ungewohnt, da die Musikbeschallung im Resort komplett unerwünscht war und somit immer ausblieb. Zu Weihnachten genehmigte Vladimir der sonstigen Stille eine Auszeit. Und präsentierte so einen Querschnitt aus seiner Zeit, in der er sich wohl bis an sein Lebensende manifestierte.

 

Nach dem feinfühligen Song von „What a Wonderful World“ sah sich der Franzose Bernard berufen, das Glas zu erheben, erhob sich obendrein von seinem Platz und gab einen Trinkspruch zum Besten: „Ihr wisst, wenn wir zu viel Alkohol trinken, werden wir besoffen. Und wenn wir besoffen sind, gehen wir schlafen. Und wenn wir schlafen, können wir nicht sündigen. Und wenn wir nicht sündigen, kommen wir in den Himmel. Deshalb besauft euch, und ihr kommt in den Himmel.“

 

Jay, der neben Schneider saß, brachte lediglich ein weinerliches „Ich habe es befürchtet, ich habe es befürchtet, wie unpassend nach diesem schönen Song von Louis Amstrong“ heraus.

 

Mit einem gemeinschaftlichen Cheers wurde sich für den nun wegweisenden Spruch in den verschiedenen Landessprachen bedankt.

 

Weißweinflaschen wurden von den umherflitzenden zwei Mädchen auf den Tisch gestellt. Dazu die passenden Gläser.

 

Vladimir ist ein Mann der vollendeten Tatsachen. Hier wurde nicht erst groß gefragt, wer was trinken möchte, nein, er gab es vor.

 

Wenn jemand, wie beispielsweise Eckhart, lieber ein Bierchen schlabbern wollte, so musste er sich schon selber zum Kühlschrank bequemen, um dieses zu holen.

 

Ebenso erging es den Gästen, welche keinen Alkohol tranken.

 

Die Kinder wiederum, welche sich bei den Tischen befanden, konnten sich der Aufmerksamkeit von Vladimir erfreuen.

 

Als erster Gaumenschmaus wurden plattenweise Gambas mit Knoblauch in Weißweinsoße serviert, dazu frisches Baguette und Salate.

 

Der Zwischengang bestand aus gewürfeltem, rohem Thunfisch, welcher von der Mehrheit mit Genuss verspeist wurde.

 

Zwischendrin schenkte Bernard ein Gläschen Wodka ein und man unterhielt sich über Gott und die Welt in ausgelassener Stimmung.

 

Der Hauptgang gipfelte in einer Froschschenkelorgie. Gäste aus dem Karlsruher Raum am unmittelbaren Nachbartisch wirkten ein wenig perplex beim Anblick der nach Humanoiden aussehenden Torsos, wurden aber von Vladimir in das Verspeisen dieser wohlschmeckenden Amphibienteile sanft bestimmend eingewiesen.

 

Einige, die mit diesen kulinarischen Ergüssen gar nichts anfangen konnten, beschränkten sich mit der altbewährten Pâté, den Salaten und dem Baguette.

 

Bernard und seine Frau stopften sich die Froschschenkel wie Pommes hinein. Dass es ihnen mundete, sah man schon allein daran, wie die Knoblauchsoße an ihren Wangen herunterströmte. Dabei fragte der Franzose die Karlsruher, welche leicht angewidert und eher mit bleichem Gesichtsausdruck dasaßen und sich nicht richtig wohlfühlten: „Sagen Sie mal, ich war mit meiner Frau mal, so im März, im Schwarzwald und habe beobachtet, wie viele Menschen jeglichen Alters schwarze Plastikfolien überall im Wald entlang der Straßen auf sehr komplizierte Weise anbrachten …“

 

Die Karlsruherin wusste bereits die Antwort und unterbrach ihn: „Ja, ja, die Krötenwanderung. Sehr schön, da helfen wir auch immer mit, wir sind nämlich beim BUND, das ist Deutschlands größte Umweltschutzorganisation“, antwortete sie ganz aufgeregt.

 

„Ja, ich habe es beim Fahren zuvor gemerkt. Zum Glück hatten wir den Geländewagen unter dem Hintern und hatten gute Reifen, denn das ist schon sehr rutschig, wenn man da drüberfährt.“

 

„Das ist ja ekelhaft“, entrüstete sich die Karlsruherin und richtete böse Blicke auf die Franzosen.

 

„Moment, ich hab ja auch gehalten, direkt neben einer Gruppe junger Menschen, welche diese Amphibien in Eimern sammelten, und habe eine Person davon gefragt, ob ich vielleicht einen Eimer voll bekommen könnte, ich würde auch Geld dafür bezahlen. Aber als sie erkannten, dass wir Franzosen waren, waren diese Personen gar nicht mehr freundlich zu uns. Ich habe Gas gegeben und wir sind schnell weitergefahren.“

 

„Komm, lass uns gehen, ich bin bis aufs Äußerste empört, mir dreht sich schon alles im Magen herum und ich kann den Geruch dieser armen geschlachteten Lebewesen wirklich nicht ab. Beim Anblick wird mir speiübel!“ Und die beiden Badener standen auf, verließen die Gesellschaft mit giftigen Blicken und wurden nicht mehr gesehen.

 

„Andere Länder, andere Sitten. Solcherlei Amphibienretter gibt es in Frankreich nicht, zumindest weiß ich davon nichts. Fröschesammeln schon, aber natürlich für die Küche“, kam als abschließender Kommentar von Bernard.

 

Nach der Froschschenkeltragödie wurden die Gäste von den Tellern und Speiseresten befreit und ein jeder Tisch plapperte zufrieden vor sich hin. Die Empörten hatten sich ja entfernt.

 

Das neu dazugekommene Pärchen aus England trank brav den von Bernard immer wieder eingeschenkten Wodka. Ihr Gesichtsausdruck bezeugte Zufriedenheit, ihre Augen wurden immer öliger.

 

„Wo kommt ihr denn her?“, wollte Bernard wissen. „Aus England, von der Küste. Vielleicht kennt jemand die Serie Rosie Pilcher? Dort führen wir ein bescheidenes Restaurant.“

 

„Ach ja. Das ist doch sehr schön, so mit Fish and Chips?“, fragte Eckhart.

 

„Nicht ganz, unser Restaurant ,The Black Rock‘ in St. Ives hat eine kleine, aber feine Menükarte. Hier meine Karte. Ihr könnt ja mal auf unserer Homepage unter www.theblackrockstives.co.uk einen Blick  darauf werfen. Ich bin der Chefkoch und meine Frau die Restaurantleiterin.“

 

Natürlich wollte ein jeder einen Blick darauf werfen.

 

„Wie eine Pommes-Bude sieht das ja nicht gerade aus“, stellte Schneider fest.

 

Die Altherrenrunde am Nachbartisch stand geschlossen auf und verschwand, warum auch immer.

 

Vladimir gesellte sich wieder zu den verbliebenen Gästen, um hier und da mit einer aufmunternden Einlage zu erfreuen. Nach ein paar erfrischenden Sätzen verschwand er wieder.

 

Als eine weitere Runde des guten Wodkas von Bernard eingeschenkt wurde, stellte Schneider fest, dass sich die Altherrenrunde wieder einfand.

 

Alle gekleidet in einem dunkelblauen Tenue, dazu graue Hosen. Ein Képi Blanc zierte ihr Haupt. Nun standen sie an ihrem Platz, aufrecht wie die Götzen.

 

Vladimir kam allmählich die Stufen von seinem Appartement herab, ähnlich gekleidet, mit Képi Blanc, aber in einem khakifarbenen Anzug.

 

Auf Anweisung eines der Herren wurde die nun unpassende Hippiemusik abgedreht und nach einer kurzen Ruhepause konnten die Gäste Klänge der ungewohnten Art von den ehemaligen Legionären einschließlich Vladimirs erlauschen.

 

Kurzes, kerniges Kommando eines der Veteranen:

 

„Attention. Légionnaires reposé. Yeux  droites“ ok

 

Dann wurde gemeinsam das Lied der Legion mit tiefer Stimme gesungen:

 

 

 

 „Tiens, voilà du boudin, voilà du boudin, voilà du boudin...

 

Mein neusstes Baby

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Buchbeschreibung

Indochinakrieg, Vietnam Ende 1953. Eine kleine Garnison eines Postens des 2.R.E.I. bei einem Fischerdorf in der Nähe von Nha Trang. Die Fremdenlegionäre hatten die Aufgabe, in der Nähe gelegene Reisfelder und die arbeitende Vietnamesen zu beschützen, welche immer öfters Angriffe der Vietminh ausgesetzt waren. Nachdem eine Operation gegen die Vietminh erfolgreich durchgeführt wurde, kam es zu einem folgenschweren Zwischenfall, wobei Fremdenlegionäre grausam zu Tode kamen. Der Gegenschlag ließ nicht lange auf sich warten. Bedauerlicherweise wurden Zivilisten in den Konflikt hineingezogen und versehentlich erschossen.

60 Jahre danach trafen sich deutsche Legionärs-Veteranen des Postens in einem Resort, welches ein ehemaliger Kamerad leitet, nicht weit von ihrem damaligen Stützpunkt entfernt.

Als unvergänglicher Zeuge dieses damals befestigten Postens, blickt bis heute der steinerne Beobachtungsturm auf die idyllische Bucht von dem Hügel herab.

Einen Tag nach Heilig Abend endete die gemeinsame Besteigung zu dem Turm mit dem Tod eines der Veteranen durch eine Herzattacke. Es folgten weitere mysteriöse Todesfälle bei den angereisten, ehemaligen über 80jährigen Fremdenlegionären.

Der sich seit wenigen Tagen im Urlaub befindliche Stuttgarter Oberkommissar Schneider, welcher sich  von seinem stressigen Job erholen wollte und sich mit den teils schrillen Resort Gästen amüsierte, schlitterte in diese nicht enden wollenden Sterbevorfälle hinein. Dabei wurde er schrittweise zum Mitermittler des sächsisch sprechenden vietnamesischen Kommissars Mr. Ngo.

Ein pensionierter britischer Lehrer und nun Schriftsteller, sowie ein Rentner, welcher in seinem früheren Leben mit der DDR-Handelsmarine durch die Welt schipperte, bereicherten die revoltierenden Vorkommnisse mit ihren trockenen Sprüchen und rabenschwarzen Humor.

Somit wird ein tragisch, tödliches Rendezvous zu einer skurril anmutende Kriminal-Geschichte.  

Zur hilfreichen Rekonstruktion, was sich damals in den Wirren des Krieges ereignete, waren die abendlichen Erzählungen der Fremdenlegionäre aus jener Zeit, für Schneider von aufschlussreicher Wichtigkeit.

Der Chef des `Paradise Resort´, namens Vladimir, rückte so nach und nach mit interessanten Details heraus, woraus aus verblassten Mosaikteilchen letztendlich ein rätselhaft mystisches Gesamtbild erstellt werden konnte.

 

Seitenzahl 299 mit Fotos

 

 

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